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Nagold Hospizgruppe kritisiert Corona-Besuchsverbot

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Die Ambulante Hospizgruppe Nagold besteht seit 30 Jahren. Vor allem auf dem bisherigen Höhepunkt der Corona-Krise konnten sie ihre Arbeit nur schwer leisten. Foto: Karl Huber

Nagold - Es geht um den Tod. Das Sterben. Kein leichtes Thema. Gerade in Zeiten einer Pandemie – wo das allgegenwärtige Sterben viel zu oft zu reiner Zahlen-Arithmetik führt. Die Ehrenamtlichen der Ambulanten Hospizgruppe Nagold blicken äußerst kritisch auf die zeitweiligen Corona-Beschränkungen auch für ihre Arbeit zurück – und finden deutliche Worte. Mehr lesen Sie in unserem (SB+)Artikel.

Sie wollten in diesem Jahr eigentlich ganz groß Feiern. Die Gruppe konnte im April ihr 30-jähriges Bestehen begehen. Drei Jahrzehnte Sterbebegleitung, die schon viel erreicht haben. Einen Bewusstseinswandel in der Bevölkerung einleiten konnten. Was hier in Nagold auch gerade erst in die Eröffnung des Stationären Hospiz gemündet ist. Aber damit hört die Arbeit, hören die Aufgaben der ambulanten Hospizgruppe Nagold nicht auf - die auch weiterhin beim Sterben zuhause, im Krankenhaus unterstützt. Im Gegenteil.

"Der Tod ist eine Befreiung für diese Menschen"

"Sterben ist immer noch ein Tabu-Thema." Sagt Monika Wehrstein, langjährige Vorsitzende der Hospizgruppe. Die Gesellschaft sei immer noch meilenweit davon entfernt, einen wirklich offenen, konstruktiven Umgang mit dem allerletzten Abschnitt eines Lebensweges zu finden. Beleg: "Wir werden meist viel zu spät gerufen - von Angehörigen - erst wenige Tage, bevor es zu Ende geht", erläutert eine der Nagolder Sterbebegleiterinnen: Gabi. Sie arbeitet - neben ihrem Ehrenamt in der Hospiz-Arbeit - auch hauptberuflich in der Pflege. "Jeder stirbt anders", eine ihrer Beobachtungen. Erfahrungen. Doch je länger man als Sterbebegleiter den Patienten, die Patientin kennt - eine Beziehung zu ihm / ihr aufbauen konnte, desto besser gelingt der würdevolle, der friedliche Abschied. Und desto unbelasteter wird dieses ganz besondere Erlebnis auch für die Angehörigen. Die Hinterbliebenen.

"Der Sterbende geht in Frieden." Findet vielleicht - endlich - seinen Frieden. Nach schwerer Krankheit. Einem harten Leben. "Er hat es geschafft!" Andrea ist auch Sterbebegleiterin. "Der Tod ist eine Befreiung für diese Menschen." Der mit dir, wenn du es miterlebst, "etwas macht." Eine besondere, eine einzigartige Erfahrung für die eigene Wahrnehmung. "Es gibt auch mir eine große innere Ruhe." Die einem im Alltag selbst aufmerksamer werden lässt. "Achtsamer." Ehrfurcht. Auch Demut. Vor dem Tod. Vor allem aber vor dem Leben. "Die Menschen sollten den Mut haben, das Sterben kennenzulernen." Die eigene, unbestimmte, unbewusste Angst davor ablegen. Die Ausbildung zum Sterbebegleiter bereitet darauf vor. Die dauert vier Wochenenden. Plus ein Praktikum in Pflegeheim oder Krankenhaus.

"Selbst die Angehörigen durften nicht zu den Sterbenden"

Wer jetzt denkt - oh Gott, warum sollte man sich diesem Schlimmen freiwillig aussetzen!? - Der irrt. "Schlimm war Corona", sagen unisono die Sterbebegleiter - weil sie nicht in die Krankenhäuser, in die Familien durften. Wegen falsch verstandener Hygiene-Regeln. "Selbst die Angehörigen durften nicht zu den Sterbenden", ereifert sich die Gruppe. Die Sterbenden starben alleine. Abgeschirmt. Wurden sofort verbrannt. Den Angehörigen anschließend nur eine Urne übergeben. "Da war mehr 'sachgerecht entsorgt', als ein echter, würdiger Abschied." Die Mitglieder der Hospizgruppe wählen gemeinsam und bewusst sehr drastische Worte - um klar zu machen: "So etwas darf sich nie wieder wiederholen!" Auch nicht in Zeiten einer Pandemie. "Wenn Pflegekräfte, Ärzte zu den Sterbenden dürfen - in kompletter Schutzkleidung - dann können die Angehörigen und wir das auch." Ohne Risiken für irgendjemand.

Für die Angehörigen, die so das Sterben der Eltern, Großeltern, Partner erleben mussten - Abschied ins Krankenhaus, dann die formlose Übergabe eine Urne - bedeutet diese schreckliche Erfahrung ein fundamentales Trauma. "Jedes Mal", macht Monika Wehrstein deutlich. Und sie meint nicht nur die Corona-Toten. Der Menschlichkeit - der Mitmenschlichkeit müsse auch in solchen Krisenzeiten wie diesen immer ein ausreichender Raum eingeräumt werden. Was wiederum zeigt: Die Gesellschaft braucht ein neues, verändertes, besseres Verhältnis zum Tod. Zum Sterben. "Damit der Schmerz ein Ende hat."

Sagt Karin, 81 Jahre alt. Sterbebegleiterin. Schon seit sie sieben, acht Jahre alt war. Damals natürlich nicht freiwillig: "Ich musste Wache halten bei meinem Bruder." Am Bett sitzen, bis er starb. Der Bruder hatte schweres Asthma. Wenn er zu ersticken drohte, musste das kleine Mädchen ihm auf den Rücken klopfen, bis er wieder Luft bekam. Klar - "ich hatte Angst vor dem Tod". Später starb auch die Schwester - "viel zu früh". Da hat Karin zu sich gesagt: "Das Leben ist hart." Sterbebegleitung? "Damals dachte ich, wie können sich Leute das nur antun?"

"Man kann zuhören - auch wenn keiner mehr redet"

Vor zehn Jahren dann kam der Erkenntniswandel: "Dass ich Glück im Leben gehabt habe", von diesem Glück etwas abgeben, zurückgeben wollte. Deshalb machte sie die Ausbildung zur Sterbebegleiterin. "Dadurch habe ich mich total verändert." Es kehrte eine große, innere Ruhe bei ihr ein. "Eine Ausgeglichenheit." Man kann auch das Allerschlimmste aushalten - wenn man damit einem anderen hilft. "Man kann zuhören - auch wenn keiner mehr redet." Reden kann.

Christina ist der jüngste Zuwachs in der Nagolder Hospizgruppe. "Wenn ich zuhause mit Freunden darüber reden will - entsetzen." Das Tabu. Das einem vielleicht die eigene Endlichkeit, die Zerbrechlichkeit des Lebens schmerzlich vor Augen führt. Ein Paradoxon. Denn "der Tod, das Sterben macht doch das Leben selbst erst so unendlich wertvoll!" Nur wer den Tod kennt, weiß das Leben wirklich erst richtig zu schätzen. Und verliert die Angst vor dem Ende des Lebens. "Das es einfach verdient hat, für jeden Menschen würdevoll - und so schön wie irgend möglich - gestaltet zu werden." Auch in Zeiten einer Pandemie.

Wer mehr über die Arbeit als Sterbebegleiter erfahren will, kann sich per E-Mail (nagold@igsl-hospiz.de) an die ambulante Hospizgruppe Nagold wenden oder auch direkt bei deren Vorsitzenden Monika Wehrstein anrufen (07459/1380), um weitere Informationen zu erhalten. Infos auch im Internet: www.hospizgruppe-nagold.de

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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