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Nagold Händler reagieren auf Corona-Krise

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Wenn die Kunden schon nicht ins Geschäft gehen können – "Nagold bringt’s" ihnen dann eben direkt nach Hause: Werbering-Chef Christoph Leins (rechts) und Manuel Gauss packen schon die ersten Lieferungen ein, die dann mit dem Lastenfahrrad oder per Lieferwagen zugestellt werden. Foto: Fritsch

Nagold - Kaum eine andere Branche ist so hart von den Corona-Krise betroffen wie der lokale Einzelhandel. Wir sprachen mit Siegrid Plaschke als Vorsitzende des Nagolder Cityvereins, mit Citymanagerin Anna Bierig und Werbering-Chef Christoph Leins, wie Nagolds Händler auf diese Krise reagieren.

Wie ist die  Stimmung  unter Nagolds  Händlern und Gastronomen?

Plaschke: Den Nagolder Händlern und Gastronomen geht es wie allen andern auch. Es kommt einem vor wie ein böser Traum, wie einer dieser Science-Fiction-Romane, die man früher mit Gänsehaut auf dem weichen Sofa gelesen hat. Und auf einmal ist das alles wahr…

Leins: Für uns bedeutet dies in den ersten Tagen erst mal viel Organisation. Die Mitarbeiter versorgen: alter Urlaub und Überstunden abbauen und eventuell Kurzarbeit anmelden. Mit sowas hatten wir ja bisher nichts zu tun.

Bierig: Viele merken gerade auch jetzt, wie wichtig es ist, miteinander in Kontakt zu sein und auf ein gemeinsames Netzwerk von Informationen und Zusammenhalt zurückzugreifen – egal ob in der Gastronomie oder im Einzelhandel.

Frau Plaschke, auch Sie mussten ihren Weinladen schließen.  Was geht  einem  in diesem Moment  durch den Kopf,  wenn man die Ladentür  zumachen muss?

Plaschke: Das ist einfach krass. Die Regale sind voll, das Lager ist gut bestückt mit guten Tropfen. Viele Familien sind zusammen daheim, kochen und essen gemeinsam. Dazu gehört für viele auch ein guter Wein. Nach dem ersten Schock haben wir beschlossen, einen Lieferdienst einzurichten. Wir liefern Weine ab zwölf Flaschen ohne Aufpreis in Nagold und Umgebung frei Haus. Kurz nachdem wir das auf unserer Internetseite veröffentlicht hatten, kamen schon die ersten Anrufe. Das hat mich total aufgebaut. Heute rief mich ein Kunde an: Er brauche eigentlich keinen Wein, aber er möchte den Nagolder Einzelhandel unterstützen. Er hat zwölf Flaschen bestellt. Supersache!

Ein  Nagolder Modehändler spricht von einem wirtschaftlichen Desaster  für sein Unternehmen, weil eben erst die  Frühjahrskollektion  reingekommen ist...

Leins: Für uns Textiler ist das heftig. Die frisch eingetroffene Frühjahr/Sommer-Ware hängt im geschlossenen Laden. Zum Zeitpunkt der Wiedereröffnung ist diese dann nicht mehr aktuell.

In Altensteig setzt der Werbering in diesen Zeiten auf Online-Strategien und einen örtlichen Zustellservice vor Ort. Gibt es so etwas in Nagold auch?

Plaschke: Es gibt seit Dienstag einen Lieferdienst in Nagold: Nagold bringt´s – Dein Lieferservice. Das funktioniert so: Der Kunde bestellt beim Händler direkt die Ware und regelt mit ihm auch die Zahlungsmodalitäten. Wer bis 14 Uhr bestellt, der erhält die Ware noch am gleichen Tag. Die Auslieferung regeln die Händler gemeinsam. Manuel Gauss, der Velologe, bringt kleine Lieferungen in der Stadt mit dem Lastenfahrrad, der Rest wird gesammelt und per Lieferwagen zugestellt. Folgende Orte werden angefahren: Nagold inklusive Teilorte, Jettingen, Mötzingen, Rohrdorf, Ebhausen, Walddorf und Haiterbach. Die Lieferung erfolgt frei Haus ohne Aufpreis. Mögliche Retouren müssen jeweils per Post an den Einzelhändler zurückgeschickt werden, von dem die Ware bestellt wurde. Einzelhändler, die Liefer- und Bestellmöglichkeiten anbieten, sind auf der Homepage des City- und Gewerbevereins gelistet.

Leins: Bereits über 20 Fachgeschäfte bieten eine telefonische Beratung sowie verschiedene Kontaktmöglichkeiten über Whatsapp, Facebook, Instagram und E-Mail. Darüber hinaus informieren einige Händler individuell und persönlich per Face-Time-Telefonat oder in kurzen Videos auf deren Social-Media-Seite über die neuen Frühjahrstrends. Wichtig ist jetzt nicht nur online, sondern auch lokal!

Bierig: Für uns vom Cityverein und vom Werbering ist diese Gemeinschaftsaktion auch ein Zeichen der Solidarität und des Zusammenhalts.

Wie lange, glauben Sie,  kann der lokale Einzelhandel eine  solche  Durststrecke überstehen, ohne dass Existenzen gefährdet sind?

Leins: Das ist schwer zu sagen. Das hängt von der Kapitaldecke der Firma ab. Es ist für viele kritisch. Die Löhne müssen bezahlt werden, die Miete läuft weiter und auch die anderen Fixkosten. Die Perspektive ist nicht rosig, aber wir werden kämpfen. Wir hoffen auch auf die Solidarität der Kunden. Wer heute durch leere Straßen geht mit geschlossenen Läden, der kann sich vorstellen, wie das aussehen würde, wenn der Handel aus den Innenstädten verschwinden würde.

Der "Nagolder Frühling" musste wegen Corona schon ausfallen. Wie weit plant der Nagolder Cityverein  in diesen Tagen seinen jährlichen Veranstaltungsreigen?

Bierig: Auch wir halten uns an die aktuelle Verordnung des Landes Baden-Württemberg, die bislang Veranstaltungen bis zum 14. Juni untersagt hat. Somit sind wir derzeit noch guter Dinge, dass unsere lange Einkaufsnacht, der "Nagolder Mittsommer", am 26. Juni stattfinden kann. Ich persönlich denke, ein wenig Optimismus in der derzeitigen Situation schadet nicht! Sofern das Land die Einschätzung ändert, werden wir natürlich umgehend darauf reagieren. Auch für uns steht die Gesundheit unserer Besucher sowie der Aussteller, Caterer und Einzelhändler an erster Stelle. Nach dieser Zeit des "direkten sozialen Kontakt"-Fastens bin ich davon überzeugt, dass unsere Veranstaltungen eine willkommene Abwechslung sind und gerne angenommen werden.

Wie gehen Sie ganz persönlich mit Corona um?

Leins: Ich nehme das Thema sehr ernst. Für uns steht wirtschaftlich und gesundheitlich sehr viel auf dem Spiel. Persönliche Kontakte habe ich bis auf die zur Familie eingestellt.

Bierig: Ich befinde mich seit Freitag letzter Woche im Home-Office und habe so gut wie jeden direkten Kontakt eingestellt. Videotelefonie, Sprachnachrichten und die Sozialen Netzwerke helfen, weiter in Kontakt zu bleiben, sowohl geschäftlich als auch mit Freunden und der Familie. Für mich ist das eine große Umstellung, da ich ansonsten privat als auch beruflich kaum Zeit zuhause verbringe und viel unterwegs bin. Auch wenn es manchmal nicht einfach ist und durch die derzeitige Situation auch feste Termine im Kalender nicht eingehalten werden können – zu Beispiel der 60. Geburtstag meines Papas – bin ich davon überzeugt, wenn alle zusammenhalten und ihr Möglichstes tun, wird auch Corona vorbei gehen. Spannend wird dann die Zeit danach. Was bleibt und was hat sich geändert? Kommt die ›Corona-Krise‹ in zehn Jahren schon im Geschichtsunterricht vor? Wir werden es herausfinden!

Plaschke: Mein Leben hat sich sehr verändert. Meine Tochter ist mit ihrer Familie aus der Großstadt zu mir nach Hochdorf gezogen. Jetzt teile ich mich auf zwischen Familie und dem Organisieren von neuen Strukturen. Es gibt außerhalb der Familie keine persönlichen Kontakte mehr. Ich lerne viel über Videokonferenzen und andere digitale Kommunikationsmöglichkeiten. Und dann Hände waschen, Hände waschen, Hände waschen. Ich mache mir Gedanken über die Zukunft: Lernen wir aus der Krise oder fallen wir danach in alte Verhaltensweisen zurück? Was lernen wir? Wird unsere Gesellschaft noch egoistischer oder erkennen wir, dass wir nicht alleine auf der Welt sind.

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