Anna Ohnweiler informierte die Teilnehmer über die Geschichte der Baisinger Juden und des jüdischen Friedhofs. Foto: Schwarzwälder Bote

Kriegsende: "Omas gegen Rechts" besuchen jüdischen Friedhof in Baisingen

Das Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945 war auch insbesondere für die wenigen Juden, die das Grauen des Holocaust überlebt hatten ein Tag der Befreiung. Das Schicksal der Juden von Baisingen war Anlass einer Gedenkveranstaltung, zu der die Nagolderin Anna Ohnweiler, Mitbegründerin von "Omas gegen Rechts Deutschland" eingeladen hatte.

Nagold/Baisingen. Eine kleine Gruppe von Omas, verstärkt durch drei Opas, fand sich am 8. Mai beim Sportheim Vollmaringen ein, um von dort aus zum knapp zwei Kilometer entfernten jüdischen Friedhof in Baisingen zu wandern. In durch Corona bedingtem äußerlichem Abstand, doch innerlich miteinander verbunden.

Fredy Kahn, Nachfahre der einzigen überlebenden jüdischen Familie in Baisingen, hatte seine Teilnahme kurzfristig absagen müssen. Somit übernahm Anna Ohnweiler, nach vorheriger Absprache mit Kahn und auf Grund eigener Recherchen die Aufgabe, die Teilnehmer über die Geschichte der Baisinger Juden und des jüdischen Friedhofs zu informieren.

Baisingen gehörte einst zu den Ortschaften in Württemberg, in denen die lokalen Patronatsherren die Ansiedlung von Juden förderten und diesen Schutz gewährten. Der damalige Patronatsherr Anton Schenk von Stauffenberg genehmigte 1782 den Baisinger Juden den Bau einer eigenen Synagoge. Schon zuvor durften die Juden einen Platz am Waldrand außerhalb des Ortes als Friedhof anlegen. Mehr als 400 Menschen sind dort beerdigt, bis heute erinnern die Grabsteine daran.

Nachdem Baisingen 1806 dem neu gebildeten Königreich Württemberg eingegliedert wurde, blieb es zunächst bei der Duldung der Juden. 1827 wurde eine eigene jüdische Volksschule eingerichtet, 1838 die Synagoge vergrößert. 1843 waren von den 727 Einwohnern Baisingens 235 Juden, also etwa ein Drittel. Nicht zuletzt unter deren Einfluss kam es in Baisingen zu beachtlichem Wohlstand, wovon bis heute etliche stattliche Häuser in der Kaiserstraße Zeugnis geben.

Andererseits kam es 1848, im Zusammenhang damaliger revolutionärer Umtriebe, zu einem ersten "Judenkrawall", bei dem ausgerechnet am Pessach-Fest die Wohnungen und Häuser der Juden gestürmt und verwüstet wurden. Die Anführer des Krawalls wurden jedoch verhaftet und zu fünfjährigen Zuchthausstrafen verurteilt. Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 verlief das Zusammenleben von Juden und Christen in Baisingen im wesentlichen konfliktfrei.

Dann jedoch brach auch über die Baisinger Juden die schlimme Zeit der Diskriminierung, Verfolgung, Deportation und schließlich Vernichtung herein.

Bei der Reichspogromnacht am 10. November 1938 wurde die Synagoge zwar nicht niedergebrannt, da man ein Übergreifen des Feuers auf die umliegenden Gebäude verhindern wollte. Jedoch stürmten etwa 80 SA-Leute aus Horb und Umgebung das Innere der Synagoge und zerstörten dort alles, was ihnen in die Hände kam. Sie drangen auch in Häuser und Wohnungen der Juden ein, Nachbarn hatten ihnen den Weg gewiesen.

Mehr als 100 Baisinger Juden verschleppt

In verschiedenen Deportationen wurden ab 1941 mehr als 100 Baisinger Juden verschleppt, in Konzentrationslager gebracht und dort ermordet. Vier von ihnen überlebten. Ein Einziger kehrte zurück in seinen Heimatort: Harry Kahn. Er heiratete, gründete ein Geschäft als Viehkaufmann und kam wieder zu Ansehen und äußerem Wohlstand. Der Sohn Fredy Kahn arbeitete jahrzehntelang bis zu seinem Ruhestand als praktischer Arzt in Nagold.

Die Gruppe auf dem Friedhof war den Ausführungen von Anna Ohnweiler in innerer Bewegung gefolgt. Vor allem auch, als die Sprache auf das Verhalten damaliger Baisinger Bürger zur Sprache kam. Nach dem Abtransport der Juden sei es umgehend zu so genannten "Juden-Auktionen" gekommen. Das gesamte Vermögen der Juden wurde versteigert, manchmal zu "Schnäppchen-Preisen". Man wusste also, was den Juden bevor stand und dass sie nie wieder ins Dorf zurückkehren würden.

Interessiert hörten die Teilnehmer, woher der in jüdischen Familien weit verbreitete Name "Kahn" kommt. Er geht zurück auf das jüdische Priesteramt des "Cohen", der einst unter anderem die Aufgabe hatte, den Menschen den Aaronitischen Segen zu erteilen, mit dem bis heute auch jeder christliche Gottesdienst endet.

Unbeabsichtigt passte es, dass anschließend der 121. Psalm verlesen wurde, der auch Teil des jüdischen Totengedenkens ist. Zunächst in der vertrauten Übersetzung Martin Luthers. Sodann trug Helmut Luckert den Psalm in der hebräischen Originalsprache vor. Und abschließend in der Übertragung des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber.

Mit einem Rundgang durch den Friedhof und einem stillen Gedenken an dem von Familie Kahn gestifteten Mahnmal endete die eindrückliche Veranstaltung. Dabei wurden Kieselsteine als Zeichen der Trauer und des Gedenkens niedergelegt.

Die Teilnehmer sahen sich neu motiviert, alles dafür zu tun, dass dem heute wieder neu aufkommenden Antisemitismus und Fremdenhass entschieden gewehrt werde.