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Nagold Frauenversteher und Macho zugleich

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Einen anderen Blickwinkel auf das Leben Tucholskys bieten Heike Feist und Jan Schönberg auf der Bühne der Alten Seminarturnhalle in einem fulminanten Spiel.Foto: Buckenmaier Foto: Schwarzwälder Bote

Nagold. Es blutet einem das Herz, wenn man die Geschichte der Alten Seminarturnhalle kennt, sich mit diesem Kulturtempel seit Jahren verbunden fühlt – und blickt dann an einem "Tucholsky"-Abend in den Saal, in dem sich die Zuschauer an wenigen Bistrotischen verlieren. Gewiss, der große Schriftsteller und politische Mahner aus der Weimarer Republik steht heute für ein Minderheitenprogramm. Man sieht es an den zumeist ergrauten Schläfen im Auditorium. Aber 70, 80 Leute wären vor Corona sicherlich zu "Mit Tucholsky im Bett" gekommen. Diesmal kam nicht einmal die Hälfte.

Es blutet einem das Herz, wenn man Wolfgang Schäfer, den so engagierten Vorsitzenden des Seminarturnhallenvereins nachdenklich sagen hört: "Ich weiß auch nicht, wie’s weitergehen soll. Wenn wir nicht öffnen, sterben wir. Und so sterben wir vielleicht auch." Dass es trotz alledem noch ein wunderschöner Abend wurde, ist der Verdienst der beiden Protagonisten Heike Feist und Jan Schönberg. Sie zeigen diesen begnadeten Journalisten und bissigen Satiriker Kurt Tucholsky aus einer ganz anderen Perspektive: der Frauen. Oder genauer: Wie Tucholsky mit den Frauen umgeht.

Heike Feist, vielgefeierte Cavewoman, ist wie geschaffen, um in die Rollen jener Frauen zu schlüpfen, die Kurt Tucholsky – auf seine Weise – geliebt hat. Mit einem Wimpernschlag und einem anderen Oberteil übers Kleid verwandelt sie sich von der devoten Gespielin zur selbstbewussten, widerspenstigen Partnerin.

"Ich bin doch schließlich auch ein Mann und nicht aus Holz"

Tucholsky hatte sie alle. Er liebte die Frauen. Heute würde man von einem Womanizer sprechen. Aber eigentlich war er mehr Erotomane. Er sehnte sich immer nach jenen Frauen, die ihm gerade nicht zugeneigt waren. Wie bei seiner großen Liebe Mary, von Heike Feist facettenreich dargestellt. Eine Rose mit Dornen. Tucholsky wird sie, wie alle anderen, adorieren und charmieren. Jan Schönberg spielt dies mit Verve: mit Liebesbriefen, Gedichten, begleitet auf Klavier und Gitarre. Und er zeigt mit schnell verwandelter Miene das andere Gesicht des Charmeurs, der schnell wieder der Geliebten überdrüssig wird. Tucholsky wusste wohl von den eigenen Schwächen: "Meinerseits bin ich klein und dick. Gott sieht aufs Herz." Und dieses Herz entflammte schnell – und erkaltete genauso schnell wieder. Er war, was dem Mann heute nur schwer gelingt: Frauenversteher und Macho zugleich, stets süchtig nach Zärtlichkeit und Zuneigung: "Ich bin doch schließlich auch ein Mann und nicht aus Holz." Eine Geliebte wird ihm an diesem Abend entgegenhalten: "Du hast ein Gefühl? Du – als Mann?"

Das Schauspieler-Duo führt das Publikum in einem fulminanten Spiel, ganz bewusst ohne Mikrofonverstärkung, durch das ständige Wechselbad von Tucholskys Liebesleben, himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. Er wird erst spät, viel zu spät merken, wen er wirklich geliebt hat: seine Mary. "Hat einen Goldklumpen in der Hand gehabt und sich nach Rechenpfennigen gebückt."

Die paar Textstolperer sieht man den beiden Protagonisten nach, wenn man von Heike Feist hört, wie sehr sie sich nach der Bühne zurückgesehnt haben. Für beide, Feist und Schönberg, ist dieser Abend in der Seminarturnhalle wieder das erste Mal seit einem halben Jahr, dass sie ihr Programm vor Publikum zeigen können.

Und wenn man eine Lehre aus dem traurig-witzig-schönen Abend ziehen kann, dann dies: Tucholskys Romane im Bücherschrank für eine erneute Lektüre zu entstauben und vor allem: wieder mehr ins Theater und ins Kabarett zu gehen, wie es sich Heike Feist in ihrem emphatischen Schlusswort so sehnsüchtig wünscht: "Das ist die beste Hilfe für uns Künstler." Und der Seminarturnhalle hilft es vielleicht zu überleben.

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