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Nagold Ein Vermächtnis wie in Stein gemeißelt

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Foto: Buckenmaier Foto: Schwarzwälder Bote

Zum 75. Mal jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges. Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen hierzulande, die von dem großen Weltbrand erzählen können. Rolf Hinderer ist einer von ihnen. Mit seinen 91 Jahren hält er heute ein flammendes Plädoyer: gegen das Vergessen.

Nagold. Kaum ein halbes Dutzend Bilder aus seiner Kindheit sind ihm geblieben. Als Baby mit Vater und Mutter vor dem elterlichen Haus in Pforzheim. Der Vater als Offizier beim Heimatbesuch. Als Pimpf in der Jungschar-Uniform. Die Bilder stammen von Verwandten. Die eigenen Familienfotos sind verbrannt. Vor fast auf den Tag genau 75 Jahren, am 23. Februar 1945, als Pforzheim von 379 alliierten B 17-Bombern in Schutt und Asche gelegt wurde. Unter den mehr als 17 000 Toten war auch Rolf Hinderers Mutter.

Bilder sind verblichen, aber die Erinnerungen an damals hellwach

Diese wenigen Bilder, die der 91-Jährige in seinem Haus im Vollmaringer Weg in den Händen hält, sind längst verblichen. Aber die Erinnerung an damals, als das Unglück der Deutschen seinen Lauf nahm, sind bei ihm hellwach. Es war Anfang der Dreißiger Jahre, als er mit sechs, sieben Jahren mit am Tisch saß und hörte, wie seine Eltern sich Sorgen machten. Wie, so fragten sie sich, sollten sie den Hypothekenverpflichtungen nachkommen? Zwei Familien, die im elterlichen Haus zur Miete wohnten, konnten wegen Arbeitslosigkeit ihre Mieten nicht bezahlen.

Sechs Millionen Deutsche waren damals ohne Lohn und Brot. Eine vierköpfige Familie bekam damals 60 Reichsmark an staatlicher Unterstützung – auf heutige Verhältnisse umgerechnet ungefähr 300 Euro. "Das muss man sich vergegenwärtigen", sucht Rolf Hinderer nach Erklärungen, "um zu verstehen, dass die neue braune Bewegung praktisch ohne Alternative von der Mehrzahl des deutschen Volkes, man muss fast sagen, oft begeistert aufgenommen und akzeptiert wurde."

Mit neun Jahren trat Hinderer junior, wie viele Alterskameraden, dem "Jungvolk" bei, verführt von schmucken Uniformen und einem bislang nicht dagewesenen Sportangebot. Er wollte unbedingt so bald wie möglich Jungenschaftsführer werden und so "chic" aussehen wie sein Jungzugführer mit der grünen Pfeifenschnur.

Dann kam der Krieg. Der Vater wurde als Reserveoffizier noch im September 1939 eingezogen. Das verschaffte dem Sohn viel Freiheit. Die Mutter mag im Rückblick deswegen nicht unglücklich gewesen sein, als der Sohn zur Aufnahmeprüfung in die NPEA – der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt, vorgeschlagen wurde – der Eliteschule für den Führer, die sinnigerweise in einer ehemaligen Irrenanstalt im elsässischen Rouffach untergebracht war. Eine Woche dauerte die für ihn erfolgreiche Aufnahmeprüfung, dann folgte eine Ausbildung voller Disziplin und Strenge. Der politische Einfluss, die die fronterfahrenen Lehrer auf den Jungen aus Pforzheim hatten, ist ihm erst viel später klar geworden. Dafür genossen er und die anderen Jungmannen auch viele Privilegien: Zum Abitur gehörte der Segel-, Segelflieger – und Reiter-A-Schein sowie der Führerschein Klasse 4.

Ende 1944 kehrte der Krieg in das Leben des damals kaum 16-Jährigen zurück, als in Rouffach der Artilleriedonner der vorrückenden Alliierten deutlich zu hören war. Rolf Hinderer und seine Schulkameraden wurden zum "Schanzen" in die Vogesen geschickt. Auch wenn die Durchhalteparolen durch die Gänge der braunen Kaderschmiede hallten, ahnte der junge Mann schon: "Das geht nicht gut aus". Ihre ausgehobenen Schützengräben und Panzerdeckungslöcher blieben völlig wirkungslos. Die Alliierten rückten weiter vor, die NPEA wurde eilends nach Rottweil evakuiert.

Den Tod der Mutter hat er lange nicht verwinden können

Weihnachten 1944 gab es Urlaub. Es war das letzte Mal, dass er seine Mutter sah. Die wenigen gemeinsamen Tage verbrachten sie meistens im Luftschutzkeller: "Was diese Menschen in den Städten mitgemacht haben, ist nicht zu beschreiben. Du sitzt in dem Keller. Es wackelt alles, das Licht flackert, du weißt nicht mehr, wo rechts und wo links ist". Als die Bomben auf die Goldstadt fielen, war Rolf Hinderer längst zum Reichsarbeitsdienst eingezogen worden. Mit Hitlers letztem Aufgebot, alten Herren meist über 60, versuchten sich die 16- und 17-jährigen Jungen dem Feind entgegenzustellen: "Wenn es nicht so traurig gewesen wäre", so der 91-Jährige heute, "war das wohl die unglaublichste Dummheit des Krieges."

Noch einmal wurden sie nach Rottweil zurückverlegt. Dort erfuhr er vom Flammentod seiner Mutter. Ihr Name stand, mit Kreide geschrieben, auf den rußgeschwärzten Mauerresten seines Elternhauses. Es hat lange gedauert, bis Rolf Hinderer den Tod der damals 42-jährigen Mutter verarbeitet hatte: "Dieser barbarische Akt der alliierten Kriegsführung war durch nichts, aber auch gar nichts gerechtfertigt, zumal Pforzheim strategisch völlig unbedeutend war".

Ende März 1945 ging es für den 16-jährigen, völlig unvorbereitet, unausgebildet und unorganisiert, in der braunen NPEA-Uniform in den Krieg. Mit einem Karabiner und einer Panzerfaust ausgestattet sollten er und seine 25 Kameraden unter dem Kommando eines Wehrmachtshauptmannes eine Bahnlinie bei Bad Waldsee sichern. Rolf Hinderer lag hinter einem Bahngleis in der Hoffnung, dass sich auf der anderen Seite niemand rührte, auf den er schießen müsste: "Ich bin mir sicher, es wäre unmöglich gewesen, auf einen Menschen zu zielen." Dann ging alles ganz schnell. Die Franzosen brachen an mehreren Stellen durch, das kleine Aufgebot aus Hitlers Kaderschmiede zog, sich selbst überlassen, Richtung Bregenz zurück, wo sie von den Franzosen schließlich gefangen genommen wurden. "Ein großer Schwarzer hatte viel Freude an meinem Karabiner, konnte aber mit unseren NPEA-Uniformen glücklicherweise aber nicht viel anfangen. Das war es dann, das Kriegsende am 8. Mai 1945". In dem "allgemeinen Tohuwabohu" wurde die kleine Gruppe angewiesen, sich in ein Gefangenenlager bei Lindau zu begeben. Stattdessen tauschten sie in einem verlassenen polnischen Ar­beitslager ihre Uniformen ge­gen dort zurückgelassene zerlumpte Kleidung, die sie zuvor durch das Wasser eines Baches gezogen hatten. Aus halbherzigen Soldaten und unausgebildeten Kriegern waren Jungs geworden, für die eine Welt zusammengebrochen war.

Aber der Krieg hatte diese Generation auch darauf vorbereitet, dass es "immer noch schlimmer kommen kann". Fast zwei Monate brauchte der 16-Jährige, um sich in seine Heimatstadt Pforzheim durchzuschlagen. Tagsüber versteckte er sich in Heuschobern, mit Einbruch der Dämmerung versuchte er Nahrung bei Bauern zu organisieren. Ende Juni 1945 stand er, zutiefst getroffen, vor seinem zerstörten Elternhaus. Wenig später kam sein Vater, inzwischen 57 Jahre alt, aus amerikanischer Gefangenschaft zurück. Er hatte sich mit seiner Einheit noch rechtzeitig von den vorrückenden Russen über die Elbe auf amerikanisch besetztes Gebiet abgesetzt.

Ideale, Chancen und das Elternhaus sind als letzte Zuflucht verloren

Für den jungen Rolf Hinderer war indes nichts mehr, wie es war: "Neben der damaligen Not und Armut fiel es mir besonders schwer zu verarbeiten, dass alles, was bislang selbstverständlich war, nun weggebrochen ist. Unsere Ideale, unsere Chancen, mit denen man uns motiviert hatte, mein Elternhaus, das in Gedanken immer Hort und Zuflucht war."

Vater und Sohn suchten schließlich eine neue Bleibe in Stuttgart. Noch heute, wenn der Nagolder Unternehmer übers Leonberger Kreuz fährt, sieht er in langsam verblassenden Erinnerungen die völlig zerstörte Autobahn vor sich, die sie damals mehrmals für eine Aufenthaltsgenehmigung zu Fuß überquert hatten. Der Vater musste 200 Arbeitsstunden Trümmer schippen, um Stuttgarter zu werden. Dem Sohn hingegen war es "wegen seiner Vergangenheit" verwehrt, die Schule zu besuchen. Das NPEA-Stigma verfolgte ihn auch noch in Calw, wo er bei der Firma Perrot eine Mechanikerlehre begann: Wöchentlich musste er sich beim französischen Schuloffizier melden, wo seine frühere politische Indoktrination immer wieder Thema war. Aber wie das Leben so spielt: Die Tochter des französischen Offiziers sollte Rolfs erste Freundin werden.

In der Calwer Turmuhrenfabrik arbeitete er am selben Schraubstock wie einst Hermann Hesse. Heinrich Perrot, ein betagtes Calwer Original, hatte für beide Lehrlinge offenbar wenig übrig: "Oh, ihr Kerle, aus euch wird im Leben nichts", sagte er zu Hesse und zu Hinderer. Der eine wurde Literaturnobelpreisträger, der andere ein erfolgreicher Unternehmer.

Rolf Hinderer gründete mit 25 Jahren in Nagold in einer kleinen Werkstatt in Klein-Venedig seine eigene Firma. 1953 präsentierte er seine erste eigene Modekollektion aus Ski- und Rennhosen. Heute ist der Grandseigneur mit den hellwachen Augen Herr über ein kleines Imperium aus Einkaufsmärkten. Und er ist vor allem eines: dankbar für das Gute, das ihm im Leben doch noch widerfahren ist.

Er hat gelernt, die dunkle Vergangenheit zu verarbeiten. Geholfen haben ihm dabei Schlüsselmomente wie Anfang der 60er-Jahre bei einer USA-Reise, als eine jüdische Familie, die in den Konzentrationslagern fünf ihrer Angehörigen verloren hatte, ihm mit den Worten die Hand reichte: "Lassen Sie uns nach vorne schauen, die Vergangenheit war schrecklich genug".

Aber Rolf Hinderer hat nicht aufgehört, zurück zu schauen. Er hat bei seinen Rotariern seine Erlebnisse vom Kriegsende erzählt und wird es auch noch vor Schulklassen tun, um zur Wachsamkeit gegen alle radikalen Tendenzen, gleich von welcher Seite, aufzurufen.

Noch nie sei es diesem Land so gut gegangen, sagt er. Deswegen ist es für den 91-Jährigen umso unverständlicher, dass sich Rechts- und Linksradikale hierzulande so schnell etabliert haben und Wutbürgertum, Fremdenhass und Radikalismus in die Gesellschaft genauso einzogen sind wie Neid, Missgunst und Anspruchsdenken.

Noch heute sieht er sich als Neunjährigen, wie er am 9. November 1938 auf dem Schulweg an der brennenden Synagoge in Pforzheim vorbei kam – ohne zu verstehen, was damals vorgegangen war. "Wie in Stein gemeißelt", mahnt er heute, " bleibt die schreckliche Erinnerung und erlaubt die Frage: Reicht denn das Gedächtnis eines so gestraften Volkes keine zwei bis drei Generationen?"

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