Patricia Kramer an "ihrem" Instrument – der Stadtkirchenorgel in Nagold. Foto: Fritsch Foto: Schwarzwälder Bote

Patricia Kramer hätte als kirchenmusikalische Praktikantin eigentlich dieser Tage ihr Konzertdebüt gegeben / Online-Angebot

"Ein Wink des Schicksals", nennt Patricia Kramer das Angebot, das ihre Klavierlehrerin damals gemacht hat. Sie könne doch in der Kirchengemeinde Orgel spielen. Es war ein Angebot, das die damals 16-Jährige nicht ablehnen konnte. Ihr Weg hat sie inzwischen nach Nagold geführt. Seit Oktober ist sie kirchenmusikalische Praktikantin in der evangelischen Kirchengemeinde.

Nagold. Die Orgel fasziniert sie seit ihrer Kindheit, sagt die heute 28-Jährige. "Allein die Größe ist beeindruckend. Ich habe die Möglichkeit den Klang von so einem riesigen Instrument zu steuern", erzählt Kramer. Die Orgel gilt auch aufgrund ihrer Größe als Königin der Instrumente. Aber besonders der Klang hat es ihr angetan. "Es ist ein vielseitiges Instrument mit zahllosen Klangmöglichkeiten." Die Orgel in der Nagolder Stadtkirche kann beispielsweise zwei besondere Klangeffekte erzeugen. Beim sogenannten Zimbelstern dreht sich ein außen auf den Pfeifen sichtbarer Stern im Kreis, wobei gleichzeitig ein kleines Glockenspiel ertönt. Kramers Favorit ist aber die Nachtigall. Wie es der Name vermuten lässt, erzeugen hierbei Pfeifen, die zum Teil in ein Wasserbad getaucht sind, den Klang zwitschernder Vögel.

Die Stadtkirche in Nagold hat einen Nachhall von etwa fünfeinhalb Sekunden

"Jede Orgel ist einzigartig und muss auf den Raum angepasst werden, in dem sie später erklingt", erzählt sie. Und als Organist muss man seine Spielweise auf die jeweilige Orgel und den Raum abstimmen. Die Stadtkirche in Nagold hat einen Nachhall von etwa fünfeinhalb Sekunden, erklärt sie. Dementsprechend muss sie darauf achten, die Noten am Schluss nicht zu lange zu halten.

Sie selbst hat auch ein Faible für den Orgelbau. Ein Instrumentalist müsse sich mit seinem Instrument auskennen und wissen wie es funktioniert.

Ihre Abschlussarbeit an der Kirchenmusikhochschule Tübingen hat sie über die Blechorgel von Rimini geschrieben. Diese wurde nach dem Ende des zweiten Weltkriegs von deutschen Kriegsgefangenen aus Materialien gebaut, die in dem italienischen Gefangenenlager zu finden waren, wie Keksdosen, Munitionskisten oder Lederhosen. Ihren Bachelor of Music in Kirchenmusik hat sie nach neun Semestern im September 2020 abgeschlossen. Zuvor hatte sie eine Ausbildung als Krankenschwester gemacht. Es war der Wunsch ihrer Eltern, dass sie sich zunächst eine berufliche Basis schafft, um sich abzusichern.

Mit sechs Jahren hat sie angefangen zu musizieren. Sie nahm damals Blockflötenunterricht. Doch ein anderes Instrument, dass bei ihrer Lehrerin stand, hatte es ihr besonders angetan. "Ich habe nur Augen für das Klavier gehabt", erinnert sie sich. Daraufhin habe sie ihre Eltern so lange bearbeitet, bis sie schließlich im Alter von zehn Jahren Klavierunterricht bekommen hat. Ihre Klavierlehrerin war es schließlich auch, die sie zum Orgelspiel gebracht hat. Sie war Organistin in Kramers Heimatgemeinde im Kreis Böblingen und hatte die damals 16-jährige Kramer gefragt, ob sie in der Kirche die Orgel spielen möchte. Kramer nahm das Angebot ohne zu zögern an. Bald darauf begleitete sie ihren ersten Gottesdienst mit der Orgel. "Ein Wink des Schicksals", nennt Kramer das damalige Angebot.

Kramer spielt darüber hinaus auch Gitarre und Cello. Mit 15 hat sie angefangen Trompete zu spielen. Damals bekam sie eine Trompete von ihrem Opa geschenkt. "Das Instrument bedeutet mir sehr viel." Ihr Opa und ihr Onkel haben in einer Dorfkapelle Trompete gespielt. Das Trompetenspiel helfe ihr heute bei der Posaunenchorarbeit. "Aber von allen Instrumenten ist mir die Orgel das liebste."

Kramer wohnt derzeit im Kreis Tübingen. In Nagold fühlt sie sich wohl. "Die Menschen sind nett und ich wurde gut empfangen. Die Stadt und die Kirche sind auch richtig schön. Durch die Einschränkungen ist es natürlich etwas schwer, die Stadt richtig zu erleben, aber das was ich bisher gesehen habe gefällt mir gut", sagt sie. Auch ihre Arbeit als kirchenmusikalische Praktikantin bereitet ihr Freude. "Es ist ein vielseitiger Job, ich habe nicht immer den gleichen Tagesablauf. Ich habe außerdem mit Menschen jeder Altersgruppe zu tun. Und vor allem kann ich Musik machen." Die Bezirkskantoren Eva und Peter Ammer kannte sie bereits von einer früheren Musikfreizeit. Als der Landeskirchenmusikdirektor, nach Absprache mit den Ammers, ihr vorgeschlagen hatte für ihr Praktikumsjahr nach Nagold zu gehen, war sie sofort einverstanden. "Ich bin dankbar hier sein zu können."

Ihr erstes großes Konzert hätte sie an Weihnachten dirigieren sollen. Der zweite Teil von Bachs sechsteiligem Weihnachtsoratorium sollte in der Stadtkirche vor Publikum aufgeführt werden. Wegen Corona musste das abgesagt werden. Stattdessen wird eine Probe in minimaler Besetzung in Form eines Kantatengottesdienstes aufgenommen und am 27. Dezember auf dem Youtube-Kanal der evangelischen Kirche Nagold hochgeladen. Das kirchenmusikalische Praktikum dauert ein Jahr und ist Voraussetzung dafür, dass Kramer hauptberuflich als Kirchenmusikerin arbeiten darf. Wo das sein wird, ist noch unklar. "Erstmal will ich das Praktikum hier genießen", sagt sie.

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