Die Nagolderin Anna Ohnweiler bei ihrer ersten Demonstration der "Omas gegen Rechts" in Stuttgart. Foto: Privat

Politik: Nagolderin gründet "Omas gegen Rechts" in Deutschland

Die pensionierte Lehrerin Anna Ohnweiler bemerkt einen Rechtsruck in der Gesellschaft. Doch hinnehmen will sie den nicht. Stattdessen hat sie, inspiriert von der österreichischen Bewegung, "Omas gegen Rechts" (OGR) auch in Deutschland gegründet.

Nagold. Aus ihrer Wohnung im sechsten Stock hat Anna Ohnweiler einen hervorragenden Blick über die Stadt. Doch ihr Blick reicht weit über den Tellerrand Nagolds hinaus. Jeden Tag steht sie früh auf, um die Online-Nachrichten der verschiedensten Medien "querbeet" zu lesen. Eines Morgens stößt sie auf eine Aussage Edwin Hintsteiners, Obmann der "Identitären Bewegung" Salzburgs, die dem politisch rechten Spektrum zugeordnet wird. Er sagte über die österreichische Initiative der "Omas gegen Rechts": "Wenn man länger lebt, als man nützlich ist, und dabei vor lauter Feminismus das Stricken verlernt hat."

Dieser Satz hat Anna Ohnweiler nicht nur verärgert, sondern auch derartig angestachelt, dass sie die Initiative prompt auch in Deutschland gegründet hat. Kurzerhand hat sie sowohl eine Facebook-Seite als auch eine -Gruppe gegründet, in die sie alle ihre knapp 500 Facebook-Freunde eingeladen hat. "Ich habe gedacht, ich schaue mal, wer von meinen Freunden alles wieder austritt", berichtet Ohnweiler. Doch ihre Freunde überraschten sie positiv: "Kaum einer ist wieder ausgetreten."

Am 27. Januar dieses Jahres war das. Seitdem ist die Mitgliederzahl auf 1468 angewachsen. Zufall war das Gründungsdatum indes nicht – es ist der Tag der Befreiung der Gefangenen des Konzentrationslagers (KZ) Auschwitz-Birkenau. Während einer Studienfahrt hat sie das KZ kennengelernt und Tage später noch schlaflose Nächte gehabt. "Ich wollte, dass so etwas nie wieder in Deutschland passiert", sagt die 68-Jährige heute. Inzwischen sind die "Omas gegen Rechts" in 38 Regionalgruppen organisiert – verteilt über das gesamte Bundesgebiet.

"Viele der Regionalgruppen halten regelmäßige Treffen ab, in Nagold habe ich jedoch erst eines organisiert", erzählt die 68-Jährige. Häufig halten die Mitglieder Demonstrationen und Gegendemonstrationen bei Kundgebungen mit fremdenfeindlicher Gesinnung ab und engagieren sich für mehr Toleranz in der Gesellschaft. "Für mich steht der Mensch im Vordergrund – seine Herkunft und seine Hautfarbe spielen keine Rolle", unterstreicht Ohnweiler. Genau aus diesem Grund ist sie vor 20 Jahren auch der CDU beigetreten. Vor vier Wochen allerdings wieder aus: "Die Partei ist zu weit von dem christlichen C im Namen abgerückt, das wollte ich nicht mehr unterstützen."

Auf die Frage, warum sie sich gerade gegen rechte Tendenzen in der Politik und der Gesellschaft einmischt, antwortet die pensionierte Lehrerin: "Dort sehe ich aktuell die größeren Gefahren. Die politisch links-motivierte Szene hat nicht mehr ein solch gefährliches Potenzial." Sie würde aber keinen Moment zögern, auch die "Omas gegen Links" zu gründen, sofern sie dort wieder eine Gefahr feststellen könne. Ihre Herkunft ist ihr bei ihrem Engagement zum Teil nützlich. Sie selbst ist mit 29 Jahren aus Rumänien nach Deutschland gekommen und weiß, was es bedeutet, die Heimat hinter sich zu lassen. Ihre Eltern wurden nach Ende des Zweiten Weltkriegs in die Sowjetunion deportiert und fünf Jahre lang zur Zwangsarbeit gezwungen. "Ich habe gesehen, was für ein Elend der Krieg bringen kann, meine Eltern haben das Trauma nie richtig überwunden", so die 68-Jährige heute.

Anfeindungen musste sie sich vor allem nach einer Reportage des ZDF gefallen lassen. Ein Facebook-Nutzer schrieb ihr in einer Nachricht: "Sie sind aus Rumänien, was bilden Sie sich ein, uns Deutschen zu erzählen, wie Demokratie geht?" Anna Ohnweiler nimmt es einigermaßen gelassen. "Ich habe erst überlegt zu antworten, aber eingesehen, dass es vergebene Liebesmüh wäre. Außerdem habe ich sowohl die Demokratie als auch die Diktatur erlebt – ich weiß genau, wovon ich rede."

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