Weitere Absagen, die in diesen Tagen bekanntgegeben wurden: Den "Nagolder Frühling" trifft es ebenso wie die drei Aufführungen des Musikalischen Märchens, Veranstaltungen in der Alten Seminarturnhalle und den Auftritt der Christophorus-Kantorei am Samstag in der Stadtkirche Foto: Fritsch/Hofmann/Veranstalter

Terminnot und Einnahmeausfälle setzen Organisatoren zu. Kulturschaden sei immens.

Nagold - Konzerte werden ersatzlos gestrichen, Vorträge abgesagt und auch dem "Nagolder Frühling" blüht nichts Gutes – der Coronavirus hat vor allem für viele Veranstalter massive Konsequenzen. Das hängt nicht nur mit Einnahmeausfällen zusammen, sondern auch mit dem Mangel an Ersatzterminen.

Vorträge, Theatervorstellungen, Konzerte und der beliebte "Nagolder Frühling" – der Terminkalender der Stadt Nagold wäre prall gefüllt, wäre da nicht der neuartige Coronavirus. Wegen ihm müssen nun viele Veranstalter umplanen.

Nagolder Frühling

Wer am 28. oder am 29. März dem "Nagolder Frühling" einen Besuch abstatten wollte, wird es in diesem Jahr nicht tun können, denn das Food- und Fashion-Event wird abgesagt. In einem Pressegespräch wurde unsere Zeitung auf die aktuellen Empfehlungen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manne Lucha hingewiesen. Spahn hatte kürzlich dazu geraten, Großveranstaltungen ab 1000 Besuchern abzusagen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Lucha schloss sich dem Appell Spahns an.

Die Entscheidung, den "Nagolder Frühling" abzusagen sei in Absprache mit den Verantwortlichen von Werbering, City- und Gewerbeverein sowie der Stadt Nagold gefallen. Dem City-Verein sei die Entscheidung, den "Nagolder Frühling" abzusagen "nicht leicht gefallen", erklärt Anna Bierig, Geschäftsführerin des City-Vereins. "Wir sind aber geschlossen zu der Meinung gekommen, dass wir den ›Nagolder Frühling‹ absagen müssen", fügt sie hinzu.

Eine Verschiebung sei "aus logistischen und organisatorischen Gründen" nicht möglich, bedauert Anna Bierig. Um finanzielle Ausfälle zu vermeiden, sei die Entscheidung "deutlich im Vorfeld" der Veranstaltung gefällt worden, so der Vorstandsvorsitzende des Werberings Christoph Leins.

"Der Alltag geht aber für uns alle ganz normal weiter", sagt Leins. Trotz des abgesagten Nagolder Frühlings, "lohnt es sich in die Stadt zu kommen", versichert Petra Grund, die beim City-Verein für den Bereich Marketing und Projektarbeit zuständig ist. Die Nagolder Händler werden am Samstag, 28. März zu ihren regulären Zeiten geöffnet haben. Der geplante verkaufsoffene Sonntag, der für den 29. März angedacht war, wird nicht stattfinden. Die Frühlingsware sei bereits in den Läden, so dass man die aktuellen Trends und Neuheiten entdecken und sich vor Ort beraten lassen könne.

Musikalisches Märchen

"Natürlich ist bei allen Mitwirkenden die Enttäuschung groß, wenn kurzfristig ein großes Gemeinschaftsprojekt abgesagt werden muss", bedauert auch der Leiter des Musikalischen Märchens, Florian Hummel. Monatelang wurde geprobt, Jugendorchester, Jugendkunstschule und die Schauspieler haben sich mit den Verantwortlichen intensiv auf die Veranstaltungen vorbereitet. Jetzt wurden alle drei Aufführungstermine am kommenden Wochenende (Freitag, Samstag und Sonntag) abgesagt – ob diese nachgeholt werden könnten, sei bislang unklar. Allerdings verlangen laut Hummel gerade Veranstaltungen wie das Musikalische Märchen mit Zuhörern aus allen Generationen eine Risikominimierung in Zeiten erhöhter Ansteckungsgefahr.

Alte Seminarturnhalle

"Man muss mit der Situation leben, was anderes können wir nicht machen" – es ist ein ernüchterndes Urteil, zu dem Wolfgang Schäfer, Vorsitzender des Vereins Alte Seminarturnhalle, kommt. Einige Veranstaltungen musste sein Verein bereits wegen des Coronavirus absagen – zuletzt die Rocknacht vergangenen Samstag, bei der die Besucher vor verschlossenen Türen standen. Natürlich sei Verständnis für die Situation da und man sei im Zweifel lieber vorsichtig als nachsichtig, leicht ist das für den Verein trotzdem nicht. "Wir haben immense Einnahmeausfälle", teilt Schäfer mit. Mittlerweile sogar im vierstelligen Bereich. Denn Rückabwicklung und Kostenrückerstattung sind im Vereins-Budget deutlich spürbar. Auch für die Künstler sei die Lage derzeit enorm schwierig.

Problematisch sei auch, dass sich nur schwer Ausweichtermine finden ließen. Denn der Veranstaltungskalender der Alten Seminarturnhalle ist voll. Die Rocknacht, so viel steht fest, wird nicht nachgeholt werden. Für die anderen Termine, die beispielsweise dieses Wochenende entfallen, bemühe man sich, Alternativen zu finden.

Wie es mit den Veranstaltungen an den nächsten Wochenenden aussieht sei laut Schäfer bisher noch ungewiss – das entscheide sich Anfang nächster Woche. Ändere sich die Lage jedoch nicht großartig, gehe er davon aus, dass auch diese abgesagt werden müssten. Die behördliche Anweisung lasse man sich deshalb vom Ordnungsamt geben, um rechtlich abgesichert zu sein, betont Schäfer.

Kirchenkonzerte

Diese Vorgehensweise verfolgt auch Bezirkskantor Peter Ammer, der bereits eine Veranstaltung am vergangenen Wochenende absagen musste und auch für diesen Samstag rotes Licht bekommen hat. Obwohl das Konzert vergangenen Sonntag nur ein kleineres geworden wäre, brachte auch die Absage dessen Umsatzeinbußen mit sich – etwa für das Stimmen von Orgel und Klavier. "Das sind zehn Prozent von meinem Jahresetat, die einfach dahin sind", ärgert sich Ammer. Nachholen lasse sich auch dieses Konzert schwer: "Das sind zwei Studenten, die haben das jetzt gerade drauf. So viele Stücke wie die für ihr Studium lernen müssen, ist das Werk ab nächster Woche nicht mehr da", erklärt er. Außerdem seien alle Termine mit anderen Kulturveranstaltern aus Nagold abgesprochen, um sich nicht gegenseitig in die Quere zu kommen. Eine Veranstaltung zu verschieben sei also nicht so einfach.

Doch nicht nur das macht Ammer zu schaffen. "Das ist eine ganze falsche Botschaft, die wir hier senden. Wir sind für Hoffnung und gegen Angst", betont er. Die Absage der Konzerte trage jedoch bei, dass die Angst in der Gesellschaft weiter geschürt werde, so Ammers Befürchtung. Außerdem zerstöre es seiner Meinung nach die ganze Grundkultur, nicht nur weil die meisten kulturellen Veranstaltungen abgesagt würden, sondern auch, weil das Vertrauen gestört sei und in der Gesellschaft ein Grundmisstrauen herrsche. "Der Kulturschaden ist immens", meint Ammer.

Und auch die Konzeption der Jahresprogramme, die bereits Jahre vorher stattfindet, werde damit hinfällig. "Dieses Jahr ist das Jahr der Chöre. Deshalb habe ich acht Chorkonzerte geplant. Es gibt eine Bonuskarte mit der man etwas gewinnen kann, wenn man fünf der acht Konzerte besucht. Jetzt fallen zwei davon aus. Damit ist das ganze Konzept dahin", so Peter Ammer.

Volkshochschule

Umplanen muss wohl auch die Nagolder Volkshochschule. Auch wenn der Kursbetrieb vorerst normal weiterläuft, werden offene Veranstaltungen wie Vorträge derzeit abgesagt. Das trifft unter anderem den Vortrag zum Thema "Antizigantische Rhetorik" am Mittwoch, 11. März, in Altensteig, sowie den Vortrag "Was hat die DDR mit Westdeutschland gemacht" am Donnerstag, 12. März, in Nagold. Damit richtet sich die VHS nach der Empfehlung des Landkreises und der Stadt.

Ersatztermine gibt es bisher nicht. "Wir bemühen uns um Nachholtermine, aber das sind alles Einzelfallentscheidungen, die auch vom Terminkalender der Dozenten abhängen", betont der Leiter der VHS Oberes Nagoldtal Mario Gotterbarm. "Es liegt in unserer Verantwortung, die Sicherheit der Teilnehmer zur obersten Priorität zu machen", teilt Gotterbarm mit. Welche wirtschaftlichen Konsequenzen das haben wird, sei momentan noch nicht abzuschätzen.

Fest steht: Der Virus wirbelt die Planungen vieler Veranstaltungen durcheinander und hinterlässt Verwüstung im wirtschaftlichen wie auch kulturellen Kontext. Wie lange das noch so weitergeht, kann derzeit wohl niemand abschätzen.

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