Mitarbeiterinnen der Fieberambulanz am Nagolder Krankenhaus in Schutzkleidung. Foto: Bernklau

Zahl der "normalen" Fälle in den Krankenhäusern massiv gesunken. Strikte Trennung von Corona-Patienten garantiert.

Nagold - Fast alles dreht sich in diesen Tagen um Corona. So sehr offensichtlich, dass so manche Menschen deshalb davon absehen – trotz schlimmer Beschwerden – ins Krankenhaus zu gehen. Eine Entwicklung, die man beim Klinikverbund Südwest mit Besorgnis verfolgt.

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Es ist eine unmissverständliche Analyse, die Jörg Noetzel, Geschäftsführer des Klinikverbundes Südwest, da vorlegt. "Die Zahl der Notfälle, die zu uns kommen, und die nichts mit Corona zu tun haben, hat extrem abgenommen." Und das gelte für alle Kliniken. "Und wenn welche kommen, dann kommen sie spät oder zu spät."

Wie der Mann, der mit schweren Bauchbeschwerden lieber zu Hause blieb, dann aber letztlich doch ins Krankenhaus kam. Dort musste man dem Mann den halben Darm entfernen. Ein anderes Beispiel: Die Zahl der registrierten Herzinfarkte liegt um 24 Prozent niedriger als vor der Corona-Krise.

Ein Schluss, den Noetzel zieht: Die Patienten haben Angst, sich im Krankenhaus mit Corona zu infizieren. Dabei sei das Risiko, sich im Krankenhaus mit Corona zu infizieren, niedriger als im Baumarkt. In den Krankenhäusern des Verbundes, wie etwa Nagold, behandle man Nicht-Corona-Patienten streng getrennt von Corona-Patienten. Die beiden Gruppen begegnen sich im Krankenhaus nicht, die beiden Gruppen werden auf komplett getrennten Wegen ins Haus und im Haus transportiert.

So betreten in Nagold die Patienten mit Corona-Symptomen das Krankenhaus nicht über den normalen Weg über den inzwischen durch einen Sicherheitsdienst bewachten Eingang, sondern deren Weg führt zunächst in die Fieberambulanz, einen mit zahlreichen Sicherheitsmaßnahmen versehenen und von der gewöhnlichen Ambulanz getrennten Bereich, den Hubert Mörk, der Ärztliche Direktor der Nagolder Klinik, als "verlängerten Arm der Notaufnahme" bezeichnet. Dort arbeiten Mitarbeiter mit kompletter Schutzausrüstung.

"Trennung funktioniert"

In dieser Fieberambulanz wird geklärt, ob es sich bei dem jeweiligen Patienten um einen Corona-Fall handelt oder nicht. Ungeklärte Fälle werden isoliert einzeln in Zimmern untergebracht, dafür habe man eine komplette Station umfunktioniert, so Mörk. Die bestätigten Fälle könnten auch zu zweit in einem Zimmer liegen, dort bestehe ja keine Ansteckungsgefahr. Die räumliche Trennung zwischen Corona- und Nicht-Corona-Fällen, die man übrigens nicht nur zum Schutz der Patienten, sondern auch zum Schutz der Mitarbeiter durchziehe, funktioniere gut, resümiert Geschäftsführer Noetzel. Das zeige sich auch daran, dass die Zahl der in Quarantäne befindlichen Mitarbeiter - über den gesamten Klinikverbund gesehen - von zu Hochzeiten 75 auf 36 gesunken ist.

Daher können Noetzel und Mörk eventuell besorgte Patienten beruhigen: "Wir behandeln alle Notfälle - und das streng getrennt von Corona-Patienten." Derzeit seien gut 90 Patienten im Nagolder Krankenhaus, die nichts mit Corona zu tun hätten, informiert die für Calw und Nagold zuständige Regionaldirektorin Alexandra Freimuth. Und man habe genug Kapazitäten auch für "normale" Patienten frei.

Auch bei den Schutzausrüstungen habe man die Lage gut im Griff. Vor gut zwei Wochen sei die Lage etwa beim Mund-Nasen-Schutz noch schlechter gewesen, da habe es Tage gegeben, da sei die Ausrüstung richtig knapp geworden, berichtet Geschäftsführer Noetzel. Aber existenzielle Probleme habe man nie gehabt. Inzwischen habe sich die Lage dank des Engagements des Einkaufs des Klinikverbunds und auch des Landkreises Calw entspannt. Man könne auch Alten- und Pflegeheime und niedergelassene Ärzte versorgen.

Um gerade die Versorgung von schweren Corona-Fällen zu gewährleisten, habe man in den Häusern viele einschneidende Maßnahmen ergriffen berichtet der Geschäftsführer. So habe man unter anderem Personal aus der Inneren Medizin und der Anästhesie für die Betreuung umgeschult, so Noetzel. Sogar aus der Bevölkerung habe man tolle Unterstützung bekommen. Viele Helfer hätten sich gemeldet, 246 von ihnen seien sogar mit Verträgen ausgestattet worden. Und unter den Mitarbeitern habe sich ein sehr enger Zusammenhalt herausgebildet, zeigt sich Noetzel begeistert und auch dankbar.

Den jetzt erfolgten Lockerungen der Bestimmungen sehen die Experten in den Kliniken mit gemischten Gefühlen entgegen. Die Zahlen seien zwar gut, aber Entwarnung könne man auf keinen Fall geben. So sei die Zahl der schweren Erkrankungen nicht gesunken, sagt Hubert Mörk, Chefarzt der Inneren Medizin in Nagold. Die Leute müssten sich jetzt allesamt zusammenreißen, vorsichtig bleiben und die bekannten Regeln weiter befolgen, mahnt der Mediziner.

Intensivbetten: Die Zahl der Intensivbetten, die inzwischen alle mit Beatmungsgeräten ausgestattet sind, wurde in den Krankenhäusern Calw und Nagold von bisher elf auf 22 verdoppelt, zwölf in Nagold, zehn in Calw.

Freie Betten: Der Klinikverbund hält in seinen Krankenhäusern Calw und Nagold 52 Prozent seiner normalen Stationsbetten frei. Von insgesamt 397 sind das 206. In den Intensivstationen sind 36 Prozent der Betten nicht belegt.

Beatmung: Von 15 Corona-Patienten in den Häusern werden acht beatmet. Drei Patienten werden wegen anderen Beschwerden beatmet.

Ungeklärte Fälle: Die Kliniken in Calw und Nagold beobachten derzeit 17 Patienten, bei denen nicht klar ist, ob sie Corona haben oder nicht: elf in Nagold und sechs in Calw.

Durchschnittsalter: Das Durchschnittsalter der Corona-Patienten im gesamten Klinikverbund liegt bei 67 Jahren. Die Sterblichkeitsrate bei 14 Prozent. Der Altersdurchschnitt der Verstorbenen liegt bei 77 Jahren.

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