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Nagold Corona: "Die kritische Phase kommt noch"

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Händler und Gastronomen belegen derzeit im Freien mehr Raum als sonst. Für sehbehinderte Menschen ist das keine einfache Situation. Foto: Fritsch

Nagold - Er ist Stimme und Gesicht der Barrierefreiheit in Nagold - Stadtrat Kurt Brei (CDU). Am Ende der jüngsten Gemeinderatssitzung erhob er unter dem Tagesordnungspunkt "Verschiedenes" schwere Vorwürfe gegen die immer weiter ausufernde Straßengastronomie in der Stadt.

"Das ist furchtbar schlimm für blinde Bürger", so Breis Fazit am Ende seiner langen und detaillierten Aufzählung dessen, wo es im Moment hake bei der einst - nach seinen Worten - so vorbildlichen Barrierefreiheit in der Innenstadt: Gerichtsplatz - die dortigen, unmarkierten Stufen. Die Bahnhofstraße - in Richtung Vorstadtplatz. Der Vorstadtplatz selbst, wo einstige Passier-Möglichkeiten von der Bahnhofstraße her an der Außengastronomie vorbei auf einmal komplett verstellt seien mit Tischen und Stühlen - "und wir Blinden zwangsläufig im Brunnen dort landen".

Auch beim ZOB gebe es Probleme - durch die Musik, Beschallung der Gastronomie dort, die es Blinden gänzlich unmöglich mache, noch die dort fahrenden Busse zu hören. Wodurch es immer wieder zwangsläufig zu Gefahrensituationen käme. "Das sind echte Gefahrenpunkte!"

"Corona ist kein Argument"

Vor dem Hintergrund, dass "es einen vermehrten Zuzug von Blinden nach Nagold" gebe, sei dieser massive Verlust von Behindertenfreundlichkeit in der Stadt ein schlimmer Missstand, gegen den die Stadt als Ordnungsbehörde vorzugehen habe. "Welche Rechte haben eigentlich die Gastronomen!", so die provokante Frage von Kurt Brei, Wege und Plätze derart zuzustellen. "Man fühlt sich als Blinder vom öffentlichen Leben derzeit ausgegrenzt."

Für ihn, so Brei, sei auch "Corona kein Argument", dass Blinde (und auch Rollstuhl- und Rollator-Fahrer) nicht mehr durch die Stadt kämen. Allerdings, so Oberbürgermeister Jürgen Großmann in seiner ebenso eindringlichen Entgegnung, stelle eben genau die Corona-Pandemie aktuell tatsächlich "eine Sondersituation" dar, die zu den von Brei beschriebenen Problemen führe. Händler und eben die Gastronomen bräuchten "den zusätzlichen Platz auf der Straße", um die Einbrüche und Einschränkungen durch die herrschenden Hygiene-Regeln und dem zurückliegenden Shutdown irgendwie kompensieren zu können.

Das Projekt "Nagold geht auf die Straße" mit allen seinen Begleitumständen sei aus Sicht der Stadtverwaltung die einzige mögliche Antwort, um den Betrieben der Innenstadt ein Überleben in diesen schwierigsten Zeiten der letzten Jahrzehnte zu ermöglichen.

"Heizstrahler und Schirme"

Wobei der OB vor allem auch darauf hinwies - auch in Richtung seiner Stadträte - dass die Herausforderungen in den kommenden Monaten, über den nächsten Winter noch einmal massiv zunehmen würden, weil gerade in der Gastronomie es bei den Gästen große Vorbehalte gebe, sich im Innern der Bars, Cafés und Restaurants - aus Angst vor Ansteckung - aufzuhalten. Man werde daher im Gremium auch über mehr "Heizstrahler und Schirme" in der kalten Jahreszeit auf Nagolds Straßen und Plätzen zu sprechen haben. "Da müssen wir durch", so Großmann.

Denn Händler und Gastronomen auch in Nagold stünden "nicht mit dem Rücken an der Wand - sondern bereits in der Wand". Wenn man nicht aufpasse und angemessen und flexibel reagiere, würde man wichtige und viele Player des Nagolder Innenstadtgeschehens durch die Corona-Krise langfristig verlieren. "Wir kriegen die Akteure sonst nicht in die Zukunft." Wobei Großmann auch klares Verständnis für die von Kurt Brei vorgebrachten Probleme zeigte: "Über Details" etwa bei der Planung der wegen der Corona-Abstände nötigen Mehr-Flächen für die Außengastronomie "kann man sicher reden" und hier "in jeweiligem Einzelfall Sonderregelungen finden", die die geforderte Erhaltung der Barrierefreiheit garantierten.

"Die wirklich kritische Phase kommt erst noch"

Aber Kurt Brei reichte das noch nicht als Zusage. "Sie vertreten die Meinung eines Sehenden", wandte sich Brei direkt an den OB. Und er unterstrich eine ausdrückliche Einladung an das Stadtoberhaupt, während einer gemeinsamen Innenstadtbegehung sich einmal "als Nichtsehender" mit den kritischen Punkten in der barrierefreien Wegeführung durch die Innenstadt zu beschäftigen. "Ich habe alle Punkte akribisch mitgeschrieben", so Großmanns Erwiderung. "Wir sind grundsätzlich immer an Verbesserungsvorschlägen interessiert." Um dann noch einmal darauf hinzuweisen: Man befinde sich wirklich in einer absoluten Sondersituation, "die wir so noch nie erlebt haben". Wobei ganz klar "die höchste Priorität" dem Bemühen zukomme, Handel und Gastronomie eben durch den bevorstehenden Winter zu bringen, denn - und da wurde Großmann noch einmal eindringlicher als die ganze Zeit schon: "Die wirklich kritische Phase" auch für Nagolds Unternehmen "kommt erst noch!"

Trotzdem sagt der OB am Ende Stadtrat Kurt Brei auch dessen geforderte gemeinsame Innenstadtbegehung zu. Allerdings nicht mit verbunden Augen oder einer aufgesetzten Schlafmaske, wie von Brei angeregt - um das Erleben als Blinder für den OB wirklich authentisch zu machen. "Das brauchen wir sicher nicht", so Großmann, um die im Sinne der Barrierefreiheit neuralgischen Punkte und Passagen in der Innenstadt gemeinsam zu identifizieren. Und dann einvernehmlich mit allen Beteiligten zu beseitigen.

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