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Nagold "Anspruchsvoll können wir in Nagold gut"

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Markttag in Nagold. Foto: Schwarzwälder Bote

Die Welt hat sich verändert – durch Corona. Auch in Nagold. Das spürt mit am heftigsten der Einzelhandel in der Stadt. Helmut Raaf ist dafür ein Seismograph. Hat selbst als betroffener Fachhändler den Blick nach innen. Aber ist auch national, international vernetzt. Für den Blick über den Tellerrand.

Nagold. "Wir haben beispielsweise im stationären Modehandel durch Corona mindestens 25 Prozent weniger Umsatz gemacht", rechnet der langjährige Vorsitzende des Nagolder Gewerbevereins für sich und seine Kollegen in der Stadt vor. Klar, der Shutdown, der Lockdown. Die Zeit, wo der stationäre Handel, das Handwerk fast komplett geschlossen war. Aber nicht nur. Da ist auch eine komplette Veränderung der Einkaufsgewohnheiten der Menschen, so die Beobachtung. "Die Leute sitzen auf einmal auf ihren Balkonen und genießen die Langsamkeit."

Die Pandemie war, ist auch ein "Reset" des kompletten Lebens. Ein Zurückgeworfenwerden auf die wirklich wichtigen Dinge. "Was brauch’ ich wirklich?" Was ist unbedingt notwendig? In Konsum, in (Einkaufs-)Verhalten ausgedrückt: Der Euro sitzt nicht mehr so locker. Die massive Kurzarbeit in den Betrieben, die eigenen Umsatzverluste der Selbstständigen und Unternehmen. "Das Geldausgeben ist bewusster geworden." Dazu gerade im Südwesten der schon vor Corona begonnene Strukturwandel im Automobilbereich. "Das schafft zusätzliche Unsicherheiten", auf die die Konsumenten mit Kaufzurückhaltung reagierten.

Für Helmut Raaf im Kern ein echter Paradigmenwechsel, der die gesamte Gesellschaft da erfasst und nachhaltig erschüttert hat. "Das alte ’Wir amüsieren uns zu Tode’", wie es einst der Medienwissenschaftler und Autor Neil Postman für das moderne TV-Zeitalter postuliert hatte, "ist auf einmal ein altes, ausgedientes Lebensgefühl und ausgedienter Entwurf." Die Pandemie auch als Chance – "zu einer neuen Ernsthaftigkeit der Menschen." Weil überall auf einmal existenzielle Fragen gestellt werden – nicht nur durch die Pandemie selbst. Die Fleischindustrie wird reformiert – in Rekordzeit. Der gesamte Bereich Mobilität – nicht nur das Fliegen, das Bahnfahren, die Kreuzfahrten – werden massiv neu hinterfragt. Die Prioritäten gesellschaftsweit – auch im globalen Maßstab – neu gesetzt. "Diese Geschwindigkeit des Wandels hätten wir alle – vorher – nicht für möglich gehalten."

"Das ganze System ist im Umbruch"

Auch für die klassischen Konsumbranchen gilt dieser Paradigmenwechsel. Auch für den stationären Einzelhandel in Nagold. "Das ganze System ist im Umbruch", berichtet Raaf beispielhaft von seiner Branche – der (Schuh-)Mode. Es finden kaum noch echte Branchen-Messen mehr statt – auf einmal geht alles auch digital. Die Krise des Lockdowns hat zwischen Lieferanten und Händlern "die Spreu vom Weizen" getrennt – denn nur in Partnerschaften konnten die damit verbundenen "großen Herausforderungen" gemeistert werden. Der Business-Kunde hat dramatisch an Bedeutung verloren – weil es kaum noch Geschäftstreffen "im echten Leben" gibt, kaum Workshops, Incentives. Video-Konferenzen, Homeoffice ersetzen das persönliche Aufeinandertreffen – und damit den üblichen Dresscode. Natürlich nicht komplett – aber zu einem auf einmal sehr großen Teil.

Dazu die allgegenwärtige Angst vor Infektionen. "Die Maskenpflicht in unseren Geschäften lähmt das Einkaufserlebnis." Das ist von Raaf nicht als Vorwurf gemeint – es ist nur eine Feststellung. Mit der der Handel umzugehen zu lernen hat. Und aus der sich, so Raafs Prognose, langfristig eine "neue Schutzkultur" der Menschen entwickeln werde. "Das Einkaufserlebnis muss ein bedingungslos sicheres Erlebnis für die Kunden sein." Denn unterm Strich werden die Menschen und ihre Bedürfnisse durch und nach Corona damit vor allem eines: "Anspruchsvoller!" Und genau das sei auch die positive Botschaft, gerade für den stationären Einzelhandel, denn: "Anspruchsvoll können wir gerade hier in Nagold sehr gut."

Die Auswirkungen der Pandemie hätten die Vorteile einer "Unternehmer-getriebenen" Kultur – versus "Unternehmenskultur" – , wie sie gerade in Nagold in vielen Häusern gelebt werde, besonders zur Geltung gebracht. "Ein echter, persönlich haftender Unternehmer nimmt immer die Herausforderung an, die ihm die Umstände stellen." Raaf nennt das "den Persönlichkeitsfaktor", der "mehr zieht als Lage oder Highfashion". Eines der besten Beispiele für ihn in der Stadt: "Günther Optik". Ein echtes Familienunternehmen durch und durch, das durch eigenes, hohes Investment die Lebens- und Aufenthaltsqualität in seinen Häusern – und damit auch der gesamten Stadt – permanent steigert. Und dabei eine maximale Service- und Dienstleistungsorientierung umsetzt.

"Die leben für ihr Unternehmen. Das schafft Kundenbindung, die auch eine Pandemie locker übersteht." Weil man sich permanent neu erfindet. Und gezielt die Bereiche im eigenen Angebot, eigenem Sortiment entwickelt, die zum Beispiel eine Online-Konkurrenz nicht zu fürchten brauchen. Wobei die Pandemie ja auch dazu beigetragen hat, dass auch die Nagolder Einzelhändler und Unternehmen ihre eigenen Online-Angebote – mit großem Erfolg – konsequent ausgebaut und am Markt platziert haben. "Das hat uns und viele in der Stadt gut über Wasser gehalten", mit bis zu zweistelligen Umsatzanteilen. Was auch deutlich macht: "›Nur‹ 25 Prozent Umsatzverlust durch die Pandemie ist auch eine gute Nachricht." Denn damit sei Nagold – wie viele kleine Städte im Süden, "die in der Vergangenheit ihre Hausaufgaben gemacht haben" – relativ gut durch die Krise gekommen. Wenn es auch "eine echte Erholung" frühestens 2021 geben werde. Denn: "Im Moment kämpfen in Nagold noch alle!"

"Ohne Events geht es nicht!" Sagt Helmut Raaf. Der Mittsommer, die Lichternacht, der Urschelherbst – sie alle waren in der Vergangenheit ein steter Garant für Nagold und seinen Einzelhandel, Kunden auch von weit auswärts zu einem einzigartigen Einkaufserlebnis in die Stadt zu locken. "Klar fehlt das in diesem Jahr", in dem so vieles so anders ist. Gerade weil die Konsumenten – durch Corona beschleunigt – immer bewusster einkauften, bekomme "die Inszenierung" des Einkaufserlebnisses eine immer größere Bedeutung. Die "emotionale Aufladung" der Produkte, der Sortimente, aber auch vor allem der Kunden-Händler-Beziehung. "Wir Einzelhändler vor Ort bieten weit mehr als pure Waren", nämlich die erlebte Sicherheit eines funktionierenden sozialen Gefüges, das sich persönlich für die Mitmenschen engagiert. "Wenn’s drauf ankommt" – und der Kunde etwas bestimmtes wirklich braucht. "Oder wenn man diese Gemeinschaft als Ganzes erleben will" – und man gemeinsam sich, die Stadt und das Leben mit einer der großen Veranstaltungen hier feiern will. "Ja, wir vermissen die Nagolder Events sehr." Umso größer aber dann wohl die Freude, wenn sie wieder – möglichst bald – im sicheren Rahmen stattfinden dürfen (ahk).

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