Nur knapp zwei Dutzend Zuhörer waren in den Nagolder Kubus gekommen, um den Vortrag von Ex-Ministerin Annette Schavan zu hören – bis 2018 auch Botschafterin Deutschlands am "Heiligen Stuhl", also dem Vatikan. Foto: Kunert

Bundestagswahl: Ex-Ministerin Annette Schavan macht Wahlkampf in Nagold vor bescheidener Kulisse

Der Bundestagswahlkampf ist dieses Mal schon irgendwie komisch. Mag an der Pandemie liegen. Richtig Sorgen macht sich wohl die Parteibasis der CDU – das wurde während einer eigentlichen Wahlkampfveranstaltung der Partei im Nagolder Kubus deutlich. "Die Umfragen sind ja schlimm!"

Nagold. Unter 20 Prozent und niedriger für die Christdemokraten. Was sie dazu sage, wollte die Basis wissen – von der Politik-Altmeisterin der Partei, Annette Schavan. Der Nagolder CDU-Ortsverband hatte die Ex-Kultusministerin in Baden-Württemberg und Ex-Bundesministerin für Bildung und Forschung eingeladen, um damit den aktuellen CDU-Bundestagskandidaten für den Wahlkreis Calw-Freudenstadt, den Bad Wildbader Bürgermeister Klaus Mack, zu unterstützen. Der solche Unterstützung wohl gerade ganz gut gebrauchen kann – nur knapp zwei Dutzend Interessierte wollten hören, was vor allem Schavan zu sagen hat. Eine Mobilisierung der Massen sieht sicher anders aus.

Doch: "Lasst euch jetzt mal nicht verrückt machen!", so Schavans beruhigende und auch bemüht motivierende Aufforderung an die CDU-Basis, diese ganzen, mittlerweile täglichen Meinungsumfragen zum mutmaßlichen Wahlausgang nicht "zu ernst" zu nehmen: "Das ist Psychologie, auch Politik. Meinungsumfragen bilden demnach also weniger die Meinung ab, als dass sie "Meinung machen" sollen. Das – offen ausgesprochen – hört man nicht oft.

Gesehen habe man das sehr gut bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Bis zuletzt hätten die Auguren der großen Meinungsforschungsinstitute ein "Kopf-an-Kopf-Rennen" der CDU und der AfD gesehen. Aber dann war doch eine beeindruckende Mehrheit für den CDU-Spitzenkandidaten. Ähnliches erwartet – oder zumindest erhofft – Annette Schavan sich wohl auch jetzt für die Bundestagswahl. Auch wenn "es immer schwieriger" sei, "nach dem Ende einer Ära" mit einem CDU-Kanzler oder -Kanzlerin eine Wahl zu gewinnen "als sonst". Aber, so Schavan selbstbewusst, alle wichtigen Richtungsentscheidungen in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg seien immer von CDU-Kanzlern (und einer -Kanzlerin) getroffen worden – Adenauer mit der Westbindung Deutschlands, Erhard mit der Einführung der Sozialen Marktwirtschaft, Kohl mit der Wiedervereinigung.

Und unter Angela Merkel sei Deutschland zur führenden Nation in Europa aufgestiegen. Auch für "das kommende Jahrzehnt" mit seinen immensen Herausforderungen zum Beispiel beim Klimaschutz, den damit zusammenhängenden, sich neu entwickelnden Flüchtlingsströmen und dem Umbau der Industrie zum Beispiel beim Stahl – und damit Deutschlands Rolle als Innovations-Treiber in einer kleiner werdenden Welt – brauche "die Kontinuität und Verlässlichkeit" der CDU. Balsam für die Seele der CDU-Basis an diesem Abend. "Merkel hält Laschet für den richtigen Kanzler", was Schavan offenbar für das alles entscheidende Testat für den CDU-Kanzlerkandidat hält. Weshalb man sich – mit einigen CDU-Getreuen im Saal – schon auch ein bisschen darüber wundern durfte, dass Plakate eben von diesem Kanzlerkandidaten an diesem Abend im Kubus fehlten.

Aber damit war es auch mit den Wahlkampf genug. Nicht nur der hiesige CDU-Kandidat Klaus Mack wollte von dem Gast sehr viel lieber "aus erster Hand" hören, was sie über ihre Zeit als Botschafterin am "Heiligen Stuhl" (2014 bis 2018) berichten könnte. Womit der Abend zu einem ziemlich spannenden Kolloquium über internationale Diplomatie geriet – schließlich ist der Vatikan, die katholische Kirche "schon ein echtes Unikat" in der Welt:

Schavan: "Keine andere Institution in der Welt ist so nahe bei den Menschen", weil die katholische Kirche in den Ländern, in denen sie vertreten sei, immer auch soziale und Bildungseinrichtungen betreibe. Wobei Ex-Botschafterin Schavan auch die bewusste Nähe des heutigen "Heiligen Stuhls" zu "den besten Köpfen der internationalen Wissenschaft", vereinigt in der päpstlichen Akademie der Wissenschaft, ausdrücklich hervorhob.

Weshalb – bei allen aktuellen, auch extrem kontroversen Debatten innerhalb der katholischen Kirche beispielsweise über die Stellung der Frau – der "Heilige Stuhl" ein "extrem stabilisierender Faktor" in einer "immer zerbrechlicheren Welt" sei, womit Schavan auf die zunehmenden Klimaextreme, den damit verbundenen Folgen für die Menschen und Herausforderungen für notwendige internationale Entscheidungen und Abkommen anspielte. "Und wir brauchen Politiker, die in dieser zunehmend zerbrechlicheren Welt die Menschen zusammenführen", echtes Vertrauen vermitteln könnten. Womit man dann doch irgendwie wieder im Wahlkampf angekommen war.

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