Warum sehe ich diesen Hinweis?

Sie sehen diesen Hinweis, weil Sie einen Adblocker eingeschaltet haben oder im privaten Modus surfen. Deaktivieren Sie diesen bitte für schwarzwaelder-bote.de, um unsere Artikel ohne diesen Hinweis lesen zu können.

Mehr zum Thema Adblocker / Privater Modus und wie Sie diesen deaktivieren, finden Sie, indem Sie auf deaktivieren klicken.

Deaktivieren

Nagold Als der Krieg nach Wenden kam

Von
Noch 1948 sind in einer Straße in Wenden Trümmer vom Beschuss zu erkennen.Archiv-Foto: Deuble Foto: Schwarzwälder Bote

Der Schwarzwälder Bote erinnerte 1960 erstmals an den Beschuss von Wenden durch französische Truppen. Aus dem Bericht geht hervor, warum es ausgerechnet dieses kleine Dorf so stark getroffen hat.

Ebhausen-Wenden. Soviel ist sicher: Am 16. April 1945, ein Montag, gegen 11.30 Uhr, fielen die ersten Phosphorgranaten auf Wenden. Neun Häuser und 13 Scheunen gerieten in Brand. Doch keiner von den damals rund 200 Einwohnern kam zu Schaden, allerdings verbrannten einige Stück Vieh.

Das ist jetzt 75 Jahre her. In regelmäßigen Abständen, meist alle fünf oder zehn Jahre gedenken die Menschen der Ereignisse von damals. Doch jetzt ändert sich etwas: Die Zeitzeugen gehen aus. Selbst die, die damals Kinder mit brauchbaren eigenen Erinnerungen an das Kriegsende waren, gehen heute auf die 90 zu. Somit wächst die Gefahr, dass es zugeht wie bei einem Kindergeburtstag, bei dem die Kinder im Kreis sitzen. Das erste denkt sich eine Geschichte aus, flüstert sie seinem Nachbarn ins Ohr und so weiter. Am Ende kommt etwas ganz anderes heraus, als die ursprüngliche Geschichte.

Beitrag des damaligen Bürgermeisters

Das Beste ist, zeitlich möglichst nahe dran zu bleiben. Und das führt ins Jahr 1960. Im Schwarzwälder Boten vom 16. April 1960 erschien ein Beitrag von Christian Erhard Deuble, damals Bürgermeister der noch selbstständigen Gemeinde Wenden und Großvater des heutigen Ortsvorstehers Immanuel Deuble. Darin heißt es unter der Überschrift "Als der Krieg sinnlos geworden war", "erstmals" sei der Hergang in kurzen Zügen aufgezeichnet. Das war 15 Jahre später. Schon? Erst? Auf jeden Fall steht am Beginn des Beitrags die Frage nach dem Grund für dieses Unglück, welches das kleine, abgelegene Dorf Wenden traf, während andernorts kaum nennenswerte Schäden durch Kampfhandlungen entstanden.

Es war jedoch eine andere Frage, die Schicksalsfrage, die sich damals viele deutsche Städte und Ortschaften angesichts der vorrückenden Alliierten stellten: verteidigen oder ergeben? Beides war nicht ungefährlich. Erst wenige Tage zuvor, am 3. April, erließ Heinrich Himmler (Reichsführer SS und oberster Polizeichef) den so genannten "Flaggenbefehl" – wer sich mit einer weißen Fahne zeigt, würde erschossen. Wart wagte es, Wenden nicht. Wobei die Entscheidung wohl kaum bei den Wendenern gelegen haben dürfte, Wenden hatte nicht einmal einen eigenen Bürgermeister und wurde von Wart aus verwaltet. Die Entscheidung traf wohl eher die militärische Führung, also, was davon übrig war. Es herrschte die Logik der Militärs. Auf beiden Seiten.

Vielleicht ist es übertrieben, Wenden als "Festung" zu bezeichnen, doch dem Zeitungsbericht von 1960 ist zu entnehmen, dass sich in dem Dorf Truppen von beträchtlicher Stärke formiert haben. "Wieder kamen zahlreiche Truppen von der Front (Funker und Panzer), die sich hier festsetzten". Panzer, die Infanterie, also Fußsoldaten absetzten, seien eingetroffen. In späteren Berichten ist vom Volkssturm die Rede, also dieses letzte Aufgebot von Kindern und alten Männern. Außerdem war später von SS-Leuten die Rede, die in der Regel keine Nebenrolle spielten und im Zweifel verhinderten, dass weiße Fahnen gehisst wurden. Schließlich waren Pferdegespanne mit Panzerabwehrkanonen im Ort. Nicht zuletzt gab es eine Feldküche der Wehrmacht und einen Verbandsplatz des Roten Kreuzes, was ebenfalls auf eine größere Truppenpräsenz schließen lässt.

Die "Schnauze voll" hatten wohl beide

Und so kam es wie es kommen musste: Der Krieg war in Wenden angekommen. Die Deutschen schossen im wankenden Glauben, die Heimat zu verteidigen, die Franzosen wollten den Feind endlich niederringen und beschossen das kleine Dorf. "Ras le bol", beziehungsweise "Schnauze voll" vom Kriege hatten wohl beide. Am Ende zog die Wehrmacht nach Osten ab und die französischen Truppen zogen in das brennende Dorf ein.

Später hat man überall Bilanz gezogen. Dabei kam heraus, dass die Dörfer, die sich ergeben haben, besser davongekommen sind. Ja, teilweise plünderten und vergewaltigten die Besatzungstruppen, was ihnen natürlich bei hoher Strafe verboten war. Mit Blick auf die Opfer und Zerstörungen des französischen Einmarsches erinnerte sich ein ehemaliger Wehrmachtssoldat aus Tübingen an den Einmarsch seiner Truppe in Russland, wo die Dörfer in der Regel dem Erdboden gleich gemacht wurden. "Wenn man das so insgesamt sieht, sind wir ganz gut davongekommen."

Mit Nachdenklichkeit und Selbstkritik endet auch der Bericht vom 16. April 1960: "Im zweiten Weltkrieg kämpfte man bis ›Fünf Minuten nach zwölf Uhr‹! Der deutsche Landser wurde von einem Ende Deutschlands bis zum anderen gehetzt und die Heimat durch die Kämpfe schwer in Mitleidenschaft gezogen, obwohl jeder vernünftige Mensch längst wusste, dass der Kampf aussichtslos, ja sinnlos geworden war".

Top 5

0

Kommentare

Artikel kommentieren

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.