Auch an der Rottweiler Waldorfschule liefen Eltern Sturm gegen die Corona-Maßnahmen. Foto: Otto

Jan Böhmermann startet in seiner Satireshow "ZDF Magazin Royale" einen Frontalangriff auf die Freien Waldorfschulen in Deutschland. Nun äußert sich Christoph Sander, Geschäftsführer der Rottweiler Waldorfschule, zu den Anschuldigungen.

Kreis Rottweil - Die Brisanz liegt alleine schon in Sanders Position. So ist er nicht nur Geschäftsführer des Rottweiler Standorts, sondern auch geschäftsführender Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Freien Waldorfschulen, also Landeschef und somit verantwortlich für die 57 Standorte in Baden-Württemberg – das sind insgesamt rund 23 000 Schüler, was elf Prozent der Gesamtschüleranzahl im Land entspricht.

 

Aber was hat sich überhaupt zugetragen? Der Satiriker Böhmermann hat sich im "ZDF Magazin Royale" die Freien Waldorfschulen vorgeknöpft. Darin äußerte er harsche Kritik an der Schulform, die nach außen zwar immer für Spaß und Heiterkeit stehe, den Kindern aber eine gefährliche Weltanschauung vermittle, stellt der Satiriker dar.

"Die Recherchen sind im Vorhinein schon aufgetaucht. Wenn an mehreren Schulen die gleichen Fragen gestellt werden, kann man sich das schon zusammenreimen", sagt Sander zu den Entwicklungen vor Ausstrahlung der Sendung am 18. November.

Eine allgemeine Warnung seitens des Bunds der Freien Waldorfschulen habe es allerdings nicht gegeben. Dem deutschlandweiten Zusammenschluss mit Sitz in Stuttgart gehören neben dem Rottweiler Standort weitere 252 Waldorfschulen an. Besucht werden sie von insgesamt rund 90 500 Schülern.

Weltanschauung im Fokus der Kritik

Neben der teils undurchsichtigen Finanzierung der Waldorfschulen durch den Staat wirft Böhmermann den Einrichtungen auch eine gewisse Nähe zu Querdenkern, Impfgegnern oder auch "Neuen Rechten" vor.

Im Fokus der Kritik steht aber das Menschenbild und die Weltanschauung, die an Waldorfschulen gelehrt werden sollen. Dabei geht es um die Anthroposophie, eine von Rudolf Steiner begründete esoterische Weltanschauung. Das ZDF hat hierzu eine etwa halbstündige Dokumentation veröffentlicht.

Der Anthroposophie wird vorgeworfen, im Herbst 2021 Quelle der Querdenkerbewegung gewesen zu sein und im starken Gegensatz zur Wissenschaft zu stehen. Es geht um Engel, Gnome, Karma, Wiedergeburt und kosmische Kräfte. Andererseits geht es auch darum, den Menschen und die Natur in den Vordergrund zu stellen. So sollen laut Doku auch große Unternehmen wie die Drogerie-Kette "dm" oder auch der Bioverband "demeter" der Weltanschauung nahestehen.

"Die Grundlage bei uns ist die Waldorfpädagogik. Diese fußt in vielen Bereichen auf ein Menschenbild, das sich in der Anthroposophie entwickelt hat. Man sollte sicherlich Kenntnis davon haben, um es für sich bewerten zu können, und es ist auch Bestandteil der Lehrerausbildung, aber es ist nicht vorherrschend", erklärt Sander.

Das hat Böhmermann den Waldorfschulen jedoch unterstellt. So sollen Kinder beispielsweise laut der Weltanschauung erst ab dem zweiten Schuljahr lesen lernen. "Das wird sehr komprimiert dargestellt. Es ist nicht so, dass das im ersten Jahr nicht stattfindet. Wir fangen nur mit dem Schreiben an und legen den Grundstein für das Lesen im zweiten Schuljahr. Die Frage ist dann, wieso das im bundesweiten Lernplan nicht so steht. Ich würde mich freuen, wenn wir da aus der Verknappung herauskommen", sagt der Geschäftsführer. Sander selbst sieht sich nicht als Anthroposoph. "Viele Bereiche sind sehr angestaubt, aber es gibt auch interessante Aspekte."

"Das ist die komplett falsche Geste"

Er selbst habe sich die Sendung schon mehrfach angeschaut, wie er zugibt. Das Zurückweisen der Anschuldigungen sei die komplett falsche Geste, man müsse bereit sein, sich den Fragen zu stellen. "Ich muss auch den Kopf schütteln, weil viele Sachen stimmen. Dadurch bietet sich die Chance, die Kritikpunkte aus der Show in einem größeren Rahmen zu vertiefen", stellt der Landeschef klar.

"Wir scheitern an vielen Fragen meist grandios. Manche Prozesse müssen die Schulen zwar für sich entscheiden, aber es würde die Dinge schon vereinfachen, wenn wir uns auf klare Linie bei Themen einigen könnten. Es muss schneller um das Wie als das Warum gehen."

Abgrenzung nach rechts muss vollzogen werden

Wichtig sei auch die Abgrenzung nach rechts: "Wir haben Dinge zu lange geduldet, und damit tolerieren wir sie irgendwann auch. Das ist eine Mischung aus Naivität und fehlendem Konfliktbewusstsein." Die Entwicklungen während der Corona-Pandemie hätten Sander dabei durchaus überrascht, auch wenn er sagt: "Es gibt sicherlich eine Schnittmenge zu Menschen, die andere medizinische Formen suchen. Es kommt dann zu einer Häufung von Impfskeptikern, weil unser System das bedient. Unter Umständen verlieren wir dann Teile unser Gemeinschaft."

Klar gegen Corona-Proteste positioniert

Sander hatte sich selbst im Herbst 2021 klar gegen die Corona-Proteste positioniert, auch gegen teils heftige Demonstrationen von Eltern an der Waldorfschule in Rottweil. "Es ist in der Geschichte noch nie passiert, dass ich gleichzeitig als Nazi und als Überbleibsel der Stasi-Zeit beleidigt wurde. Das waren Beleidigungen unter der Gürtellinie. Besonders getroffen hat mich, dass ich als ›Goebbels der Corona-Verordnung‹ bezeichnet wurde", erzählt der Geschäftsführer. Er bereue jedoch nichts, sei mit sich im Reinen. "Am Ende des Tages sind es immer Menschen."