Warum Männer lernen sollten, in Beziehungen zu verhandeln – und wie das laut Psychotherapeut Sebastian Leikert nicht nur ihnen, sondern der ganzen Gesellschaft hilft.
Als Mann kann man in diesen Tagen viel falsch machen: zu weiß, zu alt, zu alpha, zu toxisch. Und die Männer, die es besser machen wollen? Sie sind häufig verunsichert und überangepasst, zu feminin. Laut dem Psychotherapeuten und Psychoanalytiker Sebastian Leikert aus Saarbrücken ist das Dilemma des modernen Mannes, dass er sich entweder zu sehr anpasst oder gar nicht. Im Interview erklärt der Psychoanalytiker, wie Männer einen Mittelweg finden können, um glücklichere Beziehungen zu führen – und warum dies auch besser für unsere Gesellschaft ist.
Herr Leikert, Ihr Buch heißt „Der desorientierte Mann“ – was läuft bei den Männern in unserer Gesellschaft schief?
In vielen Therapien von mir, vor allem mit Frauen, ist das Beziehungsverhalten von Männern seit Jahren ein großes Thema. Es sind fast immer die Frauen, die sich über Jahre bemühen, mit Männern in Kontakt zu kommen – emotional, kommunikativ – und irgendwann merken, es geht einfach nicht. Vom Schichtarbeiter bis zum Akademiker beobachte ich dasselbe: Männer in Partnerschaften, die kaum eine vernünftige kommunikative Kompetenz besitzen.
Sie attestieren Männern einen „Autonomie-Dachschaden“ – was verstehen Sie darunter?
Das ist für mich ein humorvoller Ausdruck für die zentrale Schwierigkeit, die ich bei Männern in der Kommunikation und im Verhalten beobachte. Vielen Männern fehlt es vor allem an Verhandlungskunst in Partnerschaften. Statt ihre eigenen Wünsche vor der Partnerin zu formulieren und diese ins „Parlament der Beziehung“ einzubringen, wie zum Beispiel ein Urlaub allein, passt sich der Mann entweder ängstlich an die Frau an oder er macht ohne jegliche Diskussion, was er möchte. Also er handelt, statt seine Autonomiewünsche zu verhandeln – das nenne ich einen Autonomie-Dachschaden. Denn beides ist ja nicht partnerschaftlich.
Warum können Männer das nicht?
Weil sie es nie gelernt haben. Die Gründe dafür beginnen aus meiner Sicht in der Kindheit. Der entscheidende Punkt ist die frühe Desidentifikation der Mutter. Sobald Jungen merken, dass sie ein anderes Geschlecht haben, wenden sie sich von allem ab, was als „weiblich“ gilt – und dazu gehören Nähe, Zärtlichkeit, Symbiose. Nicht im negativen Sinn, sondern als Fähigkeit, sich jemandem nah zu fühlen und trotzdem den eigenen Standpunkt zu behalten. Männer bauen ihre Identität dann über Leistung, Kontrolle, Technik, Sport. Kommunikation spielt da kaum eine Rolle. Wenn sie später in Beziehungen geraten, treffen sie auf Partnerinnen, die das gelernt haben – und erleben sich plötzlich als unterlegen. Das halten viele nicht aus.
Warum nicht einfach trainieren, wenn man das erkennt?
Das wäre ja die Lösung! Aber die meisten Männer wollen das gar nicht. Sie haben Angst, die Kontrolle zu verlieren. Dahinter steckt, psychoanalytisch gesprochen, ein falsches Skript: In der sogenannten phallischen Phase entdeckt der Junge, dass er etwas hat, was die Mutter nicht hat – und verknüpft damit Überlegenheitsgefühle und Angst vor weiblicher Macht. Kommunikation wird unbewusst als Unterordnung erlebt. Wenn eine Frau sprachlich stärker ist, drehen viele innerlich durch.
Warum ist dieser Lernprozess so schwierig für Männer?
Einen Punkt beschreibe ich als „Vorbildwüste“: Es gibt kaum sichtbare Vorbilder für gutes Kommunikationsverhalten. Das betrifft auch das Männerbild in den Medien. In vielen Filmen wird heute die erfolgreiche und zielstrebige Frau gefeiert. Das ist gut so, denn das unterstützt den Prozess, dass sich Frauen mehr zutrauen. Aber die Männerrollen sind demgegenüber mit Trotteln, schizoiden Nerds oder arroganten Machern besetzt, die versuchen mit traditioneller Arroganz zum Erfolg zu kommen. Mediale Vorbilder für selbstbewusstes kommunikatives Verhalten in Beziehung zu Frauen sind praktisch nicht vorhanden.
Sie beschreiben, dass es durchaus Männer gibt, die das können. Wie sehen solche Ausnahmen aus?
Ich habe einen Patienten, einen einfachen Mann ohne Ausbildung, der als Telefonverkäufer arbeitet. Der hat gelernt, zu reden, weil sein Beruf Kommunikation erfordert. Und in seiner Beziehung ist er derjenige, der sagt: „Schatz, wir müssen reden.“ Es liegt nicht am Intellekt, sondern am Willen, sich auf Nähe einzulassen.
Sie schreiben, Männer können emotionale Zeichen durchaus lesen. Warum tun sie es nicht?
Weil sie es nicht müssen. Das Patriarchat hat Männern ja eine komfortable Position angeboten: Stärke, Kontrolle, Unabhängigkeit. Emotionalität wurde ausgelagert an die Frau. Gleichzeitig hat das System auch Frauen Angebote gemacht – etwa sich nicht verantwortlich zu fühlen für das Familieneinkommen. Aber es bleibt eine ungleiche Struktur, und das ist das, was viele Frauen heute nicht mehr wollen.
Wir erleben gerade sogar eine Rückwärtsbewegung.
Ja, leider. Vor 40 Jahren dachte ich: Frauen und Männer sind gleich intelligent, gleich gebildet, also werden wir bald auch gleichberechtigt sein. 20 Jahre später habe ich gesehen, dass es sich nicht so entwickelt. Heute sehe ich, dass sich das Gleichgewicht gerade wieder zurückdreht. Das war ein Grund, dieses Buch zu schreiben. Ich wollte nicht mehr nur mit Fachleuten reden, sondern mit der Öffentlichkeit, weil das Thema gesellschaftlich brennt. Ich habe das Buch als eine Art Auftragsarbeit für unsere Gesellschaft gesehen.
Was beobachten Sie in Ihrer Praxis?
Viele hoch qualifizierte Frauen ab Mitte 30, die keinen Partner finden – und glauben, das sei ihre persönliche Schwäche. Dabei ist das ein gesellschaftliches Problem, kein individueller Defekt. Ich habe eine Kollegin in Supervision, die sagt: „Ich habe mich darauf eingestellt, dass ich in diesem Leben keinen Partner mehr finde.“ Das finde ich erschütternd, das ist eine Bankrotterklärung für unsere Gesellschaft und vor allem die männliche Lernbereitschaft. Und da müssen wir Psychotherapeuten auch aufpassen, dass wir solche gesellschaftlichen Probleme nicht individualisieren.
Männer suchten nach wie vor „Alphamänner-Status“ – und Frauen eher Alphamänner. Ist das der Kern des Problems?
Teilweise. Frauen suchen meist Männer mit sozialem Status, Stabilität, Sicherheit – also die klassischen Alphamänner. Wenn die Beziehung dann läuft, wünschen sie sich zusätzlich emotionale Kompetenz, ich nenne das „Doppel-Alpha“. Und da wird es eng. Männer haben diese Fähigkeiten, entwickeln sie aber nicht, weil sie nie gefordert werden. Es gibt unzählige Seminare, in denen Männer Muskeln aufbauen oder Rhetorik trainieren – aber keines, in dem sie lernen, in einer Beziehung vernünftig zu kommunizieren.
Warum bedroht ein selbstbewusster Lebensentwurf Männer so sehr?
Weil er sie an ihre eigene Unsicherheit erinnert. Viele Männer halten die Gleichwertigkeit nicht aus. Wenn eine Frau gut verdient, gebildet ist und sich nicht kleinmacht, fühlen sie sich entwertet. Das ist die Kehrseite des patriarchalen Versprechens: Stärke als einziges Identitätsangebot. Wer sich nur über Überlegenheit definiert, kann keine Partnerschaft auf Augenhöhe führen.
Und wie kommen wir da raus?
Indem Männer lernen, sich nicht über Kontrolle, sondern über Beziehung zu definieren. Das wäre ein riesiger Fortschritt. Kommunikation ist trainierbar – wie ein Muskel. Männer müssen nur begreifen, dass Nähe keine Bedrohung ist. Und Frauen sollten aufhören, die Verantwortung für die emotionale Verbindung allein zu tragen. Dann könnten Beziehungen wieder das werden, was sie sein sollten: Begegnungen zwischen zwei ganzen Menschen – nicht zwischen einem, der führt, und einem, der folgt. Eine solche Beziehung hat so viel Potenzial und erst dann macht es richtig Spaß!
Zur Person
Leben
Dr. Sebastian Leikert ist Diplom-Psychologe und Psychoanalytiker (DGPT) in eigener Praxis in Saarbrücken sowie Lehranalytiker, Dozent und Supervisor am Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Heidelberg (DPG).
Buch
In seinem aktuelle Buch „Der desorientierte Mann“ analysiert Leikert, warum es Männern in Beziehungen schwerfällt, die Herausforderungen, die die Frauenemanzipation mit sich bringt, positiv anzunehmen. (nay)