Dennis Seimen, Luca Raimund und Laurin Ulrich (von links) nehmen in der kommenden Saison die Herausforderung in der zweiten Liga an. Foto: Baumann

Dennis Seimen, Luca Raimund, Laurin Ulrich und Benjamin Boakye verlassen vorerst den VfB. Weitere Eigengewächse werden folgen – allerdings gehören diese Wechsel zu einem Konzept.

Diesen Moment wird Luca Raimund sicher nie vergessen: 5. November 2023 in Heidenheim. Ein Sonntagabend bei Dauerregen auf der Ostalb. Rau ging es bei Wind und Kälte zu. Der VfB Stuttgart lag gegen den Aufsteiger mit 0:1 zurück, als der damals 18-Jährige für Silas Katompa eingewechselt wurde. Der Flügelflitzer sollte bei seinem Bundesligadebüt mit seiner unbedarften Art frischen Schwung bringen. In der Nachspielzeit bot sich Raimund die große Chance zum Ausgleich, doch er schoss den Ball an die Unterkante der Latte, der VfB verlor noch 0:2.

 

Im Rückblick hätte für Raimund mit einem Treffer alles anders laufen können. Glücklicher, mit dem Sprung auf die große Bühne – aber nach langwierigen Verletzungen ist der 20-Jährige zuletzt nicht mehr weitergekommen. Jetzt verlässt der gebürtige Böblinger die Heimatregion, nach sieben Jahren in der Talentschmiede an der Mercedesstraße. Ihn zieht es zu Fortuna Düsseldorf, und oberflächlich betrachtet könnte man sagen: Wieder hat es ein Toptalent beim VfB nicht geschafft.

Doch diese Sichtweise greift zu kurz, da der Bundesligist der Leitlinie folgt, bei abwandernden Nachwuchskräften aus den eigenen Reihen mit Vertragsmöglichkeiten die Hand auf ihnen zu behalten. In Raimunds Fall verfügt der VfB trotz des langfristigen Arbeitspapiers in Düsseldorf nach dem Transfer über eine Rückkaufoption, im weiteren Fall von Dennis Seimen ist der 19-jährige Torwart ohnehin nur für ein Jahr an den SC Paderborn ausgeliehen. Ebenso läuft es mit Laurin Ulrich. Der 20-jährige Offensivspieler hat seinen Vertrag beim VfB über 2026 hinaus verlängert, wechselt aber erst einmal auf Leihbasis zum 1. FC Magdeburg. Auch Benjamin Boakye verlässt den VfB. Der 20-Jährige geht zu Arminia Bielefeld und Jarzinho Malanga (SV Elversberg) ist ebenfalls auf dem Sprung in die zweite Liga.

Die Eigengewächse dienen im Augenblick als Paradebeispiele dafür, wie der VfB seine jugendlichen Hoffnungsträger am Übergang zum Profibereich individuell fördert – und es wird klar, dass es an der Schnittstelle zwischen Jugend und Profitum neben der eigenen U 21 als letzte Ausbildungsmannschaft eine zweite, externe Entwicklungsschiene gibt.

Dieser Prozess umfasst bisweilen die harte Tour. Weg von der bekannten Wohlfühloase, hin zur neuen Herausforderung in einem konkurrenzträchtigen Umfeld. „Es geht gerade in diesem Bereich nicht um Gleichmacherei. Es geht um Sorgfalt, wir müssen jeden Einzelfall und auch die Situation im Club betrachten. Aktuell haben sich in unserem Leistungszentrum auch unter den Bedingungen der dritten Liga viele Spieler herausragend entwickeln können. Für manche ist schon jetzt der Schritt in ein neues Anforderungslevel wichtig, unsere Profimannschaft vielleicht aber noch ein Schritt zu weit. Denn für alle diese Spieler muss eins garantiert sein – die Möglichkeit, auf ausreichende Spielzeit zu kommen“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth.

Im Idealfall sollen Raimund, Seimen, Ulrich und Boakye in der Fremde reifen und gestärkt zurückkommen können. „Für einige unserer Talente ist deshalb der Schritt in die zweite Bundesliga genau das richtige Format, solange wir weiterhin die Möglichkeit haben, als Club sportlich und wirtschaftlich von ihrer Entwicklung zu profitieren“, erklärt Wohlgemuth. So bietet sich das erweiterte weiß-rote Modell in Zukunft wohl nicht nur bei dem 18-jährigen Malanga an.

Alles hochbegabte Spieler, für die es aktuell noch nicht ganz für die VfB-Profis reicht. In der dritten Liga haben sie aber schon auf sich aufmerksam gemacht, obwohl sie teilweise zu den A-Junioren gehören. Wie ein Karrierekatalysator wirkt die dritthöchste Spielklasse, vor allem in Verbindung mit der Youth League. Das schafft Alternativen für die begehrten Teenager, denn auf der Tribüne befinden sich jeweils zahlreiche Berater und Scouts anderer Vereine – was die Nachfrage nach Nachwuchsspielern aus der Stuttgarter Schule enorm gesteigert hat, zumal wenn sie in Junioren-Nationalmannschaften vertreten sind.

Von diesen Ausnahmetalenten scheint der VfB wieder eine Reihe zu haben. Einige von ihnen rücken aus der U 19 nach und sollen sich auch beim Profitraining unter Chefcoach Sebastian Hoeneß empfehlen. Florian Hellstern, Max Herwerth, Eliot Bujupi, Mirza Catovic, Efe Korkut und Lauri Penna stehen im Blickpunkt. Sie drängen mit besten Perspektiven aus dem Unterbau nach oben, werden im Verein wertgeschätzt – und beanspruchen Kaderplätze.

„Natürlich ist es verstärkt unser Ziel, Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in unsere Lizenzmannschaft einzubauen. Darauf nehmen wir gezielt und stärker als vorher in unserer Kaderplanung Rücksicht. Auch gehört dazu, dass wir gezielt daran arbeiten, Gelegenheiten für Spielpraxis zu finden. Grundvoraussetzung ist natürlich die Qualität unserer Nachwuchsspieler. Und hier haben wir in den letzten zwei Jahren deutliche Fortschritte gemacht“, sagt Wohlgemuth.

Teil des Konzepts ist es dabei auch, dass die Eigengewächse nicht mehr zu lange in der zweiten Mannschaft beim VfB verweilen – irgendwo gefangen zwischen dem Traum, es noch in die Bundesliga zu schaffen, und der Realität, nicht über die dritte Liga hinauszukommen. Da erscheint die Möglichkeit, es über die zweite Liga nach ganz oben zu versuchen, für einige Toptalente eine sinnvolle Lösung zu sein.