Daniela Weißer und Gerhard Meier haben die Suche aufgegeben Foto: Günther

Wenn am 1. September das Ausbildungsjahr beginnt, bleibt wahrscheinlich jede zweite Lehrstelle im Landkreis unbesetzt. Es wird für die Betriebe immer schwieriger, Auszubildende zu finden, sagen die Handwerksmeister. Das könnte böse enden.

Kreis Rottweil - "Früher hatten wir im Landkreis 15 bis 20 Lehrlinge im Jahr", berichtet der Kreishandwerkermeister Andreas Frank aus dem Maurer-Gewerbe. "Heute sind es noch vier oder fünf". Frank selbst hat seit fünf Jahren keinen Auszubildenden mehr gehabt. Er glaubt, dass das Handwerk heute nicht mehr anerkannt sei. "Das liegt auch viel an den Eltern, die sich für ihre Kinder eine andere Karriere wünschen", vermutet er.

 

Keiner will mehr Metzger werden

Angelika Rauser, die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Rottweil, weiß vom Lehrlingsmangel in sämtlichen Branchen. "Stuckateure, Straßenbauer, Zimmerer und Schreiner – praktisch jeder Betrieb ist davon betroffen."

Schwierig ist die Lage zum Beispiel auch im Fleischer-Gewerbe. "Wir haben schon seit zehn Jahren keine Azubis mehr, weil wir niemanden finden", bekennt Daniela Weißer, die Juniorchefin der Metzgerei Meier in Rottweil. Der Beruf sei unattraktiv geworden. Verständnis dafür hat Daniela Weißer nur wenig. "Jeder hat Hunger, jeder will ins Restaurant gehen – aber die notwendige Arbeit will keiner machen." Senior-Chef Gerhard Meier ergänzt: "Heute wollen die jungen Leute nur noch studieren, studieren, studieren." Dabei sei gerade der Metzgerberuf interessant und vielseitig – und die Verdienstmöglichkeiten im Handwerk gar nicht unbedingt schlechter als mit einem Studium.

Dramatische Zahlen der Arbeitsagentur

Die Statistik der Handwerkskammer Konstanz bildet den Lehrlingsmangel nicht auf den ersten Blick ab. Sie zählte für den Landkreis Rottweil im vergangenen Jahr 659 Auszubildende, zehn Jahre zuvor waren es mit 705 gar nicht sehr viel mehr. "Es sind aber zuletzt vor allem Lehrlinge in Berufen hinzugekommen, die mit der Energiewende zusammenhängen", gibt die Sprecherin der Handwerkskammer Petra Schlitt-Kuhnt zu bedenken, zum Beispiel Klimatechniker oder Elektroanlagen-Mechaniker. "Und auch diese Betriebe müssen intensiv suchen."

Dramatisch lesen sich dagegen die Zahlen des jüngsten Arbeitsmarktreports der Bundesanstalt für Arbeit von Ende Juli. Demnach wurden der Arbeitsagentur seit Anfang des Jahres im Landkreis Rottweil 1357 offene Lehrstellen gemeldet. Ihnen stehen 637 Bewerber gegenüber. Demnach könnte kaum jede zweite Stelle besetzt werden. In diesen Zahlen sind sämtliche Ausbildungsplätze oder Bewerber enthalten, nicht nur die des Handwerks.

Kleine Betrriebe haben es schwer

Elektromeister Ulrich Brauchle aus Schramberg hat schon überlegt, ob er überhaupt noch ausbilden soll. Unter den wenigen Interessenten sei es schwierig, geeignete Kandidaten auszusuchen. "Kleine Betriebe haben es schwer", sagt Brauchle, der damit für die gesamte Elektro-Innung spricht. "Mit dem, was die großen Firmen bieten, können wir nicht mithalten." Dabei hat der Schramberger gute Argumente für eine Lehre in einer überschaubaren Firma. Dort seien die Aufstiegschancen in vielen Fällen deutlich größer. Und die Qualität der Ausbildung stehe den Branchenriesen in nichts nach.

Gute Deutschkenntnisse müssen sein

Was würde den Handwerkern künftig helfen bei der Lehrlingssuche? Zugewanderte könnten die Lücken füllen, glaubt Ulrich Brauchle. Allerdings müssten sie dazu unbedingt ausreichende Sprachkenntnisse mitbringen, dafür wiederum müssten Behörden und Politik sorgen. Für die Metzger schlägt Daniela Weißer vor, ein duales Studium aus dem Beruf zu machen, um die Attraktivität zu erhöhen.

Am weitesten geht Kreishandwerkermeister Frank: "Jeder Schulabgänger sollte grundsätzlich erst einmal eine Lehre machen", fordert er. "Die kann auch in einem späteren Studium jeder gut gebrauchen." Gehe aber die Entwicklung so weiter, werde das für viele Firmen bedrohlich. Noch drastischer formuliert es Metzgermeister Gerhard Meier: "Irgendwann wird es Betriebe wie unseren nicht mehr geben", prophezeit er.

Angelika Rauser hat die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. "Lehrverträge können bis zum 31. August abgeschlossen werden. Und selbst wenn es ein paar Wochen später wird, ist das noch kein Problem."