Andreas Wolbert folgt mittels einer App der vorgegebenen Route. Darüber bekommt er auch Beschwerden von Lesern rückgemeldet. Foto: Nadja Varsani

Andreas Wolbert ist ein Nachtschwärmer. Er übt seinen Beruf mit viel Leidenschaft aus. Dafür nimmt er im Winter auch Risiken in Kauf.

Es ist noch dunkel, die Uhrzeiger stehen auf 5.30 Uhr. Der Vollmond drückt sich durch den Nebel und erhellt die Straße. Fahrzeuge sieht man wenige. Andreas Wolbert ist unterwegs nach Wolterdingen, hier stehen die Häuser weit auseinander. Höfe und Einfamilienhäuser prägen das Bild.

 

34 Zeitungen muss Wolbert in dem Ortsteil ausliefern. Der Zusteller zieht seine Stirnlampe auf und schaut auf sein Smartphone. Es zeigt in der Zusteller-App die nächste Adresse an. Autotür auf, Andreas Wolbert hüpft hinaus, geht im Stechschritt zum Briefkasten, Zeitung rein, zurück ins Auto. Nächste Adresse. Während der Fahrt rekonstruiert Andreas Wolbert seine Nacht.

Sein Arbeitseinsatz startet früh, sein Wecker klingelt bereits um 0.30 Uhr. Wolbert steht dann auf und macht sich einen Kaffee zum Mitnehmen. Er frühstückt nicht, denn Essen mache müde und das könne er zu Beginn seines Arbeitstages – pardon, seiner Arbeitsnacht – nicht brauchen.

Jede Nacht andere Bezirke

Seit dem Jahr 2020 arbeitet Wolbert als Zusteller. Er ist Springer, das heißt, er bekommt Nacht für Nacht unterschiedliche Bezirke zugeteilt. Das ist anspruchsvoll. Immer wieder muss er sich durch noch unbekannte Orte navigieren. Die App hat ihm für heute Nacht fünf Bezirke zugeteilt. Die Route überlegt er sich selbst. „Dafür braucht man eine gute Orientierung, sonst kann es ewig dauern“, sagt er. Als Erstes fährt er zur Ablagestelle, die sich je nach Bezirk unterscheidet.

Meistens frühstückt Andreas Wolbert erst zu Hause. Foto: Nadja Varsani

Der erste Bezirk ist Hubertshofen. Im Auto sortiert er die Zeitungen nach den Adressen und Hausnummern und plant die effizienteste Wegstrecke. Andreas Wolbert ist 59 Jahre alt. Vorher hat er sein Geld als Straßenbauer verdient, 30 Jahre hat er den Beruf ausgeübt. Zusteller war er nur nebenberuflich, bis er gefragt wurde, ob er es in Vollzeit machen kann, wie er erzählt. Nun ist er an sechs Tagen in der Woche unterwegs und liefert nächtlich zwischen 300 und 400 Zeitungen aus. Auch Briefe kommen dazu, deren Anzahl variiert aber stark. „Mein neuer Job macht mir Spaß, ich bin in Bewegung und an der frischen Luft. In einer Nacht komme ich auf bis zu 17 000 Schritte“, erzählt er.

Mal fehlt die Hausnummer, mal der Name

In ländlichen Gebieten sei es teilweise herausfordernd, die richtige Adresse zu finden. Die zu beliefernden Häuser liegen weit auseinander, Hausnummern fehlen oder der Name steht nicht an der Tür. In Bezirken, in denen er sich auskennt, sei er deutlich schneller fertig. Die Nacht ist einsam, aber genau das gefällt Andreas Wolbert. „Ich habe meine Ruhe und kann selbst planen. Niemand meckert. Und ich sehe viele Tiere, das freut mich dann immer.“

Für sein frühes Aufstehen wird Andreas Wolbert oft durch eine schöne Morgenstimmung belohnt. Er sagt: „Besonders im Sommer ist es herrlich, wenn die Sonne aufgeht. Foto: Nadja Varsani

Transferstrecke – so nennt Andreas Wolbert die Fahrzeit zwischen den Bezirken. Er war gerade auf dem Weg zum nächsten Abholort auf der Landstraße, als ein Hase auf die Fahrbahn sprang. „Ich bin mit 50 Sachen unterwegs gewesen und der Hase ist bestimmt über einen Kilometer vor meinem Auto gerannt, bevor er wieder im Feld verschwunden ist“, berichtet er. Auch Füchse oder Rehe seien häufig unterwegs.

Zeitung bis 6 Uhr im Briefkasten

Andreas Wolbert holt den nächsten Schwung Zeitungen für den Bezirk Waldhausen ab. Zwischen 45 und 60 Minuten Zeit plane er pro Bezirk, die Transferzeit ist dabei nicht eingerechnet. Während er die Adressen ansteuert und die Zeitungen steckt, bleibe keine Zeit, viel nachzudenken – alles muss schnell gehen, erzählt er. „Gerade ältere Menschen möchten ihre Zeitung bis 6 Uhr morgens im Briefkasten wissen, ich muss also zügig durchkommen.“

Das sei nicht immer ungefährlich. Gerade im Winter, wenn die Straßen und Treppenaufgänge glatt sind, müsse man mit Stürzen rechnen. Er habe sich selbst schon auf einem Treppenabsatz die Bänder gerissen und sei infolgedessen mehrere Wochen ausgefallen. Unzufriedenheit über ausgefallene oder verspätete Lieferungen kann er in der App sehen. Mittlerweile wisse er, wo die besonders anspruchsvollen Leser wohnen. Aber es gebe auch viel Verständnis und Wertschätzung für seine Tätigkeit.

Einladung zum Kaffee

„Oft bekomme ich auch kleine Geschenke oder Geld zugesteckt oder jemand fragt, ob ich auf einen Kaffee hereinkomme“, erzählt er. Wenn er schnell ist, bleibt am Morgen auch manchmal Zeit, eine solche Einladung anzunehmen. „Besonders im Sommer ist es herrlich, wenn die Sonne aufgeht. Das sind dann so Momente, die in Erinnerung bleiben.“

Oft schickt er dann seiner Frau ein Foto der Morgenröte. Wenn er früh dran ist, bringt er Frühstück mit und schläft noch zwei bis drei Stunden.

„Den Rest des Tages habe ich dann mit der Familie. Ich bin da, wenn die Tochter meiner Frau um 13 Uhr aus der Schule kommt. Meine Berufung hat mich spät gefunden, aber ich bin glücklich darüber“, sagt Andreas Wolbert.