Banges Durchhalten und die brachliegende Nachtkultur vereinen die Clubbetreiber: Sascha Mijailovic (Kowalski), Felix Klenk (Freund und Kupferstecher), Benjamin Kieninger (Fridas Pier) und Ninette Sander gemeinsam vor Sanders Bar White Noise (v. l.). Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Clubs in der Stadt sind zu. Eine Öffnungsperspektive gibt es wegen der anhaltenden Coronapandemie nicht. Können die Betreiberinnen und Betreiber durchhalten, bis irgendwann alles wieder losgehen kann?

Stuttgart - Nach phasenweisen Öffnungen im vergangenen Jahr sind derzeit, seit Anfang Dezember, alle Clubs in Baden-Württemberg wieder geschlossen. In Stuttgart entschieden sich vor der Landesregelung einzelne Betriebe dafür, zuzulassen, wie etwa Fridas Pier oder das Kowalski, weil unter gegebenen Bedingungen kein Clubabend mit Atmosphäre möglich sei. Benjamin Kieninger arbeitet deshalb jetzt schon mit seinem Team von Fridas Pier auf den nächsten Sommer hin. „Wir bereiten die nächste Outdoorsaison vor. Der Club ist eingemottet. Indoor planen wir gar nichts mehr. Wir glauben nicht, dass sich vor März etwas ändert.“ Er und seine sechs festen Mitarbeiter sind nun wieder in Kurzarbeit. Wie können die Menschen hinter den Betrieben die Schließungen überstehen? Reichen die Überbrückungshilfen? Wird es die Clubszene in Stuttgart nach dem Ende der pandemiebedingten Situation, wer weiß, wann, noch so geben wie vor Corona?

 

Vor allem Personalnot dürfte dann eines der großen Themen für die Branche werden, sagt Hannah Japes vom Verein Clubkollektiv, der als Sprachrohr für die Szene in der Stadt fungiert. Die Schließungen kann sie verstehen. „Unsere Betriebe leben eben davon, was man gerade unbedingt vermeiden sollte: enger Kontakt, viele Menschen. Wir tragen alle Maßnahmen mit, weil es darum geht, die Situation so schnell wie möglich zu verändern. Das Zermürbende ist nur, dass es keine Planbarkeit gibt. Es ist alles nachvollziehbar, aber sehr schwer für die Clubszene.“ Und sie kritisiert: „Durch die Abweichung vom Stufenmodell wird uns die Aussicht auf eine Öffnungsperspektive verwehrt. Da ist die Resignation hoch, das darf so nicht weitergehen.“

Neues Impfzentrum für unter 30-Jährige im Club

Als Ausweg sieht sie nur das Impfen. Symbolisch dafür stehe auch eine neue Impfstation. Seit dem 15. Januar gibt es ein Impfzentrum im Club Pure in der Friedrichstraße speziell für unter 30-Jährige. „Das soll ein Zeichen dafür sein, dass wir das alle mittragen. Und eben ein Appell speziell an das junge Publikum zum Impfen. Für den Club ist es eine Möglichkeit, Betrieb zu haben.“

Finanziell sei es für die meisten Clubs möglich, die Schließungen zu überstehen. „Die Überbrückungshilfen sind okay, die Überbrückungshilfe IV wurde verlängert bis Ende März. Wirtschaftlich können die Betriebe das überstehen. Psychisch ist es eine wahnsinnige Belastung. Und dann ist die Frage, wer die Motivation hat, so weiterzumachen.“ Das kann Felix Klenk, der mit Christopher Warstat den Club Freund und Kupferstecher leitet, nur bekräftigen. Sein Club ist seit zwei Jahren komplett zu. Für ihn ist es nicht nachvollziehbar, dass die Clubs im letzten Herbst überhaupt öffnen durften. „Wir haben uns früh dazu entschieden zuzulassen, bis es eine wirklich dauerhafte Öffnungsperspektive für Clubs gibt. Alles andere mit dem Hü und Hott macht für uns wirtschaftlich keinen Sinn, und ist so mit unserem anspruchsvollen Programm auch nicht möglich“, sagt Klenk. Geärgert hat ihn vor allem, dass es in anderen Gastronomiebetrieben möglich war, Partys zu feiern, während die Clubs komplett geschlossen waren. Beispiel: After-Work-Events in der Innenstadt. „Da fehlt mir jegliches Verständnis.“ Klenk gehört zu den Betreibern, die auch die Fixkosten mit staatlichen Hilfen decken können, aber fürs eigene Leben mussten er und andere aus der Branche einen Kredit aufnehmen, was ihm Kopfschmerzen bereitet. „Ich darf eigentlich gar nicht daran denken, aber wir gehen mit einer großen Hypothek in die Zukunft. Die Frage wird sein, welche Geschäftsmodelle, wenn wir wieder öffnen können, so überhaupt noch funktionieren.“

Lesen Sie aus unserem Angebot: Aufmachen? Nicht aufmachen – Clubbetreiber verzweifeln zunehmend

„Die meisten werden die Schließungen finanziell überstehen“

Ninette Sander vom Club White Noise fragt sich ohnehin, ob es künftig überhaupt noch eine Clubkultur geben wird. „Es wird ja nach Omikron wahrscheinlich immer neue Varianten geben.“ Optimistisch ist sie dennoch und hat den Mietvertrag verlängert, renoviert und baut derzeit um. „Ich sehe viel Potenzial in dem Ort, auch weil wir abrücken vom Clubkonzept, zumindest solange die Lage so ist wie jetzt. Wir setzen auf Lesungen, Filme, Kunst in den Räumen.“ Aufgeben war für sie auch keine Option. Durch die dazugehörige Bar, die nebenan weiterhin laufe, und ihrem Job als Pressereferentin sei für sie die Lage auch nicht ganz so dramatisch wie für jene, die ausschließlich auf ihren Club setzten.

Großveranstaltung mit elektronischer Musik am Monrepos

Felix Klenk fehlt von politischer Seite vor allem eine Strategie für die Clubszene, auf die man aufbauen kann. Optimismus und mehr Mut seitens der Politik vermisst auch Sascha Mijailovic vom Kowalski. Auf- und wieder zumachen, das kennt er aus den letzten Jahren, im Sommer hatte er Betrieb in den Außenbereichen des Kowalskis, wie etwa auch Kieninger von Fridas Pier, der privat nun auch von dem leben muss, was in der letzten Saison reinkam. „Ganz zumachen war schon auch mal ein Gedanke, wir warten sehnsüchtig auf gute Nachrichten,“ so Mijailovic. Er lebt privat seit zwei Jahren von Erspartem. „Ich hätte nicht damit gerechnet, dass wir erneut schließen müssen. Ich hoffe, dass im März, April spätestens Juni alles vorbei ist.“ Nach seinen Plänen muss es das auch. Er steckt mitten in der Vorbereitung für das Dukeland-Festival im Juni in Ludwigsburg, einem eintägigen Event mit elektronischer Musik am Schloss Monrepos. Der Vorverkauf läuft bereits. „Wir planen mit bis zu 15 000 Leuten. Aber natürlich behalten wir uns die Notbremse vor.“

Förderung der Clubkultur von Stadt und Land

Stuttgart
Laut Angaben der Stadt flossen seit Beginn der Pandemie rund 290 000 Euro über den neu konzipierten Live-Music-Fonds in die Förderung der Clubs. Zudem flossen Hilfen auf Basis der Fixkosten. Clubs konnten die Fixkosten bei der Stadt einreichen, die in den Monaten der Soforthilfe im Frühjahr 2020 nicht durch Bundesgelder abgedeckt waren. Der Fonds umfasste 300 000 Euro. Davon wurden Anfang 2021 rund 120 000 Euro an zehn Stuttgarter Clubs ausgeschüttet. Mit dem verbliebenen Geld sowie weiteren 170 000 Euro wurden 2021 Open-Air-Veranstaltungen der Clubs unterstützt. Städtische Darlehen von insgesamt 750 000 Euro für Clubs standen zur Verfügung, wurden jedoch nicht abgerufen.

Baden-Württemberg
2021 wurden das Club-Kollektiv und der Club Fridas Pier vom Land im Rahmen des Programms „Kunst trotz Abstand“ in einer Gesamthöhe von knapp 80 000 Euro gefördert, erklärt das Land. Für das Programm „Perspektive Pop“ für das bis zu 2 Millionen Euro bereitgestellt wurden, hatten sich landesweit Clubs, Spielstätten, Veranstalter, Musiker und Bands um eine Förderung beworben. Aus Stuttgart hatte jedoch kein Club einen Antrag gestellt.

2022
Zur künftigen Unterstützung plane das Land den Dialog „Populäre Kultur“ mit dem Schwerpunkt Musik. Die Stadt Stuttgart hat zur Stärkung der Nachtkultur zwei Stellen für Nachtmanager geschaffen. Außerdem wurde für den Doppelhaushalt 2022/23 das Club Kollektiv in die institutionelle Förderung aufgenommen. Der Verein erhält damit eine jährliche Förderung von 28 200 Euro.