Nur echt mit Zipfel: Gauthier Dance Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Auf dem Wasen gastiert der Weltweihnachtszirkus. Am Pragsattel gastierte für zwei Nächte Joe Bauers Liederzirkus. Der 15. Benefiz-Gala zu Gunsten der Aktion Weihnachten gelang es, auch mit leisen Tönen das Publikum zu begeistern.

Stuttgart - In einer marktschreierischen Zeit wie der unseren darf man sich ruhig mal fragen: Wie viel Lautstärke braucht man, um gehört zu werden? Wer an den vergangenen beiden Abenden eine der beiden Benefiz-Galas der Aktion Weihnachten im Theaterhaus sah, konnte zur Erkenntnis gelangen: Nicht viel. Man muss nur die richtigen Töne anschlagen. StN-Kolumnist und Nacht-der-Lieder-Erfinder Joe Bauer wollte bei der 15. Show das „internationale Stuttgart“ zu Gehör bringen. Das ­Motto: „Lieder aus einer bunten Stadt.“

StN-Lokalchef Jan Sellner rückt die Veranstaltung ins rechte Licht: Auf dem Wasen gastiere derzeit der Weltweihnachtszirkus, auf dem Pragsattel Joes Liederzirkus: „Alle Jahre wieder, Nacht der Lieder.“ Sellner lobt den großartigen Mix unterschiedlicher Stimmen und Ideen. Alle Jahre wieder heißt in dem Fall auch: Alle Jahre wieder anders.

Was aber nicht heißt, dass das Programm keine Konstanten brauche: Die A-cappella-Stars von Füenf etwa, die mit ihrem „Ernährungs-Medley“ die Popwelt durch den Fleischwolf dreht und selbst Indien weihnachtlich bekehrt. Besten Dank auch der Big Night Showband unter der Leitung von Jens-Peter Abele.

Ein Mann trifft seit Jahren den richtigen Ton

Ein Mann, der seit Jahren bei der „Nacht der Lieder“ den richtigen Ton trifft, ist Conférencier Eric Gauthier. Natürlich hat der sympathische Entertainer mit kanadischem Pass wieder seine Gauthier-Dance-Truppe mit dabei, die leichtfüßig über die Bühne gleitet, in ­jeder Nummer dank Zipfelmützen als Weihnachtsmänner und -frauen zu identifizieren. Wir wollen nicht vorgreifen, aber für den vielleicht ergreifendsten Moment sorgt Eric nach der Pause: Mit seiner ­Interpretation von „Hallelujah“, eine großartige Hymne seines Landsmanns ­Leonard Cohen.

Das Publikum war bestens auf einen magischen Moment wie diesen eingestimmt worden, ­durch den fantastischen Jazz von Ekkehard Rössle Songlines – mit Ekkehard Rössle am Saxofon, Gee Hye Lee am Klavier und Frank Kuruc an der Gitarre. Oder durch das Trio Animon. Die jungen Musiker Lorenz Hoffmann (Fagott), Friederike von Hiller (Klarinette) und Josefa Schmidt (Klavier) haben mit 17 Jahren schon wichtige Preise bekommen, waren auf einer Konzertreise in China. Selbst wenn man weder eingefleischter Jazz- noch Klassikkenner ist, die Musik dieser Könner zieht einen in ihren Bann.

Wer Marie Louise noch nie gehört hat, hat etwas versäumt

Bei der Sängerin Marie Louise, in Bad Cannstatt geboren, im Stuttgarter Westen beheimatet, ist die Sache einfach: Wer sie noch nie gehört hat, hat etwas versäumt. Bei ihren weichen, fast brüchigen Songs wird sie auf der Gitarre von Zura Dzagnidzi aus Georgien begleitet. Die Sprachliebhaberin singt an diesem Abend auf Englisch und Deutsch – und man merkt, wie sich durch die Sprache der Charakter der Lieder ändert. Der Auftritt ist ein Plädoyer für die Vielsprachigkeit der Welt – ebenso wie es die melancholischen Songs aus Afrika von Michael Dikzeyeko (Gesang) und Steve Bimamisa (Gitarre) sind, gesungen in Lingua. Kolumnist Joe Bauer porträtiert die Musiker in „Weiße Tücher“, einem einfühlsamen Text gegen Schwarz-Weiß-Malerei und Vorurteile.

Nicht immer braucht es Worte. Was Jasmin Kolberg zu sagen hat, sagt sie mit der Marimba. Die Musikerin hat uns bereits bei der ersten Nacht der Lieder 2001 unterstützt, dieses Mal wird sie begleitet von Ulrich Schlumberger (Akkordeon) und Henrik Mumm (Bass). Das Trio bringt Stücke von Astor Piazzolla, Tango vom Feinsten.

Die Komikerin ist einfühlsam bis an die Schmerzgrenze

Einfühlsam bis an die Schmerzgrenze ist der Auftritt der Komikerin Martina Brandl. Die Künstlerin ist der lebende Beweis dafür, dass man in Berlin Erfolg haben und trotzdem wieder nach Geislingen ziehen kann. Brandl bringt Auszüge aus ihrem aktuellen Programm „Irgendwas mit Sex“, die Pointen kommen so schnell und hart, dass man als Mann kaum folgen kann. Das Publikum goutiert’s mit tosendem Applaus. Und falls sich jemand fragen sollte, warum Brandl als Frau auf die Bühne geht: „Weil ich als Mann scheiße aussehe.“

Zum Finale wird’s dann noch eine Spur lauter, auch wenn der Mann, dem Nils Strassburg mit seinen Roll Agents huldigen, längst im Jenseits weilt. Zum 80. Geburtstag des King muss man es einfach krachen lassen. King Strassburg verteilt schweißgetränkte Halstücher an die Damen. Zeremonienmeister Eric verneigt sich vor Publikum, indem er in den Spagat springt. Ein tolles Bild für eine Show, die mal wieder den Spagat zwischen den Künsten geschafft hat.

Wer noch ein Geschenk braucht: Der Vorverkauf für die Nacht der Lieder 2016 läuft. Karten für 7. und 8. Dezember gibt er unter 07 11/4 02 07-20/-21 /-22 /-23.