Die Suche beginnt meistens an einem Straßenrand. Foto: Reinhard

In der dunklen Jahreszeit passieren Wildunfälle häufig. Die meisten Tiere überleben sie nicht. Manche rennen trotz schwerer Verletzungen weiter. Damit sie von ihren Schmerzen erlöst werden können, spürt ein spezieller Hund sie auf. Welschensteinach/Mittleres Kinzigtal –

Wenn Steffen Obert seinem Hund Gora die reflektierende, mit Kevlar verstärkte Warnweste, das GPS-Halsband und die lange Schleppleine anzieht, weiß sie, dass es gleich Arbeit gibt und ist kaum zu halten. Sie tippelt hin und her, fiept und möchte sofort loslegen. Kaum hat sie das Auto verlassen, ist ihre Nase am Boden. Sie läuft schnuppernd hin und her und versucht die Fährte des verletzten Wildtiers aufzunehmen.

Speziell ausgebildet

Gora und ihre Mutter Fanny sind Brandlbracken und bilden mit ihrem Herrchen Steffen Obert sowie dessen Vater Georg aus Welschensteinach ein sogenanntes Nachsuchegespann. Das bedeutet, dass Fanny und Gora speziell dafür ausgebildet wurden, verletzte, zumeist von einem Auto angefahrene Wildtiere aufzuspüren.

Steffen Obert ist genau wie sein Vater Georg Jäger und dass er sich auf die Nachsuche spezialisiert "war am Anfang eigentlich nicht so geplant", berichtet er. Er machte einen Jagdschein "und dann wurde das mit dem Nachsuchen immer mehr. Irgendwann waren wir damit komplett ausgelastet". Während sein erster Hund "nur" ein Jagdhund ohne Nachsuchhintergrund war, schaffte er sich Fanny und Gora bereits mit dem Hintergedanken an, dass er einen für die Nachsuche geeignetes Exemplar benötigt. "Jeder Hund kann gut riechen", erklärt er. "Aber für diese Aufgabe brauchen sie entsprechende Anlagen."

Neben einem guten Geruchssinn muss ein solcher Hund Leistungswillen und Ausdauer mitbringen. Denn um als Nachsuchegespann anerkannt zu werden, muss beim Landesjagdverband eine harte Prüfung abgelegt werden.

Es gibt eine Liste mit anerkannten Teams

So muss das Mensch-Hund-Team beispielsweise eine mindestens 1000 Meter lange, 20 Stunden alte Spur verfolgen. Und auch wenn alle Prüfungen erfolgreich bestanden wurden, muss weiter trainiert werden. Bis ein Hund gut ausgebildet ist, dauert es etwa drei Jahre.

Ein Mensch-Hund-Nachsuchgespann wird immer dann angefordert, wenn ein Wildtier bei einem Zusammenstoß mit einem Auto verletzt wurde, aber an der Unfallstelle nicht aufzufinden ist – wenn also davon ausgegangen werden kann, dass das Tier verletzt ist, aber zum Beispiel im Schock weiter gerannt ist.

So ist das Vorgehen

"Im Idealfall ruft der Unfallfahrer bei einem Zusammenstoß mit einem Wildtier, unabhängig davon, ob das Tier tot liegen geblieben ist oder weiter gelaufen ist, die Polizei, nennt den Ort des Unfalls und markiert die Stelle des Zusammenstoßes", fasst Steffen Obert das richtige Vorgehen zusammen (siehe Info). "Die Polizei weiß, welcher Jäger für welchen Ort zuständig ist und alarmiert ihn", erklärt Obert weiter. Ist das angefahrene Tier noch vor Ort, fährt zuständige Jäger zum Ort des Geschehens. Ist es tot, entfernt er es, lebt es noch, ist aber schwer verletzt, erlöst er es. Ist das Tier allerdings nicht mehr da, weil es zwar verletzt wurde, aber trotzdem weiter rannte, kommen Steffen Obert und seine Hunde ins Spiel.

"Der Jäger meldet sich dann bei einem der ehrenamtlich tätigen Nachsuchegespanne. Es gibt eine Liste, in der alle, die vom Landesjagdverband anerkannt wurden, erfasst sind", so Obert. Neben ihm und seinen Vater gehören auch Frank Kern aus Fischerbach und Albert Finkenzeller aus Gengenbach dazu.

Die Suche findet bei Tageslicht statt

Die meisten Wildunfälle passieren im Dunkeln. Das Gespann fährt, sobald es hell ist, zur Unfallstelle und beginnt mit der Arbeit. Wichtig ist dabei, dass sie den exakten Ort der Kollision finden, damit der Hund die Fährte aufnehmen kann. Deswegen sei das Markieren des Unfallorts so wichtig, betont Obert.

Am Unfallort wird zuerst nach Blut oder Knochensplittern gesucht, um zu beurteilen, wie schwer das angefahrene Stück verletzt wurde. "Im Normalfall übersteht es einen Zusammenstoß mit einem Auto aber nicht unbeschadet", sagt Obert.

Der Halter mus seinen Hund "lesen" können

Aber auch der Hund kann regelrecht erschnüffeln, ob das "Unfallopfer" nur einen Kratzer erlitten hat oder schwer verletzt wurde. "Er zeigt das mit seinem Verhalten an." Aus diesem Grund sei es wichtig, dass der Halter seinen Hund d "lesen" kann.

Hat der Hund die Fährte aufgenommen, beginnt er mit der Verfolgung – bis er das Tier findet. Kurz bevor das verletzte Wildschwein oder Reh aufgestöbert wird, lässt der Jäger den Hund von der Leine. Denn oft nehmen die Wildtiere ihre verbleibende Kraft für einen letzten Fluchtversuch zusammen. Der Hund stellt es und hält es so lange in Schach, bis der Jäger eingetroffen ist.

Tierschutzgedanke im Vordergrund

Hier kommt eine weitere wichtige Eigenschaft ins Spiel, die ein Nachsuchhund mitbringen muss: das richtige Maß an Aggressivität. Ist er zu lasch, entkommt das Wildtier. Ist er zu aggressiv, bringt er sich selbst in Gefahr, fasst Obert zusammen. Der Jäger ist es dann, der das leidende Tier schließlich erlöst. Je nach Situation per Schuss oder mit einem gezielten Stich ins Herz – "so stressfrei wie möglich", betont Obert. Der Tierschutzgedanke stehe im Vordergrund. "Aber die Arbeit mit den Hunden macht auch einfach Spaß und es ist schön mit ihnen draußen in der Natur zu sein", fasst Steffen Obert seine Motivation für dieses Ehrenamt zusammen.

Info

Egal, ob Sie einen Fuchs, ein Kaninchen oder ein Wildschwein erfasst haben: Halten Sie an und verständigen Sie die Polizei oder, sofern bekannt, den zuständigen Jäger.

Im Idealfall bleiben Sie vor Ort und warten auf das Eintreffen der Polizei oder des Jägers.

Müssen Sie dringend weiterfahren, markieren Sie die Stelle des Zusammenstoßes oder beschreiben der Polizei oder dem Jäger den Ort so exakt wie möglich. Sprechen Sie sich auf jeden Fall mit der Polizei oder dem Jäger ab.

Lebt das angefahrene Tier noch und liegt verletzt an der Unfallstelle, nähern Sie sich nicht. Es könnte wegrennen oder angreifen. Streicheln und Anfassen sind tabu.