Als Chronistin, Literaturhistorikerin und Editorin hat sich die Tübinger Literaturwissenschaftlerin Inge Jens einen Namen gemacht. Nun ist sie mit 94 Jahren gestorben.
Stuttgart - Noch vor zwei Monaten hat die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Inge Jens in einem großen Gespräch mit der „Zeit“ auf ihr Leben zurückgeblickt. Darin spielen die großen Zampanos der Gruppe 47 eine Rolle, die Demenz ihres Mannes, der Suizid des Sohnes. Man könnte dieses Leben entlang der Namen berühmter Männer erzählen – und würde es doch auf der ganzen Linie verfehlen.
Diese Konstellation war der am 11. Februar 1927 in Hamburg geborenen Inge Jens wohlbekannt. Ihre Biografie Katja Manns, zusammen mit ihrem Mann Walter geschrieben, trägt den Titel „Frau Thomas Mann“. Auch Inge Jens musste erdulden, in der Öffentlichkeit häufig vor allem als verlässliche Gefährtin des brillanten Tübinger Rhetorikprofessors wahrgenommen zu werden. Auch dann noch, als sie ihn während jenes„Langsamen Entschwindens“ begleitete, das sie mit der gleichnamigen Publikation seiner von fortschreitendem geistigen Zerfall gezeichneten Briefe ergreifend dokumentiert hat.
Frauen schwiegen in der Kirche
Mit zwanzig war sie zum Studium nach Tübingen gelangt, wo sie jenen Studenten der Altphilologie kennenlernte, den sie 1951 heiratete und dem sie bis zuletzt in schwerster Zeit die Treue hielt. An seiner Seite nahm sie an den Tagungen der Gruppe 47 teil. In dem erwähnten Interview erinnert sich Inge Jens an die damaligen Diskussionsrunden, die den Lesungen folgten: „Die Frauen schwiegen in der Kirche. Es war ganz merkwürdig. War man nur das weibliche Anhängsel, hatte man den Mund zu halten.“
Dabei war sie alles andere als nur ein Anhängsel. Und als Walter Jens später ihren Anteil an einer gemeinsam verfassten Geschichte der Universität Tübingen öffentlich kleingeredet und auf bloße Archivarbeit reduziert hatte, wäre die Ehe des Gelehrtenpaars beinahe in die Brüche gegangen. Doch die intellektuelle Lebensgemeinschaft überstand auch dies.
Zivilgesellschaftliches Engagement
Gemeinsam wurden die beiden in den folgenden Jahren zu prägenden Gesichtern der Friedensbewegung. Fest vereint ließen sie sich bei Sitz-Demonstrationen in Mutlangen von Polizisten wegtragen. Während des Irakkriegs 1991 stand ihr Haus nicht nur der Tübinger Intelligenzija offen, sondern auch zwei amerikanischen Deserteuren, die hier Asyl fanden.
Der letzte männliche Schatten fiel in diesem Sommer auf Inge Jens. Aus dem Nachlass ihres Sohnes erschien dessen Buch „Die Freiheit zu leben – und zu sterben“. Im Alter von 65 Jahren hatte sich der Journalist Tilman Jens 2020 das Leben genommen.
Bausteine zur Erinnerungskultur
Mit ihren Studien über die Geschichte der Weißen Rose und über die Familie Mann hat sie wichtige Bausteine zur Erinnerungskultur der Deutschen geliefert. Als Chronistin, Literaturhistorikerin und Editorin hat sie sich mit der Herausgabe von Briefen und Tagebüchern Thomas Manns einen Namen gemacht. In ihrem Memoirenbuch „Unvollständige Erinnerungen“ begegnet man einer selbstbewussten Frau.
Wie ihr Verlag Rowohlt am Weihnachtsmorgen mitgeteilt hat, ist Inge Jens am 23. Dezember in Tübingen gestorben. In die Geschichte geht sie ein als Grande Dame der Literatur.