Harry Belafonte ist tot Foto: dpa/Victoria Will

Der weltbekannte Sänger, große Schauspieler, glühende Bürgerrechtler und Weltbürger Harry Belafonte ist im Alter von 96 Jahren in seiner Heimatstadt New York gestorben.

Alle Bandmitglieder und die komplette Entourage waren längst eingetroffen, taten sich an der Bar gütlich oder labten sich an einem wahrlich umfangreichen kalt-warmen Büfett. Als Allerletzter betrat an jenem Abend im März 2003 der Star des Abends den VIP-Raum der Frankfurter Festhalle, so unprätentiös, als wäre er einer wie jeder andere. Harry Belafonte spazierte mit seinen federnd-leichten Schritten zum Büfett, unter dem sich angesichts der aufgetürmten Delikatessen fast die Tische bogen – und kehrte mit nichts als einem kleinen Schälchen Suppe und einem trockenen Brötchen zurück.

 

Sinnbildlich zeigte diese kleine Begebenheit vor ziemlich genau zwanzig Jahren, was der Sohn eines Matrosen aus Martinique und einer jamaikanischen Haushaltshilfe, auch als aus ihm längst der berühmte Star aus den USA geworden war, auch im Herbst seiner Karriere noch immer geblieben war: jener zutiefst bescheidene Mensch, der zum Beispiel in seiner Geburts- und Heimatstadt New York fünfzig Jahre lang stets das gleiche Apartment an der 74. Straße bewohnte – in Upper Westside, wahrlich keine Schnöselgegend.

Ein Leben lang bescheiden

Eine Woche später in jenem März 2003 stand Harold George Belafonte, wie er bei seiner Geburt am 1. März 1927 noch hieß, auf der Bühne der Schleyerhalle. Es war sein letzter Auftritt in Stuttgart, und es war eines seiner letzten Konzerte überhaupt, denn diese Tour sollte zu seiner Abschiedstournee werden. Belafonte riss auf ihr Scherze und grinste sein breites Lächeln; leutselig erzählte er Anekdoten, und natürlich spielte er die ganzen Klassiker, für die er als großer Entertainer ewig in Erinnerung bleiben wird. „Matilda“, die Single, mit der Belafonte, der als Popmusiker begann und sich dann zunächst dem Folk zuwandte, 1957 den Durchbruch schaffte; „Island in the Sun“, „Coconut Woman“, „Angelina“ und natürlich den „Banana Boat Song“, dessen „Day O“-Ruf ihn zum König des karibischen Calypso machte – und auch zum wohlhabenden Musiker. Das dazugehörige Album „Calypso“, erschienen 1956, war die erste LP in der Geschichte der Popmusik, von der über eine Million Exemplare verkauft wurden.

Vom Soldaten zum Pazifisten

Aber Harry Belafonte, der im Zweiten Weltkrieg selbst noch für die US-Navy in den Krieg gezogen ist, war nicht nur ein Musiker mit Leib und Seele, er war auch ein glühender Pazifist und Bürgerrechtler, der trotz seines freundlichen und umgänglichen Wesens in der Sache knallhart sein konnte. Mit seinem Freund Martin Luther King kämpfte er gegen den Rassismus (bis 1961 weigerte sich Belafonte, in den US-Südstaaten aufzutreten), später gegen den Vietnamkrieg und als Unicef-Botschafter für Afrika. Belafonte engagierte sich in der Friedensbewegung (dabei trat er auch in Deutschland auf) und an der Seite seines Freundes Mikis Theodorakis gegen die Militärdiktatur in Griechenland. Werbeeinnahmen spendete er an die amerikanischen Ureinwohner. Er zog verbal gegen die Regierung von George W. Bush ins Feld, wortgewaltig und deutlich wie eh und je. Bush bezeichnete er im Irakkrieg als „größten Terroristen der Welt“, seinen Außenminister Colin Powell als dessen „Haussklaven“, das Heimatschutzministerium als „neue Gestapo“. Bereits in den fünfziger Jahren gründete er schließlich eine Stiftung, die es Afrikanern ermöglichte, mit einem Stipendium in den USA zu studieren. Einer der Stipendiaten war ein gewisser Barack Obama senior; den Sohn begleitete Belafonte später auf dessen Weg ins Weiße Haus erst wohlwollend, ehe er dann – auch das ist typisch für den unabhängig vom Ansehen der Personen stets an der Sache orientierten Künstler – auch deutliche Kritik an Barack Obamas Amtsführung übte.

Talentscout – und Tausendsassa

Talente förderte Harry Belafonte, der Vater von vier Kindern, obendrein und mit Leidenschaft. Stars wie Miriam Makeba, Nana Mouskouri und ein gewisser Bob Dylan wären ohne Harry Belafonte vermutlich nie geworden, was sie sind. Als profilierter Schauspieler schließlich verdiente sich der erste Schwarze, der mit einem Emmy ausgezeichnet wurde, ebenfalls seine Meriten. Auf den Geschmack gekommen war er bereits in jungen Jahren, klassisch ausgebildet wurde Belafonte zusammen mit Walter Matthau, Marlon Brando und Tony Curtis vom deutschen Regisseur Erwin Piscator an der Dramaschule der New Yorker New School University. Belafonte wirkte in zahlreichen bekannten Filmen mit – an der Seite von Sidney Poitier, John Travolta oder Anthony Hopkins; 1955 in Otto Premingers „Carmen Jones“, in Welterfolgen wie Robert Altmans „The Player“, noch 2006 in Emilio Estevez’ „Bobby“ oder zuletzt – als über Neunzigjähriger – 2018 in Spike Lees Filmdrama „BlacKkKlansman“. Dies war sein Abschied von der Leinwand, und am Ende kann keiner entscheiden, als was er nun im kulturellen Gedächtnis bleiben wird – als großer Schauspieler, Sänger oder Menschenfreund.

Ein erfülltes, langes Leben

Als Sänger fing er Ende der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eigentlich ohnehin nur an, um sein Schauspielstudium zu finanzieren. Doch schon die Zusammensetzung der Band bei seinem ersten Auftritt ließ erahnen, dass aus ihm einmal ein ganz besonderer Künstler werden sollte: in der Begleittruppe spielten Max Roach, Charlie Parker und Miles Davis, drei Ausnahmekönner, die es allesamt zu Jazz-Weltstars bringen sollten. Für ein paar sporadische Kurzauftritte kehrte Harry Belafonte auch im hohen Alter noch auf die großen Bühnen in seinem Heimatland zurück. Sein letztes reguläres Konzert hingegen gab Harry Belafonte, der jetzt im Alter von 96 Jahren in seiner Geburtsstadt New York an Herzversagen gestorben ist, im Oktober 2003. Es war, wie könnte es bei diesem großen Philanthropen auch anders sein, ein Benefizkonzert.