Eine Algenzuchtanlage im niedersächsischen Rockstedt. Foto: Steve Przybilla

Nahrungsmittel, Medikamente, Biosprit: Algen können einen wichtigen Beitrag zu mehr ökologischen Nachhaltigkeit leisten. Die Forschung dazu läuft auf Hochtouren.

Rockstedt - Die Zuchtanlage sieht aus wie ein Hallenbad, in das man lieber nicht hineinspringen möchte: 18 Becken, gefüllt mit 30 Grad warmem, schleimig-grünem Wasser, auf dem sich Blasen bilden. Die Luft ist so feucht wie in den Tropen; die Angestellten, die hier arbeiten, laufen selbst im tiefsten Winter mit T-Shirts umher. In diesem Gewächshaus, gelegen im niedersächsischen Rockstedt, entwickelt sich ein zukunftsträchtiges Produkt. Davon jedenfalls sind die Inhaber der Anlage überzeugt.

 

„In Mikroalgen ist alles Gute aus dem Meer drin“, schwärmt Johannes Heins, der sich seit 2016 mit deren Aufzucht beschäftigt. Der 50-Jährige ist Landwirt; in den Ställen neben dem Gewächshaus tummeln sich 1000 Mastschweine und 1600 Legehennen. „Wir waren auf der Suche nach einem alternativen Standbein“, sagt Heins, weshalb er zusammen mit seinem Sohn Maarten (24) die Wasserbecken gebaut hat. In ihnen gedeihen Cyanobakterien namens Spirulina, Blaualgen.

Spirulina ist als Nahrungsergänzung beliebt

Zweimal pro Woche ernten die Männer ihre Spirulina. Dann wird die grünliche Flüssigkeit über einen Schlauch auf ein Filtertuch gepumpt, auf dem die winzigen Algen zurückbleiben. Es bildet sich eine Art Paste, die in Spaghetti-Form gebracht und getrocknet wird. Etwa 250 Kilo dieser Trockenmasse fallen pro Monat an. Das fertige Produkt verkaufen die Algenzüchter an die Nahrungsmittelindustrie, die daraus Flakes, Pulver oder Tierfutter herstellt. „Schmeckt etwas fischig“, sagt Maarten Heins und lacht. „Aber es entgiftet und entschlackt.“

Wissenschaftlich bewiesen ist das nicht, doch der Run auf dieses sogenannte Superfood, das vermeintliche gesundheitsfördernde Fähigkeiten haben sollen, ist ungebrochen. Aber trotz aller Euphorie sind Zuchtanlagen wie in Rockstedt rar gesät. „Selbst Ökobanken waren skeptisch, als ich nach einem Kredit gefragt habe“, sagt Johannes Heins. „Die wussten, dass ich mich mit Schweinen auskenne. Aber so was? Damit konnten die Banker nichts anfangen.“ Am Ende schaffte es der Landwirt, seine Hausbank zu überzeugen. 400 000 Euro hat er nach eigenen Angaben in die Mikroalgen-Produktion gesteckt. Langfristig wollen die Bauern ihre Spirulina selbst vermarkten, um unabhängig von den Abnehmern zu werden. „Theoretisch könnte man sich nur von diesen Algen ernähren“, sagt Maarten Heins, rudert dann aber wieder zurück: „Mangelernährung kann man damit ausgleichen.“

In westlichen Ländern gelten Algen noch als recht exotisch

Während sie in Asien schon lange auf dem Speiseplan stehen, gelten sie in westlichen Ländern oft noch als exotisch. Unter Wissenschaftlern und in der Privatwirtschaft hat sich eine andere Erkenntnis durchgesetzt: Die Alge als Multitalent. Oder, je nach Sichtweise, als mögliche Goldgrube. Weltweit wird in Laboren daran geforscht, wie man Mikroalgen in Kosmetik oder Medizin verwandeln kann.

So haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Uniklinik Kiel bereits nachgewiesen, dass eine Braunalgenart, die in der Ostsee vorkommt, das Wachstum von Krebszellen hemmt.

Die grünen Lebewesen enthalten Mineralien und Vitamine sowie Fette und Kohlenhydrate, weshalb sie als Grundlage für künftige Biokraftstoffe infrage kommen. Zum Beispiel in der Luftfahrtindustrie: Ab 2030, so will es die Bundesregierung, sollen dem Kerosin mindestens zwei Prozent Biosprit beigemischt werden. Wenn dieser nicht aus Lebensmitteln wie Soja oder Mais stammen soll, braucht es andere Lösungen. Algen bieten augenscheinlich viele Vorteile, weil sie ohnehin im Meer wachsen, der Landwirtschaft also keine Anbauflächen wegnehmen.

Doch ganz so einfach ist die Sache nicht: Längst nicht jede Alge lässt sich für jeden Zweck einsetzen. Und nicht alle Arten gedeihen so prächtig wie die lästigen Exemplare im heimischen Aquarium. Für dieses Problem haben Forschende der University of Southern California nun möglicherweise eine Lösung entwickelt. Mithilfe eines „Seetang-Aufzugs“ ist es ihnen gelungen, die größte bekannte Algenart viermal schneller wachsen zu lassen.

Algen können einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten

Das schildern sie in der Fachzeitschrift „Renewable and Sustainable Energy Reviews“. Der „Aufzug“ sorgt dafür, dass sich die Algen stets wohlfühlen: Tagsüber können sie an der Meeresoberfläche das Sonnenlicht optimal zur Fotosynthese nutzen. Nachts hingegen fährt sie das Gestell in bis zu 80 Meter Tiefe, weil dort die Nährstoffkonzentration höher ist. Getestet wurde das Verfahren bereits in den Gewässern der kalifornischen Insel Catalina Island, südlich von Los Angeles.

Beim ersten Versuch war der „Aufzug“ eine verankerte Boje, an der der Seetang heruntergelassen wurde. „Wenn wir es mit dem Klimaschutz ernst nehmen, können wir schnell mit der massenhaften Zucht beginnen“, sagt Cindy Wilcox, Co-Vorsitzende der US-amerikanischen Firma Marine BioEnergy, die den Prototypen des Seetang-Aufzugs entwickelt und gebaut hat. „Im Prinzip kann unsere Technologie in allen Weltmeeren genutzt werden“, sagt Wilcox. „Außer im Mittelmeer. Da ist die Nährstoffkonzentration zu gering.“

Es ist noch viel Forschung nötig – dafür braucht es Geld

Laut „Marine BioEnergy“ hat die US-Regierung das Pilotprojekt mit 2,1 Millionen Dollar bezuschusst. „Wir hoffen, dass sich das Budget in der nächsten Phase verdoppelt“, sagt Wilcox. Denn trotz der anfänglichen Erfolge gibt es offene Fragen: Welche Algen gedeihen in welcher Region am besten? Wie beeinflussen Meeresströmungen ihr Wachstum? Was passiert, wenn sich herrenlose Fischernetze oder Plastikmüll in der Anlage verfangen? „Aber wir denken, dass unsere Vision funktioniert“, sagt Wilcox.

In Deutschland ist Peter Kroth zurückhaltender. Der Biologie-Professor der Universität Konstanz forscht seit Jahren an Algen. Das Seetang-Experiment in Kalifornien hat ihn positiv überrascht: „Ich hätte nicht gedacht, dass die Nährstoffaufnahme im Dunkeln so gut funktioniert“, gesteht Kroth. Doch er sieht ein anderes Problem: „Wenn man das im Küstenbereich macht, greift man stark in die Natur ein.“ Würde man bestehende Seetang-Felder abernten, könne das diese schnell dezimieren. „Wir dürfen nicht vergessen, dass in diesen Kelp-Feldern sehr viele Tiere leben“, bemerkt der Wissenschaftler.

Gesünder als Salat sind die Algen nicht

Dennoch sieht er langfristig ein großes Potenzial. Ob als Biosprit, Nahrung oder sogar als Grundlage für Impfstoffe: Wenn genügend Geld für die Forschung zur Verfügung steht – da ist er sich mit seinen amerikanischen Kollegen einig –, könne noch viel bewirkt werden. Und Mikroalgen als Nahrungsergänzung? Kroth winkt ab. „Es gibt bis heute keine ernsthaften Hinweise, dass das gesund ist“, sagt der Biologe. „Jedenfalls nicht gesünder als ein Salat.“