Städtisches Wohnen im Grünen – ein Traum: Ein Bungalow in Lafayette Park, einem Stadtviertel in Detroit, das von Mies van der Rohe und Ludwig Hilberseimer projektiert wurde. Foto: imago images/VIEW Pictures via www.imago-images

Unsere Großstädte platzen aus allen Nähten und sind teuer. Der Bauhaus-Lehrer Ludwig Hilberseimer aus Karlsruhe war ein Theoretiker des Neuen Bauens. Doch seine klugen Ideen für moderne, menschenwürdige Metropolen waren vielen zu radikal.

Dessau - Die Prognosen sprechen eine klare Sprache: Städte sind der Lebensraum der Zukunft. Schon zu Beginn des 21. Jahrhunderts lebte mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. 2050, so prognostizieren die Vereinten Nationen, werden fast 70 Prozent der Weltbevölkerung im urbanisierten Lebensraum leben. Architekten und Stadtplaner arbeiten täglich an Ideen und Entwürfen für eine Stadt, die den Herausforderungen unserer Zeit gewachsen ist.

 

Her mit der Revolution!

Und all diese Gedanken und Pläne kreisen um nachhaltiges Bauen, schließlich gehen rund 30 Prozent des CO2-Ausstoßes auf das Errichten und Erhalten von Gebäuden zurück. Deswegen ist auch ständig von radikalen Wenden in der Baupolitik die Rede, gar von Revolutionen, die notwendig seien, um den Kollaps der Ballungsräume infolge des Klimawandels zu verhindern. Konkrete Beispiele werden genannt, die Fahrrad-City von Kopenhagen, dann auch die verkehrsberuhigten Wohnblöcke in Barcelona.

Explodierende Holzpreise

Nur leider sind viele dieser hochtrabenden Pläne anderswo nicht mehr als heiße Luft, zumal sich zu allem Übel die Ausgangsbedingungen schnell ändern können. Seit Jahren explodieren die Baukosten weltweit. Und wer noch vor fünf, sechs Jahren Beton als umweltschädlichen Baustoff verdammt hat und für neue ökologische, größtenteils aus Holz gefertigte Stadtviertel plädiert hat, wird angesichts der steigenden Holzpreise mit der harten Realität konfrontiert.

Abriss des Slums in Detroit

Nicht weniger ambitioniert waren die Pläne zu einem neuen Stadtviertel in Detroit in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Black Bottom, so hieß das ursprüngliche Viertel wegen seines dunklen, guten Mutterbodens, wurde abgerissen und durch Lafayette Park ersetzt. Es war das Herz der afroamerikanischen Bewohner in Detroit gewesen, ein Elendsviertel wie so viele in den Industriestädten im Norden Amerikas.

Diese städtische Erneuerung seitens der Stadtplaner hatte das Ziel, krank machende Slums in menschenwürdigen Wohnraum zu verwandeln. Kauf und Abriss der ursprünglichen Bebauung begannen 1948 und zogen sich bis ins Jahr 1967, in dem auch die allerletzten Neubauten fertiggestellt wurden.

Hochhäuser und Townhouses

Vieles von dem, was heute diskutiert und als Revolution gepriesen wird, ist noch heute exemplarisch in Lafayette Park zu besichtigen. Geplant war das Projekt von Ex-Bauhaus-Direktor Ludwig Mies van der Rohe und Ludwig Hilberseimer, seinem damaligen Kollegen für Städtebau in Dessau. Die Grünplanung besorgte Alfred Caldwell, der ebenso wie Ludwig Hilberseimer in den 50er Jahren ein Mitarbeiter von Mies am Illinois Institute of Technology (IIT) in Chicago war.

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Auf dem knapp 32 Hektar großen Gelände realisierte man zwei 22-stöckige Hochhäuser mit Mietwohnungen sowie 186 ein- und zweigeschossige Townhouses, aparte, lichtdurchflutete Reihenhäuser mit großen Fensterflächen, die privat verkauft, aber genossenschaftlich verwaltet werden – bis heute.

Die Idee des fließenden Raumes

Lafayette Park ist von Mies van der Rohes Idee des fließenden Raumes beeinflusst und nimmt vieles von Hilberseimers Idee einer „New City“ auf: So ist die städtebauliche Struktur völlig vom Durchgangsverkehr befreit und die Bebauung wie in eine Parklandschaft hinein komponiert.

Lafayette Park verbindet Wohnen, Erholung in Parklandschaften, Bildung und Einkaufen; es gibt sogar ein eigenes Schwimmbad. Zum Arbeiten fährt man – das galt mal als fortschrittlich – mit dem privaten Auto ins Zentrum nach Detroit, das aber irgendwo hinter den Bäumen verborgen scheint. Kritiker sprechen auch wegen der gefühlten Abschottung von einem „Ghetto“, obwohl Lafayette Park eines der wenigen Gebiete von Detroit darstellt, die ethnisch durchmischt sind.

Ghettoisierung oder Gentrifizierung?

Was tatsächlich für die These der Ghettoisierung spricht, ist allerdings die Frage der Kosten und der damit einhergehenden Gentrifizierung, also der Vertreibung ärmerer Bewohner, die sich das Viertel schlicht nicht mehr leisten können: Ein Townhouse ist für potenzielle Käufer mittlerweile eine teure Investition, unter einer halben Million Dollar ist nichts zu bekommen. Und das in einer Stadt wie Detroit, die eigentlich bekannt ist für den Niedergang der Industrie und den Verlust unzähliger Arbeitsplätze.

Projekt für die Stuttgarter Weißenhofsiedlung

Der Kopf hinter Lafayette Park war Ludwig Hilberseimer, 1885 in Karlsruhe geboren. Von 1906 bis 1911 studierte er Architektur in seiner Geburtsstadt, verließ die Hochschule allerdings ohne Abschluss. Anschließend zog Hilberseimer nach Berlin und arbeitete als Architekt.

Seit 1919 schrieb er Kunstkritiken. Er veröffentliche Kulturberichte in den Zeitschriften „Das Kunstblatt“ und „Sozialistische Monatshefte“. Von 1922 an war er auch als Stadtplaner tätig. Ausgeführt wurden einige Wohnhäuser und ein Geschäftshaus in Berlin sowie ein Wohnhaus für die Ausstellung „Die Wohnung“ 1927 in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung. Das zweigeschossige Einfamilienhaus wurde aber im Krieg zerstört.

Die Nazis und das Ende des Bauhauses

Nach der phänomenalen Stuttgarter Schau wird der Karlsruher in einem Atemzug mit Walter Gropius, Le Corbusier und Mies van der Rohe genannt. Zwei Jahre später kommt dann auch wenig überraschend und folgerichtig der Ruf aus Dessau, ans Bauhaus, dem kreativen Hort der Andersdenkenden. In der dortigen Bauabteilung soll Hilberseimer lehren.

1933, nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, wird das Bauhaus-Gebäude in Berlin polizeilich durchsucht und versiegelt. In einem Schreiben der Geheimen Staatspolizei vom 21. Juli wird die Wiedereröffnung von Bedingungen abhängig gemacht. Wassily Kandinsky und Ludwig Hilberseimer seien durch Lehrkräfte zu ersetzen, die „auf dem Boden der nationalsozialistischen Ideenwelt stehen“.

The New City

Das ist das faktische Ende des Bauhauses. Ludwig Hilberseimer umgeht das Berufsverbot, indem er Mies van der Rohe ins Exil folgt, nach Chicago, wo 1944 sein Buch „The New City“ („Die neue Stadt“) publiziert wird. Es ist die Sammlung seiner Studien zur dezentralen Konzentration von Großstädten.

Diese Idee, die erst einmal wie ein Widerspruch klingt, war und ist revolutionär, denn sie sah eine schrittweise Auflösung der Städte und eine völlige Durchdringung von Landschaft und Besiedlung vor.

Hilberseimer steht für eine Art ökologischen Urbanismus, der eine Verschränkung von Stadt und Landschaft vorsieht und heute, bald ein Jahrhundert später, das Thema der Stadtplaner ist. Eine sehenswerte Ausstellung am Bauhaus-Museum in Dessau würdigt das Schaffen dieses visionären, leider fast vergessenen deutschen Stadtplaners.

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