Gelber Sack, Mülltrennung und Co: Kaum ein Land investiert so viel Aufwand in Recycling. Aber bringt es auch den Umweltnutzen? Foto: Robert Michael/dpa

Gelber Sack, Glastrennung, Wiederverwertung: Deutschland ist im europäischen Vergleich führend beim Recycling von Verpackungsabfällen. Aber hat es deswegen auch einen guten ökologischen Fußabdruck? Verbraucherzentrale und Deutsche Umwelthilfe erklären, warum das gerade nicht so ist.

Oberndorf - Recycling ist gut. Sparen ist besser. Beim Thema Nachhaltigkeit gelte die Abfallhierarchie, erklärt Sabine Holzäpfel, zuständig für Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Ganz oben stehe das komplette Vermeiden von Müll, weil der Umweltschaden dann gleich Null sei. "Bei manchen Verpackungen fragt man sich schon, warum das Produkt drei Mal eingepackt werden muss", appelliert sie an die Hersteller. "Ein anderes Problem: Die Produzenten bringen auch oft neue Verpackungen auf den Markt und bewerben sie als umweltfreundlich, obwohl sie auch nicht besser sind. Werbeaussagen muss man immer kritisch betrachten. Und sich fragen, ob es wirklich um den Umweltschutz geht oder um Verkaufsmaschen und Trends."

8900 Tonnen weniger Kunststoff bei Rewe

Was sagen die Hersteller dazu? Machen sich neue Verpackungsvarianten im Materialverbrauch überhaupt bemerkbar? "Die Rewe Group hat in den letzten Jahren vielfältige Maßnahmen zur umweltfreundlicheren Gestaltung von Verpackungen implementiert - bislang wurden bereits über 2000 Verpackungen umweltfreundlicher gestaltet", so Thomas Bonrath, Sprecher von Rewe, auf Nachfrage. "Dadurch sparen Rewe und Penny mittlerweile jährlich rund 8900 Tonnen Kunststoffe ein", bestätigt er.

Und wie funktioniert das? "Die Reduzierung von Plastik im Bereich Verpackungen ist komplex: Hier müssen wir kleinteilig Schritt für Schritt jedes Produkt einzeln anschauen. Es gilt immer abzuwägen, wo eine Umstellung oder ein Verzicht auf Verpackung ein mehr an Nachhaltigkeit ermöglichen – und wo eine Verpackung einen entscheidenden Zweck erfüllt", erklärt Bonrath. "Ein gutes Beispiel ist unser Obst- und Gemüse-Sortiment. Als erster der vier größten Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland bietet Rewe bundesweit Bio-Obst und Bio-Gemüse weitestgehend ohne Plastik oder mit verbesserter Verpackung an. So sparen wir allein dort jährlich 210.000 Kilogramm Plastik sowie 80.000 Kilogramm Papier ein", nennt er die belegenden Zahlen.

Vorausgegangen sei ein Test, bei dem die Verantwortlichen Daten darüber gesammelt haben, welche Auswirkungen der Verpackungsverzicht bei Obst- und Gemüse hat. Nicht allen Sorgen tat das gut: Erhöhte Abschriften hat Rewe zum Beispiel bei Brokkoli verzeichnet, der ohne Folie schneller aufblüht und an Frische verliert. Empfindliche Beeren sowie frische Blattsalate wie Feldsalat, Rucola und Romanasalatherzen werden ohne Verpackung ebenfalls schnell schlecht. "Die Lösung beim Einsparen von Verpackungen kann nicht sein, dass wir auf der anderen Seite dadurch mehr Foodwaste verursachen", stellt Bonrath klar. "Ein weiterer Punkt: Fleisch, Wurst, Käse, Fisch und weitere Spezialitäten der Servicetheke sind hoch sensible Lebensmittel. Kauft der Kunde dort mehr als ein Produkt und bringt nur eine Mehrwegbox mit, ist wieder eine Verpackung unumgänglich, um die Trennung und Hygiene der Artikel zu gewährleisten." Fazit: Komplett auf Verpackungen verzichten, funktioniert nicht.

Recycling ist nur das Drittbeste

Zurück zur Abfallhierarchie. An erster Stelle steht also das Vermeiden, und dann kommt das Wiederverwenden. Dicke Tüten mit Faltboden, die es an vielen Kassen nach wie vor gibt, seien nicht automatisch schlecht. Ihre Klimabilanz verbessere sich beim Einsatz von recyceltem Plastikund mit jeder Wiederverwendung, erklärt Holzäpfel von der Verbraucherzentrale. Doch nur, wenn etwas auch tatsächlich wiederverwendet wird, hilft es der Umwelt. Ein unnötig produziertes wiederverwendbares Produkt. das nicht benutzt werde, schade der Umwelt stattdessen.

Erst die drittbeste Option sei das Wiederverwerten, also das Recycling. Das ist zwar immer noch besser, als Müll einfach nur im Verbrennungsofen zu entsorgen, verbrauche aber auch viel Wasser und Energie. Deswegen sei das Einwegglas, zum Beispiel für Brotaufstriche, Flaschen oder als Joghurtbehälter, nicht umweltfreundlicher als Plastik. Im Gegenteil. Glas ist deutlich schwerer, deshalb entstehen beim Transport höhere Emissionen. Beim Recycling muss es aufwendig eingeschmolzen und wieder neu geformt werden.

"Besser sind Mehrwegflaschen, die nicht im Container landen, sondern im Laden zurückgegeben und neu befüllt werden", erklärt die Expertin. "Aber auch da kommt es ganz darauf an. Einige Hersteller haben besondere Flaschenformen entwickelt." Das möge kein schlechter Marketingzug sein, es bedeute aber, dass die Flaschen nicht überall wieder befüllt werden können. "Und dann werden die leeren Flaschen oft quer durchs Land zurück zum Hersteller gefahren." Um das zu vermeiden, kann der Kunde darauf achten, dass die Mehrweg-Flaschen in der Region abgefüllt wurden. Oder zu einheitlichen Poolflaschen greifen. Das nachhaltigste Getränk ist ohnehin Leitungswasser.

"An diesen Beispielen sieht man, dass es bei vielen Produkten nicht nur darauf ankommt, in was sie eingepackt sind", erklärt Holzäpfel. "Beim Gesamtfaktor Umweltschutz spielt viel mehr rein. Zum Beispiel wo das Produkt herkommt. Ob zum Beispiel Gemüse regional und saisonal angebaut wurde. Wie lang die Transportwege sind. Und natürlich ob die Verpackung recycelbar oder wiederverwendbar ist", zählt sie auf.

40 Prozent vom Gelben Sack werden verbrannt

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sieht Recycling ebenfalls kritisch. Der politisch unabhängige, gemeinnützige Verein setzt sich seit fast 50 Jahren für die Umwelt und Verbraucherrechte ein. Recycling sei zwar eine gute Sache, aber ein Viertel aller Plastikverpackungen auf dem Markt seien gar nicht recycelbar, betont Thomas Fischer, Bereichsleiter Kreislaufwirtschaft bei der Bundesgeschäftsstelle der DUH. Und von den anderen drei Vierteln sei auch nicht alles wiederverwertbar, sondern nur Teile. Verbundsstoffe sind am schlechtesten recycelbar.

"Nehmen wir zum Beispiel Käseverpackungen", sagt Fischer. "Die bestehen in der Regel aus acht bis zehn dünnen Schichten von unterschiedlichen Plastikarten. Oder aus Papier, das mit Plastik beschichtet ist. Die Materialarten lassen sich nicht mehr trennen und deswegen landet die ganze Verpackung in der Verbrennung." Und das sei hochgradig klimaschädlich. Als würde man Rohöl verbrennen. Es entstehe viel Kohlenstoffdioxid dabei. Von allem, was im gelben Sack lande, werden bis jetzt nur 60 Prozent wiederverwertet. Die anderen 40 Prozent werden verbrannt. "Da ist noch viel Luft nach oben", betont Fischer.

Und wenn Deutschland nun seinen Plastikverbrauch in kürzester Zeit auf ein Minimum reduzieren würde? Wie groß wäre der Nutzen aufs Gesamte betrachtet? "Man hört oft die Frage: Was soll Deutschland als so kleines Land schon ausrichten? Aber so klein ist Deutschland gar nicht", betont FIscher. "Es ist das bevölkerungsreichste Land in Europa. Und der zweitgrößte Verpackungssünder auf dem Kontinent. Danach kommt nur noch Luxemberg. Deutschland produziert 228 Kilogramm Verpackungsmüll pro Kopf im Jahr."

Und das, obwohl sich das Land den Umweltschutz auf die Fahne geschrieben hat? Wie passt das zusammen? "Was Recycling angeht, hat Deutschland tatsächlich die Nase vorn", erklärt er. "Aber es ist ein Fehler, zu glauben, Recycling löse alle Probleme. Ja, es ist besser als Vernichtung. Aber was nicht da ist, muss man doch erst gar nicht recyceln. Folien um Bananen zum Beispiel kann man recyceln. Aber die wichtigere Frage ist: Warum ist da eine Folie um die Bananen?"

Das bedeutet, unnötige Verpackungen und auch kleinteilige Packungen sollten gespart werden. Kaffeekapseln produzieren 25 Mal mehr Müll als Kaffee in Großverpackungen, nennt der Experte eine weitere Zahl. Allerdings bedeute das nicht, dass große Verpackungen grundsätzlich umweltfreundlich seien. "Große Packungen suggerieren dem Kunden: Kauf mich, da ist viel drin", verdeutlicht er. "Das Problem ist, dass die Ressourcen nach wie vor günstig genug sind, dass sich diese Werbemasche für die Hersteller noch lohnt." Für den Verbraucher bedeutet das: Augen auf beim Einkaufen und Verpackungen kritisch betrachten. Wenn möglich, lohnt sich aus Umweltschutz-Sicht häufig der Griff zum Unverpackten.