Im Zuge der Arbeiten in Bruderschaftsgasse in Rottweil – hier ein Bild aus dem Oktober – werden auch Gasleitungen erneuert. Foto: Otto

Diese Nachricht hat viele Besitzer einer Gasheizung aufgeschreckt: Von der künftigen Stilllegung von Gasnetzen im Sinne des Klimaschutzes ist aktuell die Rede. In Mannheim soll das bis 2035 passieren. Wir fragen bei der ENRW nach, wie hier die Planungen sind.

Das ausgegebene Ziel lautet: Deutschland soll bis 2045 klimaneutral werden. Und während viele Bürger noch in eine Gasheizung investieren, kommen aus größeren Städten wie Mannheim, Augsburg oder Stuttgart Signale, dass die Erdgaslieferung binnen zehn Jahren womöglich Geschichte ist.

 

Wir haken beim Energieversorger ENRW zu dem Thema Gasversorgung nach, der uns unsere Fragen schriftlich beantwortet.

Wie viele Gaskunden hat die ENRW und wie hoch ist deren Verbrauch/Bezug ungefähr momentan?

Zum Jahresabschluss 2023 verzeichnete die ENRW insgesamt etwa 12 000 Netzkunden. Der Verbrauch liegt wischen 600 und 700 Millionen Kilowattstunden pro Jahr.

Wie sieht das Gasnetz der ENRW aus? Was kann man sich darunter vorstellen bezüglich Größe und Funktion?

Das Gasnetz ist im Wesentlichen unsichtbar, da die Leitungen ausschließlich erdverlegt sind. Das Netz erstreckt sich von Zimmern ob Rottweil bis auf den Heuberg im Landkreis Tuttlingen (Bubsheim). Die Gesamtlänge beträgt rund 623 Kilometer. Das Netz gliedert sich in das Hoch- und Mitteldrucknetz (475 Kilometer), welches insbesondere dem Transport von Gas über längere Strecken dient, und das Niederdrucknetz (148 Kilometer), über welches das Gas zu den Haushalten transportiert wird.

Inzwischen hat die ENRW nahezu alle bestehenden Gaskonzessionsverträge für die kommenden 20 Jahre verlängern können. Jeder registrierte Gaslieferant kann die Gasnetze zur Belieferung seiner Endkunden für ein einheitliches Durchleitungsentgelt nutzen.

Was ist Ihre Einschätzung zur Entwicklung – wie lange werden die ENRW-Kunden noch Gas beziehen können?

Die ENRW betreibt das Gasnetz so lange, wie es Bedarf an Gas gibt – das ist unser Versprechen. Solange es also noch Kunden gibt, die Gas beziehen, wird auch das dafür erforderliche Netz bestehen. Teile des Netzes, die nicht mehr benötigt werden, können gegebenenfalls stillgelegt werden. Langfristig (bis 2045) wird Erdgas jedoch an Bedeutung verlieren.

Die genaue Größe des verbleibenden Gasnetzes lässt sich schwer vorhersagen, da sie von der Preisentwicklung und der Verfügbarkeit klimaneutraler Gase abhängt. Für einige Anwendungen, wie zum Beispiel für die eigenen Blockheizkraftwerke (BHKW), plant die ENRW, das Gasnetz auch für den Transport klimaneutraler Gase zu nutzen. Möglicherweise wird es künftig zudem eine Beimischung klimaneutraler Gase in die bestehenden Gasnetze geben.

Erdgas wird an Bedeutung verlieren

In wie weit beschäftigt man sich bei der ENRW mit einer möglichen Stilllegung des Gasnetzes – welche Alternativen gibt es dann und wie bereitet man sich darauf vor?

Die ENRW beschäftigt sich vor allem konzeptionell mit der zukünftigen Entwicklung des Gasnetzes und möglichen Szenarien für dessen Stilllegung und Umnutzung. Im Rahmen strategischer Planungen analysiert die ENRW kontinuierlich die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die technologischen Entwicklungen. Eine mögliche Stilllegung und Umnutzung des Gasnetzes hängen maßgeblich von künftigen gesetzlichen Vorgaben und der Akzeptanz klimafreundlicher Alternativen ab.

Gasleitungen werden noch erneuert

Aktuell zeigt sich die Praxis noch anders: Bei aktuellen Straßensanierungen werden Gasleitungen teilweise auch noch erneuert. Dies erfolgt jedoch mit Blick auf die mögliche künftige Nutzung für klimaneutrale Gase oder Wasserstoff.

In Neubaugebieten hat sich die ENRW aufgrund der gesetzlichen Rahmenbedingungen gegen den Aufbau einer Erdgasversorgung entschieden. Grundsätzlich ist es aber unser Ziel, den Wandel hin zu einer klimaneutralen Energieversorgung proaktiv mitzugestalten und den Kunden langfristige, verlässliche Lösungen anzubieten.

Was raten Sie jemandem, der sich mit dem Kauf einer neuen Heizung beschäftigt?

Eine pauschale Antwort ist nicht möglich, da die Wahl der passenden Heizung eine individuelle Beratung erfordert, die auf den Kunden und das Objekt zugeschnitten ist. Ganz wesentlich hängt es zum Beispiel vom Energieverbrauch, dem Alter der Heizanlage und der Beschaffenheit des Gebäudes ab. Vor dem Einbau einer neuen Heizanlage rät die ENRW zu einer unabhängigen Beratung durch einen Energieberater.

Heizung sollte klimafreundlich sein

Grundsätzlich sollte eine neue Heizung nicht nur die aktuellen gesetzlichen Vorgaben erfüllen, sondern auch zukunftsfähig und klimafreundlich sein. Das bedeutet beispielsweise, dass sie mindestens 65 Prozent erneuerbare Energien enthalten muss, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Die aktuelle politische und wirtschaftliche Unsicherheit macht die Entscheidungsfindung für Kunden und Berater komplexer als früher.

Beispiele aus der Praxis

In der Praxis erlebt die ENRW aktuell die unterschiedlichsten Vorgehensweisen: Von der Grundsanierung eines Hauses und anschließender Beheizung mit Wärmepumpe bis hin zum 1:1-Tausch der Gastherme ohne weitere Gebäudesanierung oder dem Anschluss an unser Fernwärmenetz (wo vorhanden). Aktuell baut die ENRW in der Innenstadt das Fernwärmenetz aus, ebenso im zukünftigen Neubaugebiet Hegneberg. Kunden, die an einem Fernwärmenetz angeschlossen sind, haben keine Auflagen zur Dekarbonisierung. Das ist Aufgabe der Fernwärmenetzbetreiber.

Gibt es bereits Anfragen von Bürgern zu dieser Thematik?

Ja, es gibt bereits Anfragen. Viele Kunden suchen nach zukunftsfähigen, klimafreundlichen und wirtschaftlichen Heizlösungen. Unsere Energieberater bieten daher regelmäßig unabhängige, individuelle Beratungen an und unterstützen die Kunden bei der Entscheidungsfindung. Wo ein Nahwärmenetz verfügbar ist, bemüht sich die ENRW, Kunden je nach Verfügbarkeit anzubinden und die sichere Versorgung zu gewährleisten. Anfragen können direkt bei der ENRW über das Hausanschlussportal gestellt werden: https://hausanschluss.enrw.de/hausanschlussportal/