Der neue Bundestrainer Hansi Flick setzt voll auf seine Vertrauensperson beim taumelnden DFB. Klar ist: Flick ist ein verlässlicher Umgang wichtiger als die Gehaltsfrage.
Stuttgart/Frankfurt - Die Zukunft beginnt für Hansi Flick in drei Wochen. Der neue Bundestrainer wird dann in der Münchner Arena sein und sich auf der Tribüne das erste EM-Spiel der deutschen Elf gegen den Weltmeister Frankreich anschauen. Und da ein Trainer immer Trainer ist und Trainer bleibt, wenn er so ein Spiel schaut, wird Flick seinem Kollegen Joachim Löw, den er ja ohnehin ganz gut kennt, genau über die Schulter schauen. Und er wird seine künftigen Nationalspieler, von denen er einige auch schon ganz gut aus München kennt, ebenso genau beobachten.
Er wird das wohl niemals so sagen, schon gar nicht in der breiten Öffentlichkeit: Aber der Trainer Flick wird am Abend des 15. Juni nicht aus seiner Trainerhaut raus können – und sich von 21 Uhr an solche oder so ähnliche Gedanken machen: Mensch Jogi, schieb doch den Leon weiter nach vorne! Verdammt, halt, Joshua, hinten bleiben! Oder: Thomas, mehr durch die Mitte, und such’ mal selbst den Abschluss!
Lesen Sie hier: Unser Kommentar zum neuen Bundestrainer Flick
Vielleicht denkt sich Flick auch, wenn es mit den deutschen Standardsituationen gegen Frankreich gut klappen sollte, dass das immer noch ein bisschen sein Werk ist – weil er es war, der seinem damaligen Chef, dem Schöngeist Löw, als Assistent im brasilianischen Titelsommer 2014 riet, auch auf diese schnöden Ecken und Freistöße Wert zu legen. Und Löw legte dann „scho au“ Wert auf Ecken und Freistöße – die seiner Elf dann einige Tore einbrachten.
Unterschrift in Frankfurt
Bald kann Flick das Training der DFB-Elf eigenverantwortlich gestalten, denn nach dem Abschied Löws nach der EM übernimmt der 56-Jährige nun wie allgemein erwartet den Bundestrainerjob. Am Dienstagvormittag unterschrieb Flick in der Verbandszentrale in Frankfurt seinen Vertrag, der bis einschließlich der Heim-EM 2024 läuft. Die erste Partie als Bundestrainer steigt für Flick am 2. September in Liechtenstein beim Qualifikationsspiel zur Winter-WM in Katar.
Beim krisengeplagten Deutschen Fußball-Bund also beginnt nach 15 Jahren unter Joachim Löw eine neue Zeitrechnung – mit dem alten Bekannten Flick, der von 2006 bis 2014 Löws Assistent und dann für drei Jahre bis 2017 der Sportdirektor des DFB war.
Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie: Alle Fußball-Bundestrainer im Überblick
„Meine Vorfreude ist riesig“, sagte Flick am Dienstag, „denn ich sehe die Klasse der Spieler, gerade auch der jungen Spieler in Deutschland. So haben wir allen Grund, die kommenden Turniere, zum Beispiel die Heim-EM 2024, mit Optimismus anzugehen.“ Der DFB-Direktor Oliver Bierhoff wählte große Worte: „Hansi stand von Anfang an ganz oben auf meiner Wunschliste – wir haben ein großes gemeinsames Ziel: zurück an die Weltspitze.“ Der scheidende Bundestrainer Löw bescheinigte seinem Nachfolger und Ex-Assistenten dann noch „hervorragende Voraussetzungen“.
Lob von Rummenigge
Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef des FC Bayern München, sieht in seinem ehemaligen Coach sogar den „perfekten Trainer für die Nationalelf“. Da dürfte es Flick auch nicht stören, dass er beim DFB jetzt weniger Gehalt einstreicht als beim Rekordmeister.
Wichtiger als Geld ist dem Trainer ohnehin ein respektvoller Umgang. Er wisse aus „bester Erfahrung, dass ich mit Oliver Bierhoff einen starken, vertrauensvollen Partner an meiner Seite habe“, betonte Flick – und das war, nun ja, nicht weniger als ein Seitenhieb gegen Hasan Salihamidzic, den Sportvorstand des FC Bayern, mit dem er sich einen monatelangen Machtkampf geliefert hatte. Seinen bis 2023 datierten Vertrag in München hatte Flick am Ende aufgelöst.
Lesen Sie auch: Die Zahlen einer bemerkenswerten Saison des VfB Stuttgart
Bei den Verhandlungen mit dem DFB, bei denen sich Flick von seinem Anwalt Christoph Schickhardt vertreten ließ, ging es dann dem Vernehmen nach auch um die eine, für Flick entscheidende Detailfrage: Es war ihm wichtig, dass Oliver Bierhoff sein erster Ansprechpartner ist - und bleibt. Das war eine Lehre aus der Zeit beim FC Bayern München, bei der Flick die Dinge rückblickend am liebsten nie mit Salihamidzic, dafür aber viel öfters mit seinem Vertrauten Rummenigge besprochen hätte.
Und, das war die andere Erkenntnis aus Flicks Sicht: Beim taumelnden und krisengeplagten DFB kann man sich gerade auf niemanden verlassen – da will er Oliver Bierhoff als Ansprechpartner und erste Vertrauensperson, ohne Wenn und Aber.
Der Bayern-Block freut sich
Flicks Feld also ist bereitet – und darauf wird er auf einige alte Bekannte des FC Bayern treffen, mit denen er sieben Titel in den vergangenen eineinhalb Jahren holte. Sein exzellentes Verhältnis zum Münchner Block der Nationalelf wird dem neuen Bundestrainer sicher nicht schaden, seine Spielphilosophie haben Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Kollegen längst verinnerlicht.
Dennoch warten auf Flick knifflige Aufgaben: Der von Löw für die EM unterbrochene Umbruch muss fortgeführt, junge Spieler müssen aufgebaut und integriert werden. Auch muss er ein neues Gerüst erfahrener Anführer bis zur WM 2022 aufbauen – geschieht das weiter mit den EM-Rückkehrern Thomas Müller und Mats Hummels oder doch wieder eher mit jüngeren Kräften?
Der große Reiz
Flick reizt es, all diese Dinge anzugehen. Er soll zuletzt sogar Anfragen von Real Madrid, dem FC Barcelona und von Tottenham Hotspur abgelehnt haben. Denn Bundestrainer sein, das war es, was er immer wollte.
Hansi Flick ist am Dienstag am Ziel seiner Träume angekommen.