Nicht nur Schafe und Ziegen werden im Schwarzwald Opfer des Raubtiers. Baden-Württemberg will deshalb sein Schutzkonzept anpassen. Doch die Bauern sind skeptisch.
Die Bilder, die Markus Kaiser im Kopf hat, sind für ihn kaum zu ertragen: Eines seiner Rinder steht auf der Weide, das Hinterteil abgerissen, es leidet, aber lebt noch. Der Landwirt aus Bernau im Schwarzwald muss es erschießen, um es von seinen Qualen zu erlösen. Es war nicht der einzige Fall im vergangenen Jahr: Sechs seiner 250 Rinder seien Opfer des Wolfs geworden. „Ich bin an meine Grenzen gekommen. Diesen Schmerz halte ich nicht dauerhaft aus“, sagt er. Und auch bei den umliegenden Landwirten sei die Stimmung nicht besser: „Die Rinderhalter sind nervös, die Mehrheit redet vom Aufhören, wenn der Wolf kommt“, berichtet Kaiser, der auch Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft Schwarzwald Bio-Weiderind ist. Optimistisch zeigt er sich auch für die kommende Weidesaison nicht. Ende April, Anfang Mai sollen seine Rinder wieder raus ins Grüne. Viel Zeit bleibt nicht, um die Weiden wolfssicher zu machen.
Zwei Jahre bis Zäune bei Rinderweiden wolfssicher sind
Doch nachdem kürzlich Wolfsspuren bei einem toten Rind in der Region nachgewiesen worden waren, hat das baden-württembergische Umweltministerium nun eine Anpassung des Schutzkonzeptes angekündigt. Bisher fördert das Land wolfsabweisende Zäune nur für Halter von Kälbern und Jungrindern bis zu einem Alter von zwölf Monaten. Das neue Konzept soll auch Rinder anderer Altersklassen miteinbeziehen und im Laufe des Frühjahrs vorliegen.
Um die praktische Umsetzung zu testen, startet in zwei Wochen ein Pilotprojekt mit Bauernhöfen im Schwarzwald, zu denen auch der von Markus Kaiser zählt. Doch der Landwirt ist skeptisch: „Allein um die Betriebe hier in der Region wolfssicher einzuzäunen, braucht man mindestens zwei Jahre.“ Darüber habe er schon mit einer Zaunbaufirma gesprochen. Im Gegensatz zu wolfssicheren Zäunen bei kleinen Nutztieren wie Schafen oder Ziegen ist das Problem bei Rinderweiden, dass sie um ein Vielfaches größer sind. Allein die Fläche von Kaisers Weide misst 160 Hektar, die Kosten für einen solchen Zaun schätzt der Landwirt auf knapp eine halbe Million Euro.
Schutz vor dem Wolf kostet Baden-Württemberg Millionen
Dazu kommt der erhöhte Aufwand, einen wolfsabweisenden Zaun erst einmal zu errichten. Und ihn dann täglich zu kontrollieren: Kaiser rechnet hier mit sechs Stunden Arbeitszeit pro Tag. Auch aus dem Landwirtschaftsministerium heißt es: „Für die Rinderhalter ist es nicht zumutbar, dass alle Weiden im Schwarzwald wolfsabweisend gezäunt werden.“ Zudem würden dadurch die Kosten deutlich steigen: Seit 2018 hat das Land für den Herdenschutz insgesamt rund zehn Millionen Euro ausgegeben.
Markus Kaiser wird seine Tiere zum Start der Weidesaison wohl erst einmal auf Risiko ins Freie schicken: „Mal schauen, ob es gut geht. Letztes Jahr war ich auch optimistisch und wurde dann eines Besseren belehrt.“