Das Fahren mit dem eigenen Auto bis ins hohe Alter ist vielen Menschen wichtig. Zuletzt haben im Lahrer Raum aber Senioren einige Unfälle verursacht.
Sind Senioren eine Gefahr für den Straßenverkehr? Vor wenigen Wochen wurde in Ettenheim ein Eiscafé-Gast von einem 90-Jährigen beim Ausparken angefahren. Der Mann fuhr danach einfach davon und wurde erst später von der Polizei zuhause angetroffen: Gegen ihn wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Unfallflucht eingeleitet.
Das ist nur der letzte in einer ganzen Reihe von Vorfällen in den letzten zwölf Monaten, bei denen Senioren beteiligt waren und bei denen mangelnde Aufmerksamkeit oder eingeschränkte motorischen Fähigkeiten womöglich eine gewichtige Rolle spielten. Manchmal ging es glimpflich aus und es entstand lediglich Sachschaden – beispielsweise als in der Lahrer Innenstadt eine Rentnerin Gas- und Bremspedal verwechselte und in ein Schaufenster krachte.
Und im Januar fuhr ein Senior gegen die Fassade eines Getränkemarkts. Es gab allerdings auch tragische Unfälle mit Todesfolge wie Anfang Februar – damals hatte ein 83-Jähriger seine gleichaltrige Ehefrau beim Rückwärtsfahren nicht gesehen und überrollt.
Unfälle wie diese scheinen sich aber nicht nur in der Lahrer Region zu mehren. Deswegen werden Maßnahmen zur Prävention in den Medien diskutiert. Im rheinland-pfälzischen Maxdorf gingen bereits Polizisten auf Streife, um ältere Verkehrsteilnehmer anzusprechen und ihnen Tipps zu geben, wie sie ihr eigenes Sicherheitsrisiko senken können.
Das Problem bei diesen Kontrollen: Die Polizei gruppiert alle Autofahrer zwischen 65 und 90 Jahren in Alterskategorie „Generation 65plus“ ein. Das ist ziemlich weit gefasst und kann von fitten Senioren als diskriminierend aufgefasst werden.
In Deutschland gibt es mehr ältere Verkehrsteilnehmer als je zuvor
Der ADAC weist außerdem darauf hin, dass Senioren statistisch gesehen eher Gefährdete als Gefährder sind. Und die Statistik spricht laut ADAC auch dafür, dass die Wahrnehmung von gehäuften Unfällen bei Senioren nicht richtig ist: „Im Jahr 2023 haben Menschen ab 65 Jahren 18,5 Prozent der Unfälle mit Personenschaden verschuldet, die von Pkw-Fahrenden verursacht wurden.
Das sind weniger Unfälle, als ihrem Bevölkerungsanteil von rund 22 Prozent entsprechen würde“, teilt die Pressereferentin des ADAC Südbaden Claudia Ploh, auf Nachfrage mit. Ploh vermutet, „dass in der Gesamtbetrachtung der ältere Verkehrsteilnehmer häufiger an Unfällen beteiligt ist, die von der Norm abweichen.“
Das heißt also, dass unglückliche Missgeschicke, beiden denen die Pedale verwechselt werden, schlicht mehr Beachtung finden als die Unfälle wegen überhöhter Geschwindigkeit auf Bundesstraßen und Autobahnen, die eben mehrheitlich deutlich Jüngeren passieren. Die Offenburger Polizei zumindest hat auf Nachfrage der LZ erklärt, bisher keine derartigen Kontrollen vorgenommen zu haben und auch in naher Zukunft keine zu planen.
Tatsache ist, dass es in Deutschland mehr ältere Verkehrsteilnehmer gibt als je zuvor. 2015 waren 2,5 Millionen Autofahrer über 75 Jahre, 2024 waren es fast sechs Millionen. Und laut Volker Olbrisch von der Offenburger Polizei ist 2024 die Zahl der in ihrem Zuständigkeitsbereich von Senioren verursachten Unfälle im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozent gestiegen. Bei 28 Prozent dieser Unfälle seien individuelle Fahrfehler die Ursache gewesen, in rund 20 Prozent der Fälle sei es zu Vorfahrtsverletzungen gekommen und weitere 13 Prozent ereigneten sich wegen Fehler beim Wenden oder Rückwärtsfahren.
ADAC findet Fahrcheck sinnvoll, setzt aber auf Freiwilligkeit
Was also tun? ADAC und Polizei appellieren an die Eigenverantwortung. Ältere Menschen seien tagesformabhängiger als junge Menschen, sagt ADAC-Pressesprecherin Ploh. Die Polizei Offenburg empfiehlt, die Auswirkungen von Medikamenten zu beachten und Fahrstrecken, auf denen man sich unsicher fühlt, zu vermeiden. Und: „Im Bedarfsfall, einfach mit der Familie reden, ob jemand einspringen kann oder Taxi oder ÖPNV wählen“, so Olbrisch. Wenn es um Unfallvermeidung in Bezug auf Senioren geht, rücken auch die bereits vom ADAC angebotenen Fahr-Fitness-Checks in den Fokus. Eine Überlegung ist, dass sich Menschen ihre Fahrtauglichkeit bestätigen lassen, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben. Damit wäre ein Fahr-Fitness-Check nicht mehr freiwillig, sondern verpflichtend.
Gerade in ländlichen Regionen brauchen Ältere ihren Führerschein
Aber was passiert mit denjenigen, die die Prüfung nicht bestehen? Die Abgabe des Führerscheins scheint die logische Konsequenz zu sein. Nur bringt man damit ältere Menschen gerade in ländlichen Gegenden in höchste Not, wenn sie plötzlich nicht mehr einkaufen fahren können oder nicht wissen, wie sie den nächsten Arzttermin wahrnehmen sollen. Deshalb gibt es aktuell außer Diskussionen keine von der Politik geplanten Maßnahmen zur Einführung von verpflichtenden Fahrprüfungen.
Auch der ADAC lehnt verpflichtende Tests ab, findet freiwillige Tests aber sehr sinnvoll. Ploh stellt klar: „Der Fahr-Fitness-Check hat keine Konsequenzen für den eigenen Führerschein. Die Fahrer erhalten lediglich Tipps und Ratschläge. Das Ergebnis wird nicht an die Behörden weitergeleitet. Selbst bei einem schlechten Ergebnis droht damit kein Führerscheinentzug.“
Fitness-Check in Lahr
Der Oberkircher Fahrlehrer Carsten Gülich bietet in Kooperation mit der Lahrer Stadtmühle Fahr-Fitness-Checks in Lahr und Umgebung an. Auch Gülich betont vor allem die vielfältigen Überforderungssituationen, die der Straßenverkehr und technisch hochgerüstete Autos heutzutage für Verkehrsteilnehmer bereithalten. Dazu kommen laut Gülich körperliche Einschränkungen. Auch sei die Technik für ältere Verkehrsteilnehmer manchmal mehr Fluch als Segen. Denn wenn was piept oder blinkt, setze die Panik ein. Beispiele: Das aufdringliche Piepsen beim Rückwärtsfahren, das missinterpretiert wird, oder die unwissentlich eingeschaltete Lenkhilfe, die für ein unsicheres Fahrgefühl sorgt. Deshalb vermittle er im Rahmen des Fahr-Fitness-Checks auf Wunsch auch technische Hilfe.