Auf der Rückreise aus der Ukraine hat Lahrs Rathauschef Markus Ibert einen befremdlichen Social-Media-Beitrag gepostet – und sich umgehend entschuldigt.
Fünf Tage waren neun Lahrer zu Besuch im ukrainischen Kalusch. Die Gruppe hat sich vor Ort ein Bild davon gemacht, wie es ist, in einem Land zu leben, das seit vier Jahren unter dem russischen Angriffskrieg leidet, hat sich die Sorgen der Menschen angehört und bekundet, die 2024 geschlossene Solidarpartnerschaft der beiden Städte in Zukunft weiter stärken zu wollen. Die LZ, die mit dabei war, hat von eindrücklichen wie bedrückenden Erlebnissen berichtet.
Indes: Ausgerechnet OB Markus Ibert, der die Lahrer Delegation anführte, sorgte – gerade wieder in Deutschland angekommen – für heftige Irritationen. Am Mittwoch teilte er ein Bild vom Münchener Hauptbahnhof in den sozialen Medien: Er im Vordergrund, dahinter, teils verdeckt, die Mitreisenden. Alle lachend. Dazu schrieb Ibert unter anderem: „... mit bester Stimmung zurück aus der Ukraine. Narri Narro“
Reaktionen fallen deutlich aus
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten – im virtuellen wie im echten Leben. Ein Kommentator im Internet meinte: „Ich hoffe, dass es sich hier um Fake News handelt. Wenn nicht, unfassbar, würdelos und zum Fremdschämen. Lustige Fasnet-Truppe mit bester Stimmung aus einem der schlimmsten Kriegsgebiete, wo Menschen unendliches Leid erfahren, zurück.“ Ein anderer: „... mit bester Stimmung zurück aus der Ukraine? Narri Narro? Echt jetzt? Russlands Krieg gegen Ukraine: 100 000 Menschen in Belgorod ohne Wasser – Kälte als Waffe ist Kriegsverbrechen – eine Million Menschen in Kiew ohne Strom – heftige Kämpfe bei Pokrowsk und in Saporischschja... fehlt jetzt nur noch ein Karnevalstusch.“
OB löscht den Post
Der Lahrer OB löschte seinen Post, den er auf verschiedenen Kanälen abgesetzt hatte, am Donnerstagvormittag – offenbar nach Hinweisen aus seinem direkten Umfeld.
SPD-Stadtrat: „Kommt wie ein Kegelausflug rüber“
So schrieb Roland Hirsch, der auch auf dem Foto zu sehen ist, eine Mail an die Reiseteilnehmer. Darin wendete sich der SPD-Stadtrat direkt und deutlich an Ibert: „Nehmen Sie bitte den Post mit dem Selfie auf dem Bahnhof mit dem Text und dem Lied aus Facebook wieder heraus.“ Der Lahrer OB hatte seinen Beitrag mit dem Gute-Laune-Hit „Tage wie diese“ von den Toten Hosen unterlegt. Das, so Hirsch, „passt nicht zur Stimmung, die wir aus Kalusch hatten“, denn: „Es kommt wie ein Kegelausflug rüber.“ Er habe der Veröffentlichung nicht zugestimmt.
Grünen-Stadtrat: „kein Anlass für gute Stimmung“
Frank Himmelsbach, der als Grünen-Stadtrat mit in der Ukraine war, bat den OB ebenfalls um Entfernung des Beitrags, wie er unserer Redaktion schrieb. „Das Foto ist am Bahnhof in einem Moment der Erleichterung entstanden, dass wir alle gesund zurückgekommen sind. Nach den intensiven Tagen in Kalusch war das ein sehr persönlicher Augenblick“, so Himmelsbach, der klarstellt: „Der gewählte Text und die musikalische Unterlegung haben jedoch einen Eindruck entstehen lassen, der dem Ernst unserer Reise nicht gerecht wurde“. Was er vor Ort erlebt habe, sei „kein Anlass für gute Stimmung, sondern für Solidarität“.
OB erklärt sich
Was veranlasste Markus Ibert zu seiner befremdlichen Social-Media-Aktion? In einer schriftlichen Stellungnahme sprach der OB am Donnerstagnachmittag von „großer Freude und Erleichterung, als wir alle wieder wohlbehalten und gesund in unserer Heimat angekommen sind“. Dem und der Tatsache, dass hier „die fröhlichen Tage der Fastnacht bevorstehen“, habe er Ausdruck verleihen wollen. Zudem habe er mit seinem Beitrag einen online erschienenen Zeitungsbericht darüber, dass er auf der Hinreise kurzzeitig von der Delegation getrennt worden war, „ironisch kommentieren“ wollen.
„Wollte keine Gefühle verletzen“
„Ich habe den Post heute wieder gelöscht. Er war mir gründlich misslungen“, bilanzierte Ibert und betonte, dass es nie seine Absicht gewesen sei, „Gefühle zu verletzen“, weder von Menschen, die sich für die Ukrainer engagieren, noch die der Freunde in Kalusch. „Den Mitgliedern der Delegation und allen, die an meinem Post Anstoß genommen haben, gilt meine aufrichtige Entschuldigung“, erklärte der Rathauschef reumütig. Er habe niemanden vor den Kopf stoßen wollen.
Berichte aus Kalusch
Unsere Redaktion wird von der Reise in die Ukraine in einer Serie ausführlich berichten. Unter anderem wird ein Beitrag die Trauer um die Gefallenen beleuchten, ein anderer behandelt der Kampf von Veteranen zurück ins normale Leben. Auch ein Interview mit Kaluschs Bürgermeister Andrii Naida haben wir geführt.