Vor Weihnachten wird in Rottweil die Leiche einer Frau gefunden. Der Mann wird festgenommen. Der Fall lenkt den Blick auf das Thema häusliche Gewalt. Warum schweigen Frauen oft so lange? Wie kann man helfen? Wir haben bei der Beratungsstelle Frauen helfen Frauen in Rottweil nachgefragt.
Kreis Rottweil - Der Fall erschüttert Rottweil kurz vor Weihnachten: Auf einem Privatgrundstück wird die Leiche einer zuvor vermissten 57-jährigen Frau gefunden. Kurz darauf kommt der tatverdächtige Ehemann in U-Haft. Noch ist unklar, was in dem unauffälligen Haus in der Tannstraße passiert ist.
Die Tat weckt zumindest Erinnerungen an andere Fälle, in denen schon zuvor häusliche Gewalt im Spiel war. Die Zahlen im Kreis Rottweil nehmen zu. Im Interview sprechen Renate Weiler, Hanne Blust, Sarah Link und Emily Fuchs über ihre Arbeit in der Beratungsstelle Frauen helfen Frauen (FhF)+Auswege in Rottweil.
Laut Statistik der Polizei haben die Fälle häuslicher Gewalt im Kreis Rottweil deutlich zugenommen. Macht sich das auch in ihrer Arbeit bemerkbar?
Die Fallanzahl hat bei der Beratungsstelle FhF+Auswege statistisch gesehen nicht zugenommen, aber die Fälle sind komplexer geworden.
Wenn es um häusliche Gewalt geht – warum suchen Frauen erst spät Hilfe?
Es gibt dafür vielfältige Gründe. Das einmal gefasste Ziel, eine glückliche Familie oder eine Paarbeziehung aufzubauen, ist gescheitert, dies anzuerkennen fällt sehr schwer, schmerzt und löst eine tiefe Scham aus. Die Frauen sind häufig finanziell abhängig von ihrem Partner. Sie haben kein Selbstbewusstsein mehr, wenn ihnen immer wieder eingeredet wird, dass sie an allem schuld und zu nichts in der Lage sind. Häufig fehlt ein Netzwerk bestehend aus Ursprungsfamilie oder Freunden, da es manchen Männern gelingt, dieses zu zerstören. Daher fürchten die Frauen, ihr Leben nicht alleine bewältigen zu können, einsam zu sein und wahren die Fassade nach außen. Außerdem bereitet den Frauen Sorge, den gemeinsamen Kindern den Vater zu nehmen – beachten dabei aber nicht, welche traumatischen Folgen die Gewalt für die Kinder haben können.
Für wen sind Sie Ansprechpartner? Und wie viele Mitarbeiterinnen gibt es?
Die Beratungsstelle hat zwei Arbeitsschwerpunkte. Die Mitarbeiterinnen beraten Frauen und Mädchen ab 16 Jahren in Notsituationen, dies beinhaltet häusliche Gewalt in all ihren Formen von körperlicher, sexueller, finanzieller, digitaler aber besonders auch seelischer Gewalt. Neben betroffenen Personen beraten wir Bezugspersonen wie Freundinnen, Eltern oder Geschwister sowie andere Fachkräfte, damit sie die Betroffenen auf einem Lösungsweg aus der schweren Krise unterstützen können. Auch von Stalking betroffene Frauen können sich an die Beratungsstelle wenden.
Der zweite Arbeitsschwerpunkt umfasst die Beratung von betroffenen Jungen und Mädchen bei sexuellem Missbrauch sowie erwachsenen Männern und Frauen nach sexuellem Missbrauch in der Kindheit. Wir beraten insbesondere auch Bezugspersonen der Kinder oder Fachkräfte wie Schulsozialarbeiter, Erzieher und Lehrer. In beiden Arbeitsschwerpunkten findet die Beratung kostenfrei und bei Bedarf auch anonym statt.
In der Beratungsstelle sind vier Mitarbeiterinnen beschäftigt. Hanne Blust und Renate Weiler, langjährige Mitarbeiterinnen, sind sowohl in der Beratung als auch im Bereich Prävention tätig. Sarah Link und Emily Fuchs arbeiten schwerpunktmäßig im präventiven Bereich.
Wie viele Kontakte hat Ihre Beratungsstelle im Jahr? Und welches sind Ihre Schritte, um Betroffenen zu helfen?
Im Bereich Frauen helfen Frauen wurden 2022 133 Frauen in insgesamt 232 Gesprächen beraten. Mit betroffen waren aber auch 91 minderjährige Kinder. Im Bereich Auswege wurden 43 Personen in 177 Gesprächen beraten. Zu allererst wird in der Beratung das Anliegen und die Problemlage besprochen. Wichtig ist es dabei, die Gefährdungslage abzuklären und mögliche Schutzmaßnahmen zu erarbeiten. Die Beratungsanliegen im Bereich Frauen helfen Frauen sind sehr unterschiedlich und daher auch die weiteren Schritte. Es kann die Suche nach einem Frauenhausplatz beinhalten, die Unterstützung bei Anträgen nach dem Gewaltschutzgesetz wie beispielsweise einem Annäherungsverbot, die Erarbeitung eines anderen Konfliktverhaltens, die Herstellung des Kontaktes zu Behörden wie Polizei oder Jugendamt und vieles mehr.
Die Polizei spricht davon, dass es um Weihnachten herum zu einer Steigerung von Gewalttaten gerade im häuslichen Bereich kommt. Können Sie dies auch beobachten?
Nein, dies können wir auf Grund unserer Statistik nicht berichten. In den vergangenen drei Jahren waren die Beratungszahlen im November deutlich höher als im Dezember. Aber dennoch gibt es auch in der Weihnachtszeit häusliche Gewalt, die in der Beratungsstelle aber zu einem späteren Zeitpunkt auftaucht, da wie bereits dargelegt die persönlichen Hemmschwellen hoch sind, dass Frauen keine oder erst spät Hilfe suchen.
In den vergangenen beiden Jahren waren im Februar die Beratungszahlen sehr hoch. Frauen erkannten, dass die guten Vorsätze für das neue Jahr nicht eingehalten wurden. Unsererseits möchten wir betonen, dass es einen höheren Beratungsbedarf gibt, als angefragt wird.
Auch im Kreis Rottweil zeigen Fälle, dass es irgendwann sogar zum Schlimmsten kommen kann. Wie können Angehörige oder Freunde helfen, die befürchten, dass es häusliche Gewalt gibt.
Sprechen Sie die Frauen an, wenn Sie sie alleine treffen. Ermutigen Sie sie, sich im geschützten Rahmen zu öffnen und bieten sie Hilfe an durch Zuhören. Machen Sie das Angebot, zu einer Beratungsstelle zu begleiten und auch im Anschluss für sie da zu sein. Vereinbaren Sie auch ein Codewort, dass die Freundin beispielsweise bei einem Telefonat sagen kann, wenn sie Hilfe benötigt. Bewahren Sie wichtige Papiere der Freundin bei sich auf, die im Falle einer Trennung von Bedeutung sind.
Nachbarn können, wenn ihnen nebenan etwas komisch vorkommt, klingeln und nach etwas Harmloses wie Eier oder Ladekabel fragen. Dadurch wird eine Konfliktsituation unterbrochen. Nicht in den Streit einmischen, die eigene Sicherheit geht vor. Wenn es nebenan richtig zur Sache geht, zügig die Polizei unter 110 anrufen.
Gibt es besondere Anzeichen/alarmierende Verhaltensmuster? Oder spielt sich das meist doch im völlig Verborgenen ab?
Warnzeichen sind oft nicht oder nur spät erkennbar. Ein alarmierendes Zeichen sind Verletzungen, die auf seltsame Art und Weise erklärt werden. Häusliche Gewalt findet in allen Schichten statt. Sowohl Betroffene als auch Täter sind geschickt im Bagatellisieren und Verbergen.
Was raten Sie Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden, sich aber nicht trauen, sich Hilfe zu suchen?
Wir raten allen, Mut zusammen zu fassen und anonym bei einer örtlichen Beratungsstelle oder dem Hilfetelefon anzurufen und die eigene Situation zu schildern und sich mögliche Lösungswege anzuhören. Eine Trennung ist oft ein längerer Entscheidungsprozess, aber sie beginnt mit dem ersten Schritt. Den wir sehr gerne begleiten. Das Gespräch führte Corinne Otto.
INFO
Die Beratungsstelle Frauen helfen Frauen + Auswege, Hohlengrabengasse 7 in Rottweil, ist unter Telefon 0741/4 13 14 zu erreichen, Sprechzeiten sind Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr, Donnerstag von 14 bis 17 Uhr, oder nach Vereinbarung.