Trübe Aussichten? Wolken hängen über der Gäubahn-Trasse beim Eutinger Neuen Bahnhof. Foto: Spotts

Es war ein symbolischer Spatenstich am vergangenen Freitag: Mit dem zweigleisigen Ausbau Neckarhausen soll es nun endlich losgehen. Doch die Initiative "Pro Gäubahn" ist da noch sehr skeptisch, wie der Sprecher der Gruppierung erklärt.

Horb - Der symbolische Spatenstich heiße nicht, dass dann die Bagger anrollen, schrieb "Pro Gäubahn" unter einem Facebook-Post von Schwarzwälder Bote Horb. "Die Bauarbeiten zwischen Horb und Neckarhausen sind für die Zeit ab Sommer 2022 vorgesehen. Aber auch hier bleiben wir skeptisch. Baustarts wurden schon so oft angekündigt und am Ende nie umgesetzt."

 

Geschrieben hat den Beitrag Andreas Frankenhauser. Seit vielen Jahren setzt er sich mit anderen Mitstreitern für die Gäubahn ein und bedauert ihren "Niedergang". Wir haben ihn gefragt, warum ihn der symbolische Spatenstich nicht optimistisch stimmt und was die Gäubahn seiner Meinung nach benötigt.

Herr Frankenhauser, es gab am vergangenen Freitag viele freudestrahlende Gesichter. Endlich kann es mit dem Ausbau Neckarhausen losgehen. Warum sind Sie denn so kritisch?

Ich habe ein kleines Archiv, da finden sich alle paar Jahre wieder Absichtserklärungen und Durchbrüche beim Gäubahnausbau. Meistens gab es die in Wahlkampfzeiten. Nach zwei oder drei Jahren interessierte sich dafür keiner mehr und es erinnerte sich auch niemand mehr daran, dass es schon mal verkündet worden ist. Das ist ein Muster. Was wirklich neu ist: Dass sie sich hinstellen und einen Spatenstich machen.

Macht das nicht Hoffnung?

Ich habe da Zweifel. Ich kann das nicht mehr ernst nehmen. Erst einmal muss ich vorausschicken: Die Gäubahn hat einen Niedergang sondersgleichen hinter sich.

Wie stellt sich dieser Niedergang dar?

Bis 2010 war die Verbindung Stuttgart-Zürich 17 Minuten schneller. Heute sind es zwei Stunden und 59 Minuten. Es gab schrittweise Fahrzeitverlängerungen. Der Italienverkehr wurde eingestellt. Die Zugtechnik passte nicht. Und vieles mehr.

Mit Stuttgart 21 sollte doch alles besser werden...

Was tatsächlich passiert ist, sind völlig unzuverlässige Züge. Das wird viel zu wenig thematisiert. Der Niedergang ist nicht abgeschlossen. Man muss doch ehrlich sagen, dass mit Stuttgart 21 die Achse Ulm-Mannheim gestärkt werden sollte. Die Gäubahn war schon immer ein ungeliebtes Kind der Bahn, weil sie nicht ins Konzept passt. Wir sind noch nicht am Ende der Fahnenstange. Die nächste Stufe wäre die Sperrung zwischen Stuttgart-Vaihingen und Stuttgart-Hauptbahnhof.

In einem Bericht unserer Zeitung über die Fahrplanänderungen des Intercity hat eine Bahnsprecherin den Haltepunkt Vaihingen als große Errungenschaft für Pendler bezeichnet...

Dass das alles so super wäre, ist nicht ernst zu nehmen. Für vielleicht zehn Prozent – was nicht wenige Fahrgäste sind – ist der Haltepunkt Vaihingen tatsächlich ein großes Plus. Die anderen 90 Prozent schauen dagegen in die Röhre. Die sind auf den Halt am Stuttgarter Hauptbahnhof angewiesen.

Mit dem geplanten Gäubahntunnel soll doch der Anschluss der Gäubahn von Böblingen an den Flughafen und damit auch an den Hauptbahnhof gewährleistet werden...

Nachdem die alte S21-Planung, – die vorsah, die Gäubahn-Züge über eine viel befahrene S-Bahn-Strecke zu führen – gescheitert ist, kam Staatssekretär Bilger auf eine glorreiche Idee, die aber die Gäubahn vollkommen kaputt machen würde. Der völlig überteuerte, elf Kilometer lange "Bilger-Tunnel" würde erst 2050 fertig werden. 2025 soll aber schon die Gäubahn-Strecke in Vaihingen enden. Ein Vierteljahrhundert wären also fast alle Pendler und Fahrgäste vollkommen abgehängt. Für Horb wäre das beispielsweise ein Desaster. Der dortige Bahnknotenpunkt würde völlig entwertet. Das ist unglaublich, dass das überhaupt nicht diskutiert wird. Der Aufschrei müsste viel größer sein.

Wie sieht denn Ihre Lösung des Problems aus?

Solange Stuttgart 21 keine Lösung für den Anschluss der Gäubahn vorsieht, muss die Gäubahn über die Bestandsstrecke weiter in den Kopfbahnhof führen. Die Trasse darf nicht jahrelang unterbrochen werden.

Die Stadt Stuttgart hat aber andere Pläne für die Fläche des Kopfbahnhofs...

Der Witz ist: Dort, wo der Kopfbahnhof ist, soll ein riesiges Parkhaus hin. Das steht völlig konträr zur dringend notwendigen Verkehrswende. Hier wird dann stattdessen das Autofahren gefördert. Und wenn die Gäubahn-Pläne wirklich so weitergehen, werden die Pendler auch überwiegend aufs Auto umsteigen. Was hier stattfindet, ist eine Verkehrswende in die falsche Richtung.

Sind Sie also von den Grünen und der grün-schwarzen Landesregierung enttäuscht?

Das Engagement der Landesregierung ist aus meiner Sicht konstruktiv. Auch Landesverkehrsminister Winfried Hermann versucht, konstruktive Lösungen zu finden. Die Stadt Stuttgart mit dem grünen Baubürgermeister Peter Pätzold ist dagegen völlig destruktiv.

Welche Hoffnung setzen sie in die neue Bundesregierung mit möglicher grüner Beteiligung?

Ich hoffe, dass der geplante Bilger-Tunnel umgehend beerdigt wird.

Haben die Anrainer-Bürgermeister bisher zu wenig getan, um die für sie wichtige Bahnstrecke zu schützen?

Bei Stuttgart 21 haben sich viele von ihnen vor dem Karren spannen lassen. Danach haben sie versucht, in Resolutionen den Niedergang der Gäubahn aufzuhalten. Es ist nicht so, dass sie nicht versuchen, die Lage zu verbessern. Es kommt aber immer noch deutlich zu wenig.

Noch einmal zum Ausgangspunkt: Ist der Gäubahn-Ausbau Neckarhausen also kein Gewinn?

Ich möchte nicht, dass man das falsch versteht: Natürlich ist der Ausbau Neckarhausen total sinnvoll. Es entfällt ja zum Beispiel das Warten auf den Gegenzug. Doch was bringt dieser Ausbau, wenn man dann nicht mehr ins Stuttgarter Zentrum kommt? Welchen Sinn macht es, wenn man ein paar Minuten Zeit gewinnt, und dann nach Stuttgart viel länger benötigt? Die Gäubahn kann nur gerettet werden, wenn es auch einen vernünftigen Anschluss nach Stuttgart gibt.