Durch Anonymität kommt es zu vielen Hasskommentaren in den sozialen Medien. Foto: Marcus Brandt/dpa

Nach einem Unfall nahe Nagold, bei dem fünf junge Frauen schwer verletzt wurden, gehen die Reaktionen im Netz stark auseinander. Eine Notfallseelsorgerin kritisiert Hasskommentare.

Am frühen Ostersonntag kam es auf einer Bundesstraße bei Nagold zu einem folgenschweren Unfall: Ein Auto mit fünf jungen Frauen kam in einer Kurve von der Fahrbahn ab, überschlug sich mehrfach und blieb auf dem Dach liegen. Alle Beteiligten wurden dabei schwer verletzt. Laut Polizei spielte Alkohol eine Rolle und die Fahrerin war offenbar zu schnell unterwegs.

 

Doch während Rettungskräfte die Betroffenen aus dem Auto retteten und um deren Leben kämpften, wurde in den sozialen Netzwerken teils heftig diskutiert: Unter Berichten über das Unglück sammelten sich binnen kurzer Zeit zahlreiche Kommentare – darunter auch viel Häme, Schuldzuweisungen und offene Beleidigungen.

Kirsten Kastner von der Notfallseelsorge im Kreis Calw erklärt: „Wir begleiten regelmäßig Angehörige, Betroffene, Ersthelfende sowie Einsatzkräfte nach schwersten Unfällen und Krisensituationen. Wenn wir dann im Nachhinein in sozialen Medien respektlose oder gehässige Kommentare zu solchen Ereignissen lesen, löst das in uns vor allem Betroffenheit und absolute Fassungslosigkeit aus.“

Sie ergänzt: „Wir wissen, welches Leid hinter solchen Einsätzen steht, wie groß die Verzweiflung der Angehörigen ist und wie belastend solche Einsätze für alle Beteiligten, insbesondere auch für Einsatzkräfte, sein können.“

Oft vorschnelle Urteile

Gerade bei Unfällen, die vermeintlich „selbstverschuldet“ waren, wie es der bei Nagold durch Alkoholeinfluss wohl einer war, kippt die Stimmung in sozialen Medien laut Kastner häufig schnell. Nutzer urteilen dann vorschnell, sprechen den Opfern ihr Mitgefühl ab oder relativieren ihr Leid.

Für Angehörige und Freunde der Opfer seien solche Reaktionen oft ein zusätzlicher Schock. Neben Sorge und Trauer komme die Konfrontation mit öffentlicher Abwertung hinzu – sichtbar für alle, jederzeit abrufbar. „Hasskommentare in solchen Kontexten wirken oft wie eine zusätzliche Verletzung und sind für die Betroffenen unerträglich und zusätzlich oft schwer belastend,“ so Kastner.

Anonymität senkt Hemmschwelle

Hinter den anonymen Profilen sinkt die Hemmschwelle für solche Kommentare in den letzten Jahren immer weiter, sieht auch Kastner: „Die Schnelligkeit und oft auch Anonymität sozialer Medien begünstigen impulsive Reaktionen, ohne dass Konsequenzen wirklich bedacht werden.“

Weiter erläutert Kastner, dass die Kommentare nicht nur den Beitrag im Netz treffen würde, sondern reale Menschen, wie Angehörige oder Betroffene. Auch Einsatzkräfte seien trotz einer ohnehin hohen psychischen Belastung, dann zusätzlich mit Abwertung oder Respektlosigkeit konfrontiert.

Die großen Plattformen, wie TikTok oder Instagram, stehen seit Jahren in der Kritik. Zwar gibt es Meldefunktionen und Moderation, doch die große Masse an Beiträgen mache eine konsequente Kontrolle der Kommentare schwierig.

Auch Medien, die diese Inhalte teilen, geraten in eine Zwickmühle: Sie berichten schnell und transparent über Unglücke – oft unter hohem öffentlichem Interesse, aber öffnen damit gleichzeitig Räume für unmoderierte Reaktionen, erklärt die Notfallseelsorgerin. Einige Redaktionen reagieren bereits und schließen deshalb gezielt Kommentarspalten bei sensiblen Themen.

Auch viel Positives

Dennoch müsse auch erwähnt werden, dass man nicht alle Kommentare über einen Kamm scheren kann. Denn unter Beiträgen zu solchen Ereignissen werde auch viel Mitgefühl und Anteilnahme mit den Betroffenen und Angehörigen geteilt.

In Bezug auf die Hasskommentare appelliert die Notfallseelsorgerin: „Wir würden uns einen respektvollen und achtsamen Umgang mit Betroffenen im Netz wünschen. Hinter jeder Meldung über einen schweren Unfall oder ein schwerwiegendes Ereignis stehen Menschen und Schicksale. Sich das bewusst machen, kann helfen, innezuhalten und vorschnelle Urteile zu vermeiden.“