Das Freudenstädter Krankenhaus hat einen Pfleger der psychiatrischen Abteilung rausgeworfen – zu unrecht wie das Landesarbeitsgericht entschied. Foto: Beyer

Wegen Misshandlungsvorwürfen hat das Freudenstädter Krankenhaus einen Pfleger der Psychiatrie entlassen. Doch die Vorwürfe waren laut einem Gerichtsurteil unglaubwürdig.

Freudenstadt - Der Vorwurf wog schwer: Ein Pfleger der psychiatrischen Abteilung des Freudenstädter Krankenhauses soll einen Patienten misshandelt haben. Das Krankenhaus handelte umgehend, stellte den Pfleger erst vom Dienst frei und entließ ihn dann fristlos.

 

Vermutlich um einen Skandal zu vermeiden, reagierte das Krankenhaus schnell – möglicherweise zu schnell, wie sich nun herausstellt. Denn der Pfleger ist nach derzeitigem Stand der Erkenntnisse unschuldig. Und das Krankenhaus hat nun doch Ärger am Hals.

Schreckensnachricht im Briefkasten

Unsere Redaktion hat mit dem Krankenpfleger, der lieber anonym bleiben möchte, über seine Erlebnisse gesprochen. Der Alptraum begann für ihn am 26. Juli 2021, als der Pfleger in seinem Briefkasten eine Freistellung bis auf weiteres fand. Drei Tage später folgte die fristlose Kündigung.

Warum er fristlos gekündigt wurde, habe nicht in den Briefen gestanden, berichtet der Pfleger. "Ich habe sofort im Krankenhaus Freudenstadt angerufen, ich wollte den Grund wissen." Doch vergeblich: "Niemand wollte mir den Grund nennen." Nur der Betriebsratsvorsitzende informierte ihn, dass es um eine Fixierung vom 16. Juli gehe.

Nur ein einziger Belastungszeuge

Der Pfleger nahm sich einen Anwalt und verklagte das Krankenhaus. Erst während des Prozesses am Arbeitsgericht in Pforzheim habe er dann erfahren, was ihm konkret vorgeworfen wurde. Nach einer heiklen Einweisung eines gewalttätigen Patienten soll der Pfleger sich auf den bereits fixierten Patienten gekniet, ihn beschimpft und ihm einen Daumen ins Auge gedrückt haben.

Während des Prozesses und auch im Gespräch mit unserer Redaktion weist der Pfleger die Vorwürfe entschieden von sich. "Als ich davon gehört habe, war ich total entsetzt." Bezeugt wurde die angebliche Tat nur von einem jungen Krankenpfleger, der bei der Fixierung anwesend war.

Staatsanwaltschaft sieht keinen Grund für Ermittlungen

Den entlastenden Aussagen zweier ebenfalls anwesender Polizisten habe das Gericht keinen Glauben geschenkt, berichtet der Pfleger. Eine Ärztin, die bei dem angeblichen Vorfall auch noch im Raum war, sei vor Gericht gar nicht gehört worden. Der Richter entschied daher am 8. März 2022 im Sinne des Krankenhauses. Laut seiner Anwältin sei das ein "Skandalurteil" gewesen, erzählt der Pfleger.

Tatsächlich bewertete die Staatsanwaltschaft Rottweil den Fall gänzlich anders als das Arbeitsgericht Pforzheim. Im Juni 2022 stellte sie das strafrechtliche Ermittlungsverfahren ein. Denn die zuständige Dezernentin kam nach Sichtung der Akten zu dem Schluss, "dass keine zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte dafür vorlagen, dass eine Straftat begangen wurde", wie die Staatsanwaltschaft auf Anfrage unserer Redaktion berichtet.

Wie ein Rüffel für das Krankenhaus

Daher verwundert es auch nicht, dass der Pfleger nicht locker ließ und in Berufung ging. Im zweiten Prozess vor dem Landesarbeitsgericht in Stuttgart wurde dann auch die damals anwesende Ärztin vernommen, die den Pfleger entlastete. Auch den entlastenden Aussagen der beiden Polizisten glaubte das Gericht diesmal. Der Richter entschied am 9. November 2022 somit im Sinne des Klägers. Das Freudenstädter Krankenhaus muss den Pfleger wieder einstellen.

Die Urteilsbegründung liegt unserer Redaktion vor und liest sich in Teilen wie ein Rüffel für das Krankenhaus. So sei die "Sachverhaltsaufklärung der Beklagten" – gemeint ist das Krankenhaus – "vor Ausspruch der Kündigung gegenüber dem Kläger aus Sicht der Kammer äußerst unvollständig erfolgt".

Richter wundert sich über das Vorgehen der Klinik

Unter anderem hätte das Krankenhaus vor der Kündigung den Pfleger befragen müssen. Auch wird im Urteil kritisiert, dass die bei dem Vorfall anwesende Ärztin nur kurz telefonisch befragt wurde. Dass sie nicht ebenso ausführlich vernommen wurde wie der Belastungszeuge, "erschließt sich der Kammer schon gar nicht", heißt es in der Urteilsbegründung.

Trotz dieses eindeutigen Urteils scheint sich das Krankenhaus noch immer damit schwer zu tun, das Verhältnis zu seinem Mitarbeiter wieder zu normalisieren. Denn laut dem Krankenpfleger hat ihm das Krankenhaus nach dem Prozess nur eine Stelle im Tagdienst angeboten. Seinen deutlich besser bezahlten Nachtdienstvertrag habe er nicht wiederbekommen. "Die zwingen mich in einen weiteren Prozess", ärgert sich der Pfleger.

KLF schweigt zu dem Fall

Zu all diesen Vorwürfen will die Klinik auf mehrmalige Anfrage unserer Redaktion keine Stellung nehmen. Der Grund: "Es handelt sich um eine Personalangelegenheit", so das Krankenhaus in einer E-Mail.

Juristische Folgen könnte die Affäre nun auch für eben jenen Krankenpfleger haben, der seinen Kollegen mutmaßlich fälschlicherweise beschuldigt hat. Laut Auskunft der Staatsanwaltschaft Pforzheim läuft gegen den Mann ein Verfahren "wegen falscher uneidlicher Aussage". Ob Anklage erhoben wird, ist aber noch offen.