Die Regenbogenflagge wird beim CSD in Balingen nicht am Rathaus gehisst. Foto: Christophe Gateau/dpa

Über das Hissen oder Nicht-Hissen der Regenbogenflagge wurde lange diskutiert. Dazu haben unsere Redakteure Jessica Müller und Cornelius Eyckeler verschiedene Meinungen.

Der Christopher Street Day im Zollernalbkreis findet dieses Jahr in Balingen statt. In einem Antrag von SPD und Grünen wurde daher beantragt, an diesem Tag eine Regenbogenflagge am dortigen Rathaus zu hissen, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Dies lehnten die Gemeinderäte mehrheitlich ab und auch Oberbürgermeister Abel begrüßte dieses Ergebnis. Was unsere Redakteure dazu sagen.

 

Wer A sagt, muss auch B sagen

Für mehr als ein Lippenbekenntnis reicht es im Rathaus allerdings nicht.

Jessica Müller Foto: Müller

Gerade dann, wenn die Werte, die in unserem Grundgesetz verankert sind, unter Beschuss stehen, ist es wichtig Flagge zu zeigen – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung“ und „Geschlechtsbezogene Diversität“ hat sich laut BMI und BKA seit 2010 nahezu verzehnfacht. Unter anderem darauf soll beim CSD aufmerksam gemacht werden. Und deshalb wird an diesem einen Tag auch eine bestimmte Gruppe hervorgehoben. An anderen Tagen, werden schließlich auch andere Gruppen hervorgehoben, beispielsweise am Weltkindertag oder am Frauentag. Statt hier ein kleines Zeichen der Solidarität zu setzen, entscheidet man sich in Balingen aber stattdessen dazu, mit einer ausufernden Grundsatzdiskussion Verwirrung und Verunsicherung zu stiften. Man finde die Sache zwar richtig, will aber nicht tatsächlich in irgendeinerweise dafür einstehen, weil man „Neutralität“ wahren will. Dabei geht es doch hier um einen Wert, der in unserem Grundgesetz verankert ist und gerade deshalb insbesondere von Staatsseite geschützt und unterstützt werden sollte. Denn genau das ist die Aufgabe des Staats.

Ein Lob für die Debatte

Der Gemeinderat stellt seine demokratische Vorbildfunktion unter Beweis.

Cornelius Eyckeler Foto: Eyckeler

OB Dirk Abel machte noch vor der Sitzung deutlich, dass der Gemeinderat Vorbild für demokratisches Handeln sein muss. Dieser Erwartung wurde das Gremium trotz eines emotionalen Themas gerecht. Das ist wichtig und macht Hoffnung.

Es wurde die erwartet lange und emotionale Diskussion. Allerdings verlief sie zu jeder Zeit fair und sachlich. Vorbildlich: Argumente wurden ausgetauscht, angehört und diskutiert – auf Augenhöhe.

Die Argumente, die die Verwaltung ins Feld führt, müssen nicht jedem gefallen, womöglich können sie in Teilen auch entkräftet werden. OB Abel machte auch klar, dass er sich der Mehrheit des Gremiums beugen wird, obwohl er das gar nicht müsste. Ein starkes demokratisches Zeichen.

Aller Ehren wert: die Reaktion der Befürworter des Hissens. Die Enttäuschung war einigen Räten und Teilen des Publikums anzumerken. Das ist auch in Ordnung. Dass die Enttäuschung aber nicht in Buh-Rufe oder Feindseligkeiten mündete, zeugt von demokratischer Größe.

Das Gremium hat bewiesen, dass es neben einfachen Themen auch aufgeladene und komplexe Inhalte meistert.

CSD, Queer, LGBTQIA+ und Regenbogenfahne – Was hat es damit auf sich?

Ein CSD
(Christopher Street Day) ist eine Demonstration und Feier für die Rechte von LGBTQIA++-Menschen, benannt nach der New Yorker Christopher Street, wo 1969 der Stonewall-Aufstand stattfand. Er findet in vielen Städten jährlich im Sommer statt und kombiniert politische Forderungen meist mit bunten Paraden und kulturellen Veranstaltungen.

Queer
ist ein Sammelbegriff für Menschen, deren sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht, also zum Beispiel nicht heterosexuell oder cis-geschlechtlich sind.

LGBTQIA+
ist eine Abkürzung für Lesbisch, Schwul (Gay), Bisexuell, Trans, Queer, Intergeschlechtlich und Asexuell, wobei das Plus (+) weitere Identitäten und Orientierungen einschließt, die nicht explizit genannt sind. Der Begriff steht für eine vielfältige Gemeinschaft von Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten.

Die
Regenbogenfahne
entstand 1978 in San Francisco, als Harvey Milk, der erste geoutete schwule Mann, der in den USA ein öffentliches Amt bekleidete, Gilbert Baker damit beauftragte, der queeren Community ein positives Symbol zu designen. Davor wurde oft das pinke Dreieck als Symbol benutzt, mit dem Nazis in Konzentrationslagern schwule beziehungsweise queere Männer kennzeichneten. Die erste Regenbogenfahne hatte noch zwei weitere Farben: Pink und Türkis, Pink konnte jedoch nicht als Massenware auf Fahnen gedruckt werden und als die Fahne immer bekannter wurde, wurde Türkis gestrichen, damit sie eine gerade Zahl an Streifen hatte.