Sie sind wichtige Helfer für Vereine, schlagen aber manchmal über die Stränge: Lahrer Jugendcoaches berichten, dass Väter und Mütter im Training zur Last werden können – trotz klarer Regeln.
Der vielleicht prominteste Jugendtrainer Deutschlands, Lothar Matthäus, hat hingeworfen – und damit für große Schlagzeilen gesorgt. Zu lästig, aufwendig und frustrierend sei der Umgang mit den Eltern der Kinder. Väter und Mütter mischten sich immer mehr ein, ließen den Trainern keine Ruhe, obwohl diese ihre Freizeit für die Kinder opfern. Doch welche Erfahrungen machen Jugendtrainer aus der Region? Unsere Redaktion hat sich in Lahrer Sportvereinen umgehört und festgestellt: Der Trend beschränkt sich nicht nur auf Fußball.
Marco Sinner, seit 2006 Trainer beim Lahrer Schwimmsportverein, hat eine Woche Trainingslager im Terrassenbad hinter sich. Die Matthäus-Schlagzeilen hat er mitbekommen und auch er erkenne einen Trend: „Früher haben die Eltern ihre Kinder zum Trainingslager gefahren, in die Obhut der Trainer gegeben und am Ende wieder abgeholt“. Heute wollten viele Eltern eng dabei sein, Sinner erzählt von einem „gläsernen Training“. Dass die Eltern immer mehr in den Trainingsbetrieb eingreifen, sei eine Umstellung, die bei den Coaches „durchaus negativ konnotiert ist“, formuliert Sinner es vorsichtig. Die Arbeit mit den Eltern gehöre inzwischen zum Trainerjob dazu.
Auf der anderen Seite seien die Eltern im Schwimmverein sehr engagiert. Viele seien im Vorstand tätig, helfen als Betreuer, beim Auf- und Abbau bei Wettkämpfen oder übernehmen Verwaltungsarbeit. „Das ist ziemlich ziemlich zeitintensiv, wir sind da sehr gut aufgestellt“, lobt Sinner die Eltern der SSV-Kinder. Um die Mütter und Väter über die Vereinsaktivitäten am Laufenden zu halten, sei einiges an Arbeit notwendig. So setzte der SSV bereits in der Vergangenheit auf Elternabende einmal im Jahr. Aber auch schriftliche Informationen seien wichtig.
Coaches werden mitunter schroff angegangen
Und wie sieht es nun beim Fußball aus? „Wir haben rund 400 Jugendspieler im Verein. Es kommt natürlich immer mal zu Unzufriedenheiten“, sagt Stefan Wölfle, Jugendleiter beim SC Lahr, dem größten Fußballclub der Stadt. Er berichtet von Eltern, die hin und wieder „die Spielregeln verletzen“. Die ehrenamtlichen Jugendtrainer würden teilweise „schroff angegangen“, manche Eltern nervten und belasteten sie bei ihrer Arbeit. „Doch das sind Einzelfälle“, betont Wölfle ausdrücklich. „Die große Mehrheit respektiert die Arbeit der ehrenamtlichen Trainer“. Auch bei Lothar Matthäus hätten diese Einzelfälle wohl den Ausschlag gegeben, glaubt Wölfle.
Beim SC Lahr gibt es Spielregeln für die Eltern
Der Jugendleiter erklärt, dass der SC Lahr für die Eltern gewisse Spielregeln festgesetzt habe. Beispielsweise dürfen sie beim Training in der Halle diese nicht betreten und müssen beim Training draußen immer hinter der Absperrung bleiben. um den Trainingsbetrieb nicht zu stören. Wölfle hebt allerdings auch hervor, dass es schon immer Teil des Traineramts war, sich mit den Eltern auseinanderzusetzen. „Der Trainer hat die sportliche Verantwortung. Bei der Entscheidung, welches Kind spielt, muss er viele Faktoren berücksichtigen“, gibt der Jugendleiter einen Einblick. Wenn die Entscheidung steht, müsse der Trainer diese allerdings auch argumentieren können.
Wölfle schätzt, dass die Digitalisierung und die geringere Hemmschwelle, wie die Eltern die Trainer ansprechen können, dazu beigetragen hat, dass Beschwerden – die manchmal eine Grenze überschreiten – zugenommen haben. Viel geschehe auch „hinten herum“, so Wölfle. Insgesamt jedoch seien die Eltern der Nachwuchskicker sehr engagiert. „Sie sind sehr hilfsbereit. Sie backen Kuchen, sind als Fahrer bei den Spielen dabei oder helfen bei Veranstaltungen“, hebt der Jugendleiter lobend hervor.
Dass das Trainerdasein nicht leicht ist, beweist eine Mitteilung des TuS Reichenbach: Der Verein mit mehr als 600 Mitglieder sucht händeringend neue ehrenamtlicher Übungsleiter. Vor allem bei den Nachwuchsturnern herrsche ein Mangel.
Das sagen Experten
Nach den Äußerungen von Lothar Matthäus haben auch andere Prominente aus der Fußballwelt Stellung genommen: „Die Eltern sollen möglichst die Klappe halten und die Trainer machen lassen“, sagt etwa Trainerlegende Hermann Gerland. Weltmeister Mario Götze formuliert es deutlich vorsichtiger: Die Eltern sollten bestmöglich auf ihr Kind eingehen, „aber nicht ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen in den Vordergrund stellen“.