In Calw fiel ein Steinblock auf die Gleise der Kulturbahn. Was in einer Katastrophe hätte enden können, ging glimpflich aus. Doch wie stabil sind die steilen Hänge des Nagoldtals?
Die Hesse-Stadt ist am frühen Montagmorgen wohl nur knapp einer Katastrophe entgangen: Ein Zug der Kulturbahn war in Calw mit einem tonnenschweren Sechs-Kubikmeter-Felsblock zusammengestoßen, der von der Buntsandsteinwand auf die Gleise gefallen war. Der Aufprall ließ den Felsen auseinanderbersten und schleuderte ihn in Teilen davon.
Die steilen Hänge des Nagoldtals sind geprägt von diesen Felswänden, nicht nur entlang der Bahnlinie, sondern auch entlang der Bundesstraße 463. Wie groß ist die Gefahr, die von ihnen ausgeht?
Felssturz noch einmal glimpflich ausgegangen
Das versucht derzeit auch die Bahn herauszufinden. Am Montag war der Felssturz noch einmal glimpflich ausgegangen: Nach einer Notbremsung kam der Zug zum Stehen. Zwar wurde er beschädigt, aber die fünf Fahrgäste und der Lokführer blieben unverletzt.
Wäre der Zug durch die Kollision entgleist oder gar in voller Fahrt, bei Tempo 100, von dem tonnenschweren Felsblock getroffen worden, hätte das gravierende Folgen haben können. Etwa der Sturz des Wagens von der Brücke direkt auf die Bundesstraße oder in die Nagold.
Solange Untersuchungen laufen, fährt kein Zug
Streckenbetreiber ist die DB InfraGO. Die Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn lässt derzeit untersuchen, wie stabil die Buntsandsteinwand oberhalb der Unglücksstelle ist, und ob es dort möglicherweise weitere lockere Blöcke gibt.
Bis dies geklärt ist, bleibt die Strecke gesperrt. Nach Schätzung der Bahn ist dies bis mindestens Donnerstag der Fall.
Im Fall der Bahnlinie ist die Streckenbetreiberin für die Verkehrssicherheit entlang der Trasse zuständig. Je nach Straße sind es der Bund, der Kreis oder die Kommune, erklärt Mara Müssle, Pressesprecherin im Calwer Landratsamt.
Durch regelmäßige geologische Kontrollen der Felswände lasse sich das Risiko eines Felssturzes zumindest reduzieren, nicht aber komplett verhindern.
Darüber hinaus erläutert Müssle, in Rücksprache mit den Abteilungen Umwelt- und Arbeitsschutz sowie Straßenbau und -verkehr in der Kreisverwaltung, hilft es, lockere Blöcke vorbeugend zu entfernen. „Steinschlagschutznetze, Fangzäune, Schutzwälle“ und die Hangentwässerung zur Verringerung von Wasserdruck zählt sie ebenfalls als Schutzmaßnahmen auf.
Dass die Gefahr eines Felssturzes im Nagoldtal berechtigt ist, zeigt ein Blick auf die ingenieurgeologische Gefahrenkarte des Landesamts für Geologie, Rohstoffe und Bergbau.
Praktisch das ganze Nagoldtal von Unterreichenbach bis hinter Wildberg ist dicht an dicht mit Markierungen übersät, die „potenzielle Ausbruchgebiete für Steinschlag bis Felssturz“ anzeigen.
Je steiler der Hang, desto größer die Gefahr
Die Experten sprechen von Steinschlag, wenn das abgestürzte Material ein Volumen von weniger als einem Viertel Kubikmeter hat. Bis zu zehn Kubikmeter ist im Fachjargon von einem Blockschlag die Rede. Ab einer Gesteinsmasse von mehr als zehn Kubikmetern ist von einem Felssturz die Rede.
In welchem Umfang sich der Calwer Felssturz bewegt – oder ob es sich aus Expertensicht noch um einen Blockschlag handelt –, ist schwer zu sagen. Der Steinblock wurde bei der Kollision mit Gleisen und Zug zertrümmert.
Die Frage, wie groß die Gefahr ist, dass Felsen im Nagoldtal herabstürzen, lässt sich laut Landratsamt nicht pauschal beantworten. Allerdings sei die Gefahr „höher an steilen, stark zerklüfteten Hängen, bei freiliegenden Felswänden, unter Überhängen“.
Bei der Risikoabschätzung spiele nicht nur die Zusammensetzung des Gesteins eine Rolle. „Wichtig sind zum Beispiel auch Hangneigung, Verwitterungsgrad und das Trennflächengefüge.“
Darüber hinaus begünstigen „Frost-Tau-Wechsel, starker oder langanhaltender Regen, Verwitterung und Erosion, Wurzeldruck von Bäumen“ sowie Erschütterungen die Abbrüche, erklärt Mara Müssle.