Der Arbeitskreis Tschernobylkinder Weil am Rhein gibt seine Tätigkeit auf. Viele Jahre lang wurde er von Annette Bürk geleitet.
Die Gründerin erinnert sich, was sie damals zu ihrem Tun motivierte: Die Explosion im Atomkraftwerk Tschernobyl 1986 und die Folgen dieses größten anzunehmenden Unfalls hatte Bürk, selbst Mutter dreier Kinder, damals stark beschäftigt.
Von einer Frau vom Kaiserstuhl habe sie dann erfahren, dass diese Kinder aus Belarus, die von dem Atomunfall betroffen waren, für einen Ferienaufenthalt nach Südbaden geholt werden. „Es kommen noch mehr“, sagte die Engagierte und schlug vor, Annette Bürk könne sich in Weil am Rhein um deren Aufnahme kümmern.
Um den Kindern eine gute Zeit zu ermöglichen
„Da bin ich auf die Suche gegangen. So kam das ins Rollen“, blickt Bürk auf die Gründung des Arbeitskreises im Jahr 2024 zurück. Über die Friedensgemeinde in Weil am Rhein wurde eine Unterkunft für zehn Kinder im Gemeindehaus ausfindig gemacht. Annette Bürk und ihr Team von Helferinnen sorgten für Betten und Essen. 1995 kam die erste Gruppe Kinder nach Weil.
Erst kochten die Weiler Frauen vom Arbeitskreis selbst, nach einigen Jahren übernahmen die Verpflegung verschiedene Wirte aus Weil und Umgebung unter Federführung von Sabine Hierholzer vom „Loewen“ in Eimeldingen, noch dazu unentgeltlich. Um das Geld für die Anreise und vieles mehr zu erwirtschaften, bastelten, werkelten und buken die Frauen.
Optiker und Zahnärzte aus Weil leisteten den Kindern unentgeltlich Hilfe. Zusammen mit Ruth Lutomski und Angelika Schilling, die sich ebenfalls viele Jahre tatkräftig einbrachten, lässt Bürk an einem sonnigen Vormittag im Juli diese intensive Zeit anhand von Fotografien Revue passieren. Denn von jedem Besuch wurde damals ein Fotoalbum angefertigt.
14 Jahre lang leitete Bürk den Arbeitskreis Tschernobylkinder, der stets eine Privatinitiative blieb. Danach übernahm Christiane Assmann und in den letzten Jahren seit 2015 Harald Werner die Leitung des Teams von Ehrenamtlichen.
2026 kommen die Kinder zum letzten Mal
Werner obliegt es nun, das Ende des Arbeitskreises zu verkünden. Dieses Jahr reichten die finanziellen Mittel nicht mehr aus, um den Kindern aus der belarussischen Region Homel die Anreise und Unterkunft zu finanzieren. Mit dem, was an finanziellen Mitteln noch übrig ist, aus Spenden, aber auch aus den Einnahmen vom Weihnachtsmarkt in Binzen, will die Gruppe im kommenden Jahr noch einmal eine Einladung an Tschernobylkinder aussprechen, dann ist endgültig Schluss. Der Arbeitskreis mit einem harten Kern von zuletzt acht Aktiven wird aufgelöst.
Die Kosten für fast alles seien buchstäblich in die Höhe geschossen, erklärt er. Insgesamt um rund 40 Prozent. Gerhard Laux könne nicht mehr – wie in den vergangenen Jahren – mehrtägige Hausbootfahrten anbieten, weshalb zusätzliche (kostenpflichtige) Übernachtungen für die Kinder fällig würden. Da es keine Direktflüge mehr aus Minsk gebe, müsse die Anfahrt der Gruppe aus Zhlobin per Zug und Bus über Berlin geplant, Kinder und Begleiterinnen dort abgeholt werden – für die ehrenamtlich Engagierten war das zuletzt nur noch schwer stemmbar.
Den Menschen zeigen, dass es auch andere Länder gibt
Schon länger haben bei den Besuchen der Kinder aus Belarus nicht mehr die Schäden durch den Reaktorunfall im Mittelpunkt gestanden. Die Menschen sollten ein anderes Land kennenlernen: Es gibt noch etwas anderes als Belarus, ein Land, aus dem es heute gar nicht so einfach sei, herauszukommen.
„Das war eine schöne Arbeit“, fasst Werner zusammen, der mit seiner Frau Irina, einer Belarussin, die er im Rahmen dieses Projekts kennengelernt hat, regelmäßig in deren Heimatort nach Belarus fährt. Dort treffen die beiden viele von denen wieder, die einst in Weil am Rhein, in Rickenbach und in Frankreich mit dabei waren. „Was da zurückkommt von den Familien und Kindern, das kann man gar nicht beschreiben“, sagt Werner gerührt.
Hintergrund: Arbeitskreis Tschernobylkinder
Zuletzt verbrachten jedes Jahr etwa zehn Kinder zwischen zehn und zwölf Jahren mit Begleitpersonen aus der Stadt Zhlobin drei Wochen in Weil am Rhein. Der AK übernahm, angefangen von der Visabeschaffung über die Reise- und Verpflegungskosten, bis hin zur Versicherung sämtliche Ausgaben. Die dabei anfallenden Kosten werden durch Spenden finanziert. Eine weitere Einnahmequelle waren die Teilnahme an Weihnachtsmärkten oder anderen Aktionen. Die Kinder waren für die ersten Tage im Naturfreundehaus der Hochtouristen Kandern in Rickenbach/Strick und den Rest der Zeit in den Räumen der Friedensgemeinde Weil am Rhein-Friedlingen untergebracht. Ausflüge, ein Grillfest, Besichtigungen und vieles mehr stehen auf dem Plan, um den größtmöglichen Erholungswert zu erzielen. Ein Schwerpunkt bildet der Gesundheits-Check. Augen und Ohren werden untersucht. Die richtige Zahnpflege wird von Fachleuten erklärt. Eine Zahnbehandlung steht für alle auf dem Programm.