Das Krematorium am Schwenninger Waldfriedhof ist im Jahr 2018 eingeweiht worden. Rund fünf Jahre später wurde eine zweite Ofenlinie installiert. Foto: Mareike Kratt

Seit fast anderthalb Jahren ist im Krematorium am Schwenninger Waldfriedhof eine zweite Ofenlinie in Betrieb. Unsere Redaktion war vor Ort, um sich einen Eindruck zu verschaffen, warum diese so notwendig ist.

Als im Mai 2018 das neu gebaute Krematorium erstmals in Betrieb genommen worden ist, war bereits klar, dass es irgendwann vonnöten sein wird: der Einsatz einer zweiten Ofenlinie. Weitreichende Planungen waren entsprechend beim Bau der modernen Einäscherungshalle getroffen worden, so dass der Platz sowie ein zweiter Kamin in der großen Feueranlage bereits schon vorgesehen waren.

 

Viele Gründe

Dennoch gibt Roland Kleiser, Betriebsleiter des Krematoriums, zu: „Ich hätte damals nicht gedacht, dass wir die zweite Linie so schnell brauchen werden.“ Doch die Zahl der Einäscherungen im Oberzentrum ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Und das entspreche der allgemeinen Tendenz. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die Bürger würden immer älter, eine intensive Grabpflege sei nicht mehr gewünscht, zumal sich die Gestaltungsmöglichkeiten in Sachen Urnengrab erweitert hätten. Auch der nachlassende Einfluss der Kirche spiele ebenso mit hinein wie steigende Friedhofsgebühren, erläutert die stellvertretende Betriebsleiterin der Technischen Dienste VS (TDVS), Tina Neder, die das Krematorium betreiben.

Projektbeschluss von 2022

Schon bald also habe die Zahl der Einäscherungen bei rund 3500 pro Jahr gelegen – und das Krematorium war an seine Kapazitätsgrenze gekommen. Dem Planungsbeschluss im Jahr 2021 folgte im Januar 2022 der Projektbeschluss für den Bau der zweiten Ofenlinie. Die Alternative: Die erste Ofenlinie hätte wegen Verschleißes zur Revision ausgebaut werden müssen – das Krematorium wäre für einige Wochen nicht betriebsfähig gewesen.

Stattdessen wurde – parallel zum Betrieb, aber entsprechend gut koordiniert und für Betroffene und Besucher nicht sichtbar – von November 2022 bis Mai 2023 gebaut, blickt der Betriebsleiter zurück. Nach einer sogenannten Aufheizphase konnte die neue Ofenlinie schließlich zum Juli 2023 in Betrieb genommen werden.

Haben mit dem Einbau der zweiten Ofenlinie, deren Eingang im Hintergrund zu erkennen ist, ein gutes Gefühl: Roland Kleiser, Betriebsleiter des Krematoriums, sowie Tina Neder, stellvertretende Betriebsleiterin der TDVS. Foto: Mareike Kratt

Idealer Gasverbrauch

Roland Kleiser spricht dabei von einer „reibungslosen Umsetzung“, zumal Architekt und Baufirma bereits für den Bau der gesamten Anlage und somit der ersten Ofenlinie zuständig waren. Seither sind beide Ofenlinien miteinander gekoppelt und werden vom Steuerungsraum aus bedient. Sie haben beide sechs Brenner und dasselbe Gasmanagement, das zu einem idealen Gasverbrauch führe, erklärt der Betriebsleiter. Und so hatte auch die Energiekrise keine Auswirkungen auf den Betrieb: 2023 betrug der Anteil der Gaskosten an den Gesamtkosten des Krematoriums rund 3,2 Prozent, heißt es vonseiten der Stadt. Die Energiekosten insgesamt lagen bei rund acht Prozent.

Mehr Sicherheit

Mit dem Einbau der zweiten Linie habe Roland Kleiser von Anfang an ein gutes Gefühl gehabt. „Wir haben mehr Sicherheit.“ So sei man für einen Störungsfall stets gewappnet und habe auch die notwendige zweimonatige Revision der ersten Linie ohne Ausfall bewältigen können. Schließlich sei der oberste Anspruch, die Einäscherungstermine auch einhalten zu können.

Kein Schichtbetrieb mehr

Die Tatsache, dass im Krematorium nun täglich zwei Ofenlinien in Betrieb sind, führt aber nicht unbedingt zu Mehrarbeit bei den Mitarbeitern, im Gegenteil: Zu den vier Mitarbeitern sei zwar eine 50 Prozent-Kraft hinzugekommen. Doch der Schichtbetrieb, der früher von fünf Uhr morgens manchmal bis 24 Uhr gedauert hat, sei nun in den Tagesbetrieb zwischen sieben und 16 Uhr übergegangen, freut sich Roland Kleiser über die zeitliche Straffung.

3800 Einäscherungen

Und die Zahl der Einäscherungen der letzten beiden Jahre spricht für sich: Sie ist nochmals von 3500 auf 3800 gestiegen – „der Bedarf ist eindeutig da“. Mehr denn je hat das Krematorium am Waldfriedhof durch die neue Ofenlinie eine Bedeutung in der gesamten Region und ist eines der größten Krematorien im süddeutschen Raum, „die Bestatter kommen gerne zu uns“.

Die Feueranlage im Inneren des Krematoriums zeigt Umfang und Komplexität des gesamten Baus. Foto: Mareike Kratt

Pietät und Würde

Schon immer sei man landkreisübergreifend tätig und leiste Amtshilfe, wenn andere kommunale Krematorien an ihrer Kapazitätsgrenze seien. Und auch oder gerade weil das Krematorium auf dem freien Markt stets in Konkurrenz zu anderen – auch privaten – Einäscherungshallen steht, hat für Roland Kleiser und sein Team vor allem eines oberste Priorität: das Thema Pietät und Würde.

Entsprechend sensibel und diskret werde jede Einäscherung vollzogen, wird auch den Angehörigen – nicht zuletzt durch den Abschiedsraum mit Blickkontakt zum Sarg, der zur Feuerbestattung übergeben wird – die Möglichkeit gegeben, individuell Abschied zu nehmen.

Einäscherung und Urnenbestattung

So sind die Zahlen für VS
Das in den Jahren 1927/1928 errichtete Krematorium der Stadt Villingen-Schwenningen wurde im Mai 2018 durch das neue Krematorium am Waldfriedhof im Stadtbezirk Schwenningen ersetzt. Die Anzahl der Einäscherungen pro Jahr liegt bei rund 3800. Wie Betriebsleiter Roland Kleiser berichtet, liegt der Anteil der Urnenbestattungen in Villingen-Schwenningen mittlerweile bei rund 77 Prozent.

Grabart
Die häufigst gewählte Grabart in der Doppelstadt ist das Urnenfamiliengrab am Gemeinschaftsbaum, das im Jahr 2023 rund 300 Mal gewählt wurde. Hinzu kommen Urnenfamiliengräber als Partneranlage, Urnenreihengräber oder Urnenwände, die insgesamt 200 Mal neubelegt wurden. Zum Vergleich: Im Jahr 2023 gab es in der Doppelstadt bei den Erdgräbern 97 Neubelegungen, davon wurde 70 Mal das Erdfamiliengrab gewählt.