Wie lange wird es noch den Ceratizit-Standort in Empfingen geben? Das Unternehmen plant den Abzug im Jahr 2026. Foto: Florian Ganswind

Südwestmetall-Geschäftsführer Vetter analysiert die angespannte Lage der Metallindustrie in Baden-Württemberg und kritisiert fehlende politische Reformen. Auch die drohenden US-Zölle sorgen für große Unsicherheit.

Wie geht es der Metallindustrie in Baden-Württemberg? Die Entscheidung des Luxemburger Unternehmens Ceratizit, den Standort in Empfingen aufgeben zu wollen, sorgt für Unruhe. IG Metall und Betriebsrat wollen das überraschende Aus nicht so einfach akzeptieren – vor allem weil das Werk bessere Zahlen als andere schreiben würde.

 

Doch wie steht es um die Branche insgesamt im Südwesten? Ist Ceratizit nur der Anfang? „Der Branchentrend zeigt insgesamt klar nach unten“, sagt Jan Vetter, Geschäftsführer der Südwestmetall-Bezirksgruppe Reutlingen, der zunächst betont, dass der Verband sich zu einzelnen Unternehmensentscheidungen wie bei Ceratizit nicht äußern könne.

Es drohen weitere Werksschließungen und Standortverlagerungen Doch es gibt allgemeine Warnsignale: „Wir beobachten aktuell einen deutlich gestiegenen Beratungsbedarf bei unseren Mitgliedern. Dabei geht es um Themen wie Kurzarbeit, aber auch um Ergänzungstarifverträge, die Erleichterung bei den Kosten ermöglichen. Je länger die wirtschaftlich angespannte Situation jedoch anhält, desto größer wird die Gefahr, dass wir am Ende des Tages auch über mehr Werksschließungen und Standortverlagerungen reden müssen.“

Jan Vetter, Geschäftsführer der Südwestmetall-Bezirksgruppe Reutlingen Foto: Südwestmetall

Strukturelle Standortdefizite

Der Verband der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg blickt sorgenvoll auf die Branche. „Die stark exportorientierte baden-württembergische Metall- und Elektroindustrie (M+E) gerät durch strukturelle Standortdefizite wie nicht wettbewerbsfähige Unternehmenssteuern, hohe Arbeitskosten und Energiepreise sowie eine immer erdrückendere Bürokratie im internationalen Wettbewerb zunehmend ins Hintertreffen“, so Vetter.

Drohende US-Zölle sorgen für Zurückhaltung bei Investitionen Gleichzeitig würden sich die Unternehmen aktuell mit „außerordentlich großen Handelsrisiken“ konfrontiert sehen. „Die vorläufig ausgesetzten drastischen US-Zollerhöhungen bedrohen unmittelbar die Exporte in die Vereinigten Staaten. Die daraus resultierende Verunsicherung sorgt für Investitionszurückhaltung und verschärft die ohnehin angespannte wirtschaftliche Lage bei uns.“

Talfahrt der M+E-Industrie im Land

Auch zum Jahresanfang habe sich „die Talfahrt der M+E-Industrie im Land“ fortgesetzt. Vetter gibt Einblicke in die Zahlen: „In den ersten beiden Monaten des Jahres lagen die baden-württembergischen M+E-Auftragseingänge weiter klar im Minus (-2,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum). Die M+E-Produktion war im Januar und Februar 2025 sogar um 4,7 Prozent schwächer als im Vorjahr.“

Das hat auch Folgen auf die Belegschaften der Firmen, so Vetter. „Diese Entwicklung bleibt natürlich nicht ohne Folgen für die Beschäftigung in der baden-württembergischen M+E-Industrie. Sie sank im Februar 2025 im Vorjahresvergleich um 2,1 Prozent auf rund 961.600 Beschäftigte.“

Das fordert Südwestmetall von Politik und Gewerkschaften Doch was muss sich ändern? Vetter antwortet und kritisiert dabei auch die unzureichenden Pläne der neuen Koalition: „Klar ist: Ohne schnellen, kräftigen Rückenwind und echten Reformwillen der Politik wird sich die Lage in der M+E-Industrie weiter zuspitzen. Deshalb fordern wir schon seit langem eine grundlegende wirtschaftspolitische Wende. Aber leider greift auch der von Union und SPD ausgehandelte Koalitionsvertrag – trotz einzelner positiver Elemente – wieder viel zu kurz.“ Dabei dürfe es nicht bleiben.

Südwestmetall fordert „verantwortungsvolle Tarifpolitik“

Auch die Gewerkschaften kommen bei Vetter nicht ungeschoren davon: „Es ist aber auch Aufgabe der Sozialpartner, mit einer verantwortungsvollen Tarifpolitik wieder für eine wettbewerbsfähigere Kostensituation zu sorgen. Denn auch bei den Entgelten steht unsere Industrie im internationalen Vergleich an der Spitze.“

Der Südwestmetall-Geschäftsführer sieht auch positive Aspekte, die aber in Gefahr sind: „Natürlich sind die beschriebenen Standortfaktoren und Rahmenbedingungen bei anstehenden Standortentscheidungen von großer Bedeutung. Rechtssicherheit und ein stabiles Umfeld sind aber auch wichtig. Für bestehende Standorte hier in Deutschland spricht zudem grundsätzlich, dass sie bereits vorhanden beziehungsweise angebunden sind. Wenn die negativen Faktoren jedoch Überhand nehmen, reicht dieser Vorteil nicht mehr aus.“