Wie geht es nach dem Brand Mitte Dezember 2022 in der Neuapostolischen Kirche in Sigmarswangen weiter? Und was passiert mit der hochwertigen, selbstgebauten Orgel, dem Lebenswerk des Organisten Joachim Wößner?
„Ich konnte es lange gar nicht fassen. Es war unvorstellbar“, sagt Joachim Wößner. Er meint den Moment am 16. Dezember 2022, als er erfuhr, dass es in der Kirche brennt, in der er geheiratet, Rubinhochzeit und die Taufe seiner Kinder gefeiert hat, in der er seit mehr als 50 Jahren als Organist tätig war, rund 3500 Gottesdienste musikalisch begleitet hat und in der sein Lebenswerk stand – die selbstgebaute Pfeifenorgel.
Sein früherer „Ort der Sicherheit und des Halts“, der 1975 geschaffen wurde, war über Nacht ein „bestialisch stinkender“ Ort mit einem vom Feuer zerstörten Altarraum und Ruß in allen Ecken und Ritzen geworden.
Die Ursache: laut Wößner stark heruntergebrannte Kerzen, die man vergessen hatte zu löschen und die auf einem Baumstumpf standen. „Am Mittwoch hatten wir noch Gottesdienst in der Kirche gefeiert, am Freitagabend war vom Altarraum kaum mehr etwas übrig“, erzählt Wößner.
Großer Schaden durch den Ruß
Dass von seiner Orgel, die gerade einmal etwa einen Meter entfernt gestanden hatte, überhaupt noch etwas übrig war, gleicht laut des Organisten einem Wunder. Trotzdem ist der Schaden durch den Ruß riesig. Anfangs, als noch unklar war, wie es weitergehen soll, versetzte das den 70-Jährigen in tiefe Trauer.
Denn die Pfeifenorgel ist für Wößner etwas ganz Besonderes. Wenn er sie spielt, dann fühlt er sich, als säße er in einem Cockpit. „Es ist, als wäre man der Herrscher über eine ganz andere Welt. Man hat sozusagen ein ganzes Orchester im Griff“, sagt er lachend.
Klänge haben den 70-Jährigen schon immer fasziniert. Früher schnitzte sein Vater ihm eine kleine Weidenpfeife, und Wößner spielte Clarina. Später erlernte er das Klavier, wobei er sich das meiste selbst beibrachte, und die Geige, gründete sogar ein Gemeindeorchester.
In den Klang der Orgel verliebt
Außerdem wuchs Wößner gegenüber von der evangelischen Kirche auf, im ehemaligen Gasthaus zum Ochsen, wo viele Jahre lang im Saal im Keller die neuapostolischen Gottesdienste stattfanden, ehe die Kirche in der Anwandstraße gebaut wurde. Wößner, der etwa 26 Jahre lang Diakon war, verliebte sich so schon früh in den Orgel-Klang.
Während seiner Zeit an der Hochschule in Reutlingen bekam er erstmals Orgelunterricht und war sofort fasziniert – insbesondere von der Klangvielfalt und der Technik. Eines Tages stieß er auf ein Buch über Orgelbausätze. Als leidenschaftlicher Bastler machte er sich an einen Bausatz für ein elektronisches Instrument und verkaufte dieses schließlich. Nach mehreren solcher Instrumenten-Bauprojekte hatte er das nötige Kapital zusammen, um in einen rund 10 000 Mark teuren Bausatz für eine erweiterbare Pfeifenorgel zu investieren. „Eine eigene Pfeifenorgel zu besitzen, war ein Lebenstraum für mich.“
Tausende von Teilen
Und man mag kaum glauben, wie viel Technik in so einer Orgel steckt. Tausende von Teilen galt es einer langen Baubeschreibung gemäß zusammenzubauen. Weil die Kirche in der Anwandstraße lediglich über eine kleine, nur mit einem Manual (Klaviatur) ausgestattete Orgel verfügte, stellte Wößner seine eigens gebaute Pfeifenorgel zur Verfügung.
Über mehr als 40 Jahre hinweg hat der Sigmarswanger die Orgel immer wieder erweitert und verbessert. Mal schien ihm der Subbass zu mager, mal fehlte es ihm im Tutti an Glanz. Oft baute er Probepfeifen, die er dann in der Kirche ausprobierte, um den für den Raum perfekten Klang zu erreichen. Wößner scheute keine Mühe und arbeitete über Jahrzehnte an seinem Herzensinstrument. Umso größer war die Sorge um sein Lebenswerk.
Wie geht es nun weiter?
Und wie geht es nun weiter? Im Februar wurde die Orgel mühsam abgebaut und der Kirchenraum entkernt. Decke, Teile des Bodens, die Elektrik und die Fenster waren beim Brand in Mitleidenschaft gezogen worden. Dass man bis zum Weihnachtsfest 2023 mit der Renovierung fertig sei, bezweifelt Wößner. Ostern 2024 sei realistischer.
Ähnlich ist es mit der Reparatur der Orgel, in deren Pfeifen sich der Ruß teilweise richtig eingebrannt hat. Ein Experte prüft, wie groß der Schaden ist. Die Holzteile müssten voraussichtlich mit Ozon behandelt werden, die Pfeifen möglicherweise abgeschliffen und mit Druckluft gesäubert werden, meint Wößner. Aktuell werde der Schaden an der Orgel auf rund 40 000 Euro geschätzt. Wenn Register und Klaviaturen neu gemacht werden müssten, werde es noch deutlich teurer, meint Wößner. Die Orgel verfügt über 16 Register, 826 Pfeifen und habe neu einen Wert von etwa 200 000 Euro.
Große Hilfsbereitschaft und Hoffnung
Glücklicherweise greife die Gebäudeversicherung – eine große Erleichterung für den Organisten. Die Gottesdienste der Neuapostolischen Gemeinde finden inzwischen in der Kirche in Wittershausen statt. Dort spielt Wößner auch etwa zwei Mal pro Monat Orgel. Die Hilfsbereitschaft und Anteilnahme im Ort sei überwältigend gewesen, erzählt der 70-Jährige.
Ob es gelingen wird, die Orgel jemals in den Ursprungszustand zu versetzen, ist noch unklar. Wößner hofft aber sehr darauf, eines Tages wieder auf seinem Lieblingsinstrument spielen zu können, denn das ist für ihn, „als würde die Seele Flügel bekommen“.
Auf dem Youtube-Kanal „Die Orgel in der NAK Sigmarswangen“ kann man sich selbst von der Klangfülle von Wößners Pfeifenorgel überzeugen.