Die Kreuzung am ZOB Foto: Terkowsky

Um die neue Fußgängerbrücke, die vom Turm des Calwer ZOB zu den Gleisen der Hermann-Hesse-Bahn führt, zu montieren, musste an der dortigen Straßenkreuzung die Ampelanlage abgebaut werden. Diese steht längst wieder – aber die Schilder fehlen. Unsere Redaktion hat gefragt, warum.

Welche Auswirkungen das Konzept des „gemeinsamen Raumes“ auf das Straßenbild in Calw hat, wird wunderbar am ZOB in Calw demonstriert. Denn an der dortigen Ampelanlage sind keine richtungsweisenden Verkehrsschilder montiert. Nicht mehr. Aber warum?

 

Als Ende Mai Europas größer Kran benötigt wurde, um die Fußgängerbrücke für das Dauerprojekt Hermann-Hesse-Bahn in den Turm des ZOB, der zu den Schienen führt, zu heben, hatte das unmittelbare Folgen für den Straßenverkehr. Denn um einen 750-Tonnen-Kran sicher aufzustellen, müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein.

Zum einen braucht es einen ebenen Untergrund und auf der anderen Seite braucht es jede Menge Platz. Infolgedessen wurde während der Baumaßnahmen die Bischofstraße gesperrt, Unebenheiten auf der Straße ausgeglichen und die Ampelanlage am ZOB komplett entfernt.

Als dann wenige Tage später die Straße wieder geöffnet wurde, waren die Ampeln wieder aufgebaut und funktionierten wie vorher. Aber etwas war anders: die Beschilderung fehlte. Und wurde seitdem auch nicht wieder aufgehängt. Hatte man das am Ende einfach vergessen?

Auch innerörtliche Beschilderung weg

Dies sei nicht der Fall, erklärt die Pressesprecherin des Landratsamtes Calw Marie Lindenberger auf Anfrage unserer Redaktion. „Die bisher vorhandene überörtliche Wegweisung (gelbe Schilder) ist an dieser Stelle (Zufahrt zum ZOB bzw. in die Innenstadt) nicht mehr erforderlich“, erklärt sie. Und auch die innerörtlichen weiße Beschilderung wird in Abstimmung mit der Stadt nicht mehr angebracht.

Doch wie kann es sein, dass im gewöhnlich bis ins kleinste Detail regulierten Straßenverkehr plötzlich auf Schilder verzichtet wird, die jahrelang fester Bestandteil der Verkehrsführung waren. Und da kommt das Konzept des „gemeinsamen Raumes“ ins Spiel.

Alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt

Dieses wurde in den frühen 90er Jahren federführend vom Niederländer Hans Mondemann entwickelt. Es beschäftigt sich hauptsächlich mit der Frage, wie der vom Kfz-Verkehr dominierte öffentliche Straßenraum lebenswerter werden kann und wie sich bei gleicher oder verbesserter Sicherheit eine Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer stattfinden kann.

Mittlerweile findet das Konzept oder zumindest einzelne Ansätze dessen weltweit Anwendung. Und dazu gehört eben auch der gesetzlich bedingte „Schilderwald“, der sich wie verschiedene Studien belegen, nicht nur nachteilig auf den Verkehrsfluss auswirkt, sondern auch negativ auf die Psyche der Verkehrsteilnehmer wirkt. Unabhängig davon kosten Verkehrsschilder Geld.

43 Prozent unnötig

Wegweisend war in Deutschland 1997 eine vom ADAC ins Leben gerufene Aktion, bei der im nordrhein-westfälischen Selm eine Woche lang 600 von 1100 Schildern verhüllt wurden und im Nachgang rund 43 Prozent der Schilder dauerhaft demontiert wurden.

Seitdem wurde auch der notwendige rechtliche Rahmen überarbeitet. Es gilt in Deutschland – vereinfacht gesagt – so wenig Schilder wie möglich, aber so viele wie notwendig. Und wem bislang nicht einmal aufgefallen ist, dass die Schilder fehlen, der dürfte diesen Ansatz begrüßen.