Bereits vor dem Gebäude der Rottweiler Tafel in der Lorenzgasse 3 ist der Ansturm zu beobachten. Foto: Roth

Die Rottweiler Tafel sorgte kürzlich für Schlagzeilen, indem die Einrichtung ankündigte, einen Aufnahmestopp zu verhängen und das System der Kartenverteilung zu überarbeiten. Unsere Redaktion stellt das neue Konzept im Interview mit den Verantwortlichen vor.

Rottweil - Donnerstagnachmittag, es herrscht großer Andrang vor der Tafel in Rottweil in der Lorenzgasse. Die gestiegene Nachfrage infolge der Inflation und Ukraine-Krise bringt die Ehrenamtlichen an die Grenzen ihres Schaffens. Die Folge: Die Rottweiler Einrichtung hat die Reißleine gezogen und einen Aufnahmestopp verhängt. Für kommendes Jahr muss jeder Tafelkunde seine Karte neu beantragen. Unsere Redaktion hat mit Leiterin Gisela Rehberg und Ralf Bösel, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands, über die aktuelle Lage gesprochen.

 

Frau Rehberg, Herr Bösel, seit wann haben Sie gespürt, dass die Nachfrage im Tafelladen nicht mehr zu bedienen ist?

Bösel: Der massive Anstieg an Bedürftigen hat nicht nur mit den Ukraine-Flüchtlingen zu tun. Durch die explodierenden Lebenshaltungskosten sehen wir immer wieder neue Gesichter in der Tafel. Spätestens im August überstieg die Nachfrage dann unsere Kapazität. Wichtig ist zu betonen, dass wir keine staatlichen Aufgaben übernehmen. So mussten wir leider auch Kunden ablehnen.

In welcher Größenordnung bewegt sich der gestiegene Zulauf?

Rehberg: Insgesamt müssen wir doppelt so viele Bedürftige wie zu normalen Zeiten betreuen. Bereits durch die Pandemie gab es einen größeren Zulauf. Das Problem ist, dass sich mehrere Krisen aneinanderreihen.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, den Aufnahmestopp zu verhängen?

Rehberg: Natürlich mussten wir diese Entscheidung schweren Herzens treffen. Aber nur durch die Neuverteilung der Karten ab kommenden Jahr können wir neue Kunden aufnehmen. Zwar stößt dieses Vorgehen teilweise auf Unverständnis bei langjährigen Tafelkunden, es ist aber die einzige Möglichkeit, eine gerechte Zuteilung der Waren zu ermöglichen. Ein Beispiel: Viele Ukraine-Flüchtlinge, die über eine Karte verfügen, sind wieder verzogen und blockieren so die Vergabe dieser Plätze an Bedürftige, die auch vor Ort leben.

Bösel: Wir haben bereits jetzt Registrierungen für nächstes Jahr. Dann darf jeder Bedürftige einmal wöchentlich kommen. Die Karten bekommen unterschiedliche Farben für die jeweiligen Öffnungstage. So verteilen wir den Ansturm etwas und ermöglichen eine gerechte Verteilung der Waren an die Bedürftigen.

Die Spendenbereitschaft für die Tafeln geht zurück, wie bundesweit zu hören ist. Wie sieht es mit der Versorgung im Rottweiler Tafelladen aus?

Rehberg: Das kann man auch in Rottweil bestätigen. Insgesamt fehlt das breite Band an Spenden. Milch, Öl, Zucker, Mehl fehlen zum Beispiel enorm. Diese Lebensmittel laufen ja nicht ab. Auch an haltbaren Konserven mangelt es. Oftmals ist die gespendete Ware sehr einseitig. Dann gibt es zwar ein Überangebot an Eiern, aber andere Waren fehlen. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Lebensmittelhändler mit Ausbruch der Ukraine-Krise ein anderes Konzept fahren – und darunter leiden die Tafeln.

Bösel: Dennoch muss man sagen, dass wir als ehrenamtliche Einrichtung sehr dankbar über die Spenden der Händler sind. Ohne deren Hilfe könnten wir das Angebot nicht aufrechterhalten.

Und die privaten Spenden?

Bösel: Die privaten Spenden sind ebenso stark zurückgegangen. Daher appellieren wir nochmals an die Spendenbereitschaft der Menschen. Jede noch so kleine Spende an die Tafel hilft und kommt direkt bei den Betroffenen vor Ort an.

Ab kommenden Jahr wird das System der Rottweiler Tafel überarbeitet und jeder Bedürftige muss sich jedes Jahr aufs Neue ein Kärtchen ausstellen lassen. Wie viele Karten stehen zur Verfügung?

Bösel: Insgesamt 1400 Karten werden ausgestellt. Man muss aber bedenken, dass hinter einer Karte mehrere Personen stehen. Beispielsweise kauft eine Mutter mit vier Kindern für insgesamt fünf Bedürftige ein, besitzt aber nur eine Karte. Die Anzahl der Personen pro Karte ist auf dieser aber vermerkt, und dementsprechend darf auch eingekauft werden.

Nach welchem Prinzip werden die Karten vergeben? Gehen Kunden leer aus?

Bösel: Es gilt nicht: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wir schauen immer individuell nach der Bedürftigkeit und den Begleitumständen. Aber wir haben uns Grenzen gesetzt und können nicht ausschließen, dass es Enttäuschungen gibt. Deshalb auch die jährliche Neuvergabe der Karten. Geht jemand dieses Jahr leer aus, besteht die Chance, im kommenden Jahr das Angebot der Tafel wieder in Anspruch zu nehmen.

Rehberg: Dazu muss gesagt werden. In Norddeutschland wird dieses System seit jeher umgesetzt. Da gibt es keine Tafelkunden, die 15 Jahre in Folge einkaufen dürfen.

Wie fielen die Reaktionen in der Kundschaft über das neue Karten-System aus?

Rehberg: Nicht jeder ist begeistert. Aber das war zu erwarten. Sicher ist: Wir tun weiterhin alles in unserer Macht stehende, um die Bedürftigen bestmöglich zu versorgen. Ich möchte auch nochmal ein großes Lob an unsere ehrenamtliches Team aussprechen. Was meine Truppe Woche für Woche leistet, ist nicht genug zu würdigen.

Werfen wir einen Blick ins kommende Jahr. Was macht Ihnen Hoffnung?

Rehberg: Dass ich auf mein verlässliches Team vertrauen kann und wir die Situation gemeinsam meistern. Wir dürfen nicht die Augen verschließen: Die Lage in den Tafelläden der Republik wird sich kurzfristig nicht entspannen. Ich hoffe, dass die Spendenbereitschaft der Händler erhalten bleibt. Das ist die Basis unseres Handelns.

Bösel: Durch die Arbeit von Frau Rehberg bin ich überzeugt, dass die Rottweiler Tafel auch diese Krise bewältigt. Ich bin stolz auf die Leistung der Kollegen.

Info: Tafelladen sucht neue Räumlichkeiten

■ Wie Ralf Bösel im Gespräch mit unserer Redaktion mitteilt, werden nicht nur Unterstützer für Lebensmittelspenden gesucht, sondern auch neue Räumlichkeiten. In der Lorenzgasse 3 im Rottweiler Zentrum sei zu wenig Platz für die gestiegene Nachfrage – maximal fünf Einkäufer dürfen coronabedingt gleichzeitig im Laden verweilen. "Weil wir eine ehrenamtliche Einrichtung sind, sollten die Mietkosten nicht zu hoch sein", erklärt Bösel. Wer hierzu Unterstützung anbieten kann, meldet sich per E-Mail an geschaeftsstelle@kv-rottweil.drk.de. Dazu wird ehrenamtliches Personal gesucht.

■ Die Organisation der Rottweiler Tafel ist aufwendig: Täglich fahren die Ehrenamtlichen mit Kleinbussen zu rund 30 Händlern im Kreis Rottweil und holen die Ware ab. "Das Angebot ist jedes Mal aufs Neue ein Überraschungspaket", berichtet Rehberg über die komplizierte Planung.

■ Wer bei der Tafel einkaufen darf, entscheidet der Jobcenter. Dieses stellt den Bedürftigen einen Grundsicherungsbescheid aus, mit welchem eine Karte beim Tafelladen beantragt werden kann. "Die Ämter haben dafür klare Richtlinien", betont Bösel. Auch das Umfeld der Bedürftigen spiele eine große Rolle.