Er verhandelte schwere Sexualdelikte und spektakuläre Strafverfahren: Nun verlässt Bernhard Lipp das Amtsgericht Villingen-Schwenningen und blickt auf bewegende Fälle.
Die Koffer sind noch nicht ganz gepackt, dafür gibt es noch zu viel zu tun – aber die Zeichen stehen auf Abschied: Der stellvertretende Direktor Bernhard Lipp verlässt das Villinger Amtsgericht. Er war nicht nur in der Verwaltung tätig, sondern verhandelte als Richter auch am Jugendschöffengericht sowie in Familienangelegenheiten.
Nach 22 Jahren folgt nun der nächste Karriereschritt für den gebürtigen Waldshuter, der im Schwarzwald-Baar-Kreis wohnt: Lipp wird zukünftig als Direktor das Amtsgericht in Konstanz leiten. Die Ernennung erfolgte am 18. Mai per Ernennungsurkunde.
Seit 2005 Richter auf Lebenszeit
„Ich freue mich sehr auf die neue Aufgabe – auch wenn es mir schwerfällt, die Zelte hier abzubrechen. Villingen ist mein Heimatamtsgericht, ich habe hier viele verschiedene und reizvolle Aufgaben wahrgenommen“, so der 55-Jährige. Der Familienvater wuchs im Breisgau auf, machte zunächst eine Ausbildung zum Kaufmann, studierte dann in Freiburg und absolvierte dort auch das Referendariat.
2001 trat er bei der Staatsanwaltschaft Konstanz seine erste Stelle an, anschließend ging es zum Amtsgericht Singen, zum Landgericht Konstanz und schließlich zum Amtsgericht Villingen-Schwenningen. Die zunächst noch mit dem Amtsgericht Donaueschingen geteilte Stelle trat er am 15. Januar 2004 als Assessor an, im Jahr 2005 folgte die Ernennung zum Richter auf Lebenszeit.
Dienstaufsicht über Gerichtsvollzieher
Seitdem übernahm er eine Vielzahl von Aufgaben – als Richter war er im Erwachsenenstrafrecht, im Zivilrecht, im Familienrecht, für Ordnungswidrigkeiten und bei Jugendstrafsachen tätig. Er zeichnete sich zudem für das Grundbuchamt verantwortlich und begleitete dabei die Reform samt der Zentralisierung in den Jahren 2013 bis 2017.
Im Oktober 2012 folgte der Vorsitz des Jugendschöffengerichts, 2015 wurde er ständiger Vertreter des damaligen Direktors Kurt Gött und damit stellvertretender Leiter. Bis zuletzt vertrat er den Amtsgerichtsdirektor Marc Gerster, der im Dezember 2021 ins Amt kam. Seit 2015 oblag Lipp auch die Dienstaufsicht über die Gerichtsvollzieher. „Das ist natürlich ein spannungsgeladener Beruf“, so der Richter. Auf seinem Tisch landeten Beschwerden und Kritik – auch die Zwangsräumung, die in Unterkirnach in einen Nervenkrieg mit Sprengfallen und SEK-Einsatz mündete, oblag seiner Aufsicht.
Vergewaltigung einer 12-Jährigen
Auch als Richter erlebte Lipp in Villingen-Schwenningen spektakuläre Fälle, aufgrund seiner Tätigkeit im Bereich des Jugendschöffengerichts oftmals aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Gedächtnis blieb ihm die Vergewaltigung einer 12-Jährigen auf dem Villinger Hubenloch im Sommer 2018. Nach einem aufwendigen Verfahren mit neun Verhandlungstagen konnte der Täter nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden – obwohl der Angeklagte behauptete, 15 Jahre alt zu sein.
Dutzende erhebliche Sexualdelikte gingen in dieser Zeit über seinen Tisch. „Es ist zum Teil belastend, was man dabei hören und sehen muss“, so Lipp. In vielen Fällen sei das Leben der Opfer – oftmals Kinder, Mädchen oder Frauen – ruiniert. Umso schwerer sei es oft genug, der breiten Öffentlichkeit die Urteile näherzubringen. „Das, was sich die Bevölkerung als gerechte Strafe vorstellt, unterscheidet sich oft von dem, was nachher als Strafe verhängt werden kann“, erklärt der Richter.
Menschenkenntnis spielt große Rolle
Für Aufsehen sorgte zudem die Verurteilung eines damals 21-Jährigen, der bei einem schrecklichen Verkehrsunfall bei Herzogenweiler den Tod seines 22-jährigen Mitfahrers verursacht hatte. Der Mann war mit bis zu 200 Stundenkilometern auf Landstraßen durch den Wald unterwegs – vor Gericht konnten ihm Raserei und ein verbotenes Kraftfahrzeugrennen mit Todesfolge nachgewiesen werden.
„Bei den meisten Fällen ist die Menschenkenntnis ein wichtiger Punkt“, weiß der Richter. Die Glaubhaftigkeit der Angaben des Angeklagten oder anderer Auskunftspersonen spiele eine übergeordnete Rolle. Lipp nutze hierfür wissenschaftliche Methoden, um so schnell zu erkennen, „wie ein Mensch tickt“ und ob er die Wahrheit sage oder nicht.
Stelle in Konstanz „glückliche Fügung“
Der 55-Jährige sah sich nun bereit, noch mehr Verantwortung zu übernehmen. „Ich bin über zehn Jahre als stellvertretender Behördenleiter ausgebildet worden – ich sah deshalb die Zeit gekommen, mich selbst nach so einer Stelle umzusehen.“ Als eine „glückliche Fügung“ sieht er es daher an, dass beim Amtsgericht Konstanz eine Stelle frei wird. Der dortige Direktor ist Ende April in Pension gegangen.
„Eilige und schwierige Fälle werde ich hier in VS noch weiterhin erledigen, bis meine Stelle wieder besetzt ist.“ Auch nach seinem Wechsel nach Konstanz bleibt Lipp dem Amtsgericht Villingen-Schwenningen zunächst noch verbunden: Für eine Übergangszeit wird er weiterhin einzelne Aufgaben übernehmen – ehe sich nach 22 Jahren endgültig ein Kapitel schließt.