Mit neuen Rennbahn-Modellen zieht der Hersteller auch die junge Generation in seinen Bann Foto: AdobeStock/Michael Eichhammer

Carrera-Bahnen sind der Kleine-Jungen-Traum der Wirtschaftswunderjahre. Heute sorgen sie nicht mehr nur für leuchtende Kinderaugen, sondern begeistern auch Sammler.

Fahrzeuge aus ganz Deutschland und den Niederlanden parkten vor rund zwei Jahren vor einem historischen Landgut in der Nähe von Krefeld. Der Anlass war ein trauriger: Drei Monate vorher war Till Reese verstorben, Deutschlands bekanntester Sammler von Carrera-Bahnen, Betreiber des Rennbahn-Shops und des Carrera-Museums in der Scheune des Landguts. An jenem Samstag im Dezember 2023 löste seine Familie die riesige Sammlung auf, liquidierte den Rennbahn-Shop – und lockte so noch einmal Fans des Autorennbahn-Systems von nah und fern an.

 

Rennbahn-Museum auf mehr als 150 Quadratmetern

Reese war ein leidenschaftlicher Carrera-Fan: Er hatte bei einem Umzug Mitte der 1990er-Jahre beim Kistenpacken zwei Grundpackungen der Carrera Universal aus den 1960er-Jahren auf dem Dachboden gefunden, sie gemeinsam mit einem Freund wieder aufgebaut – und sie funktionierten tatsächlich noch. Deutsche Wertarbeit eben. Die beiden Freunde fuhren ein Rennen gegeneinander, und Runde um Runde kehrten die Kindheitserinnerungen zurück: an die Wirtschaftswunderjahre, als eine elektrische Autorennbahn der Traum aller kleinen Jungen war. Aus seiner wiederentdeckten Leidenschaft für Carrera-Bahnen hatte Reese anschließend ein Geschäftsmodell gemacht: Er eröffnete in Krefeld den Rennbahnshop, in dem Carrera-Liebhaber alle historischen und aktuellen Modelle von Carrera finden konnten, baute die mit 120 Metern längste Carrera-Universal-Bahn Deutschlands auf, betrieb ein Renn-Center, wo Besucher Rennen gegeneinander fahren konnten und außerdem das einzige Rennbahn-Museum Europas auf mehr als 150 Quadratmetern.

„Elektrisch angetriebene, spurgebundene Automodelle gab es schon vor dem Zweiten Weltkrieg, so ab 1934 von Märklin. Die Produktion wurde allerdings 1938 eingestellt“, weiß Hans-Georg Breiding, Sammelexperte und Herausgeber des Online-Portals Sammeln-Sammler.de. „Elektrische Autorennbahnen, wie wir sie heute kennen, existieren seit den 1950er-Jahren.“ Führend auf dem deutschen Markt war lange Jahre die 1963 auf den Markt gekommene Carrera-Bahn des Fürther Spielzeugherstellers Neuhierl, Hauptwettbewerber war unter anderem Märklin Sprint.

Leidenschaftliche Carrera-Liebhaber wie Till Reese und all jene, die nach seinem Tod zum Ausverkauf nach Krefeld strömten, seien bis heute „das Herz der Marke“, sagt Carrera-Sprecherin Ariane Poschner. Durch ihr beeindruckendes Wissen über die Historie oder technische Details würden sie nicht nur immer wieder Carrera-Mitarbeiter ins Staunen versetzen, sondern würden auch immer wieder ihr eigenes Umfeld mit dem Carrera-Virus anstecken. Dadurch würden nicht nur treue Fans erhalten bleiben, sondern auch immer wieder neue dazukommen. Oft gibt es schon drei Generationen von Carrera-Fans – etwa, wenn der Vater seine Leidenschaft aus den Wirtschaftswunderjahren an den Sohn weitergegeben hat und der wiederum an seine Kinder. „Bis heute erleben Generationen von Familien an der Carrera-Rennbahn gemeinsam schnelle Duelle und actionreiche Drifts“, sagt Poschner. „Für unsere jungen Rennfahrer kommen noch Herausforderungen wie Looping und andere Action-Stunt-Elemente dazu.“ Die kleinsten Piloten können auch einfach mit Super Mario oder Paw Patrol über die Schienen flitzen.

Der Spaß kennt keine Altersgrenzen

Die Kinder müssen dabei natürlich nicht mit der alten Bahn von Opa spielen: Von Carrera gibt es zahlreiche neue Systeme, gerade jetzt zur Weihnachtszeit sind die Spielzeugregale in den Geschäften damit gut gefüllt. Da wäre einerseits die klassische Slot-Bahn, Carrera 124, bei der die Fahrzeuge im Maßstab 1:24 wie früher auf Metallschienen gesetzt werden und man spannende Rennen gegeneinander fahren kann. Es gibt aber mit der Carrera Digital 132 mittlerweile auch eine digitale Rennbahn-Variante mit KI-Unterstützung, die ohne Schienen auskommt und auf der bis zu sechs Fahrzeuge gegeneinander fahren können. „Der Spaß mit Carrera kennt keine Altersgrenze und verbindet Generationen seit vielen Jahrzehnten“, betont Poschner.

Der Kauf einer Carrera-Bahn kann dabei nicht nur mit Blick auf leuchtende Kinderaugen unter dem Weihnachtsbaum lohnend sein – zumindest, wenn man ein paar Jahre wartet: historische Rennbahnen aus den 1960er- und 1970er-Jahren sind nämlich heutzutage auch unter Geldanlage-Gesichtspunkten interessant – vor allem die zugehörigen Rennautos. Diese gibt es in verschiedensten Varianten: Unterschiedliche Marken, Modelle und Lackierungen. Für gebrauchte, bespielte Autos legen Carrera-Fans zwar je nach Zustand nur 10 bis 30 Euro auf den Tisch. Mit wirklich gut erhaltenen Modellen lassen sich aber auch 70 Euro und mehr erlösen. In Einzelfällen – wenn es sich um ein besonders seltenes Modell wie etwa den Renault RS10 F1 in Dunkelorange handelt, sind auch mal bis zu 500 Euro drin. Bedenkt man nun, dass kein echter Carrera-Liebhaber weniger als 50 Autos sein Eigen nennen wird, kommt da einiges zusammen. Wer also Opas alte Carrera-Bahn auf dem Dachboden entdeckt, kann damit durchaus ein hübsches Sümmchen erlösen, wenn er sie verkauft.

Höchstpreise gibt es für unbespielte Fahrzeuge in Originalverpackung

Ein Problem, wenn man das Hobby unter Geldanlage-Gesichtspunkten betrachtet: Tut man mit der Carrera-Bahn und den zugehörigen Autos das, wofür sie eigentlich bestimmt ist – nämlich damit Rennen zu fahren –, ist ihre Schönheit sehr vergänglich. „Selbst bei einigermaßen vorsichtiger Fahrweise lässt sich kaum verhindern, dass die Autos leichte Schäden davontragen“, sagt Sammelexperte Breiding. Ob ein Abflug, der im Eifer des Gefechts immer einmal vorkommen kann, oder eine Unachtsamkeit des Gegners, durch die sich eine Kollision nicht vermeiden lässt: Kratzer im Lack kommen eigentlich bei allen bespielten Rennbahnautos vor. Und die mindern den Wert deutlich – die Höchstpreise werden nur für unbespielte Fahrzeuge in Originalverpackung gezahlt. Denn nur die sind auch wirklich selten – und Seltenheit und Nachfrage bestimmen auf dem Sammlermarkt den Preis. „Schon die fehlende Verpackung wirkt sich wertmindernd aus“, so Breiding. Und zu einer Originalverpackung gehört auch der korrekte Aufkleber mit Artikelnummer und Modellbezeichnung.

Wer günstig an historische Modellautos kommen möchte, hat auf Flohmärkten gute Chancen. Dort ist das Schnäppchenpotenzial am höchsten. Auch das Internetauktionshaus Ebay ist eine Anlaufstelle für Carrera-Fans – allerdings sollte man hier darauf achten, sich ein Limit zu setzen und nicht im Eifer des Bietergefechts zu viel auszugeben. Denn natürlich schauen auch leidenschaftliche Sammler immer wieder bei Ebay vorbei – und wer dort ein besonders seltenes Stück entdeckt, das zur Komplettierung der Sammlung noch fehlt, wird deutlich mehr als den üblichen Preis dafür zu zahlen bereit sein.

Auf Sammlerbörsen kann man mit gleichgesinnten in Kontakt kommen

Für Einsteiger lohnt es sich, erst mal auf einer der zahlreichen, jedes Jahr überall in Deutschland stattfindenden Carrera-Sammlerbörsen vorbeizuschauen. Dort kann man sich einen Überblick über die aktuelle Preislage verschaffen und mit Gleichgesinnten in Kontakt kommen. Zugleich bieten die Börsen auch denjenigen, die sich an die auf dem Dachboden verstaubende Carrera-Bahn aus Kindertagen erinnern und sie zu Geld machen wollen, die Möglichkeit, sie zu verkaufen. Denn wo sich die Sammler aus ganz Deutschland treffen, ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, einen Interessenten mit dickem Geldbeutel zu finden.

Selbst wenn sich auf derartigen Treffen niemand finden sollte, der einen angemessenen Preis für einen besonderen Rennwagen zu zahlen bereit ist: Vielleicht weckt ja der Besuch auf einer solchen Sammlerbörse das längst verloren geglaubte Interesse an der Rennbahn wieder auf. Dann ab nach Hause, die Bahn unter den erstaunten Augen der Familie aufbauen – und in Kindheitserinnerungen schwelgen. Für eine glückliche Kindheit ist es nie zu spät.