Welche Geheimnisse verbirgt das Kreuz auf dem Bisinger Friedhof? Diese Frage stellte sich im Juni 2024, als ein Steinmetz eine überraschende Entdeckung machte. Das ist die Antwort.
Ein Steinmetz sollte ursprünglich eine schadhafte Stelle am Pfostament des Steinkreuzes auf dem Bisinger Friedhof ausbessern. Dabei machte er einen unvorhergesehenen Fund: Er fand ein kleines Kästchen und eine Flaschenpost. Eindringendes Wasser hat das Kästchen, in dem sich wohl eine Hostie befand, zu sehr beschädigt. Nur die Beschläge konnten erhalten werden. Das Papier in der Flasche konnte ein Restaurator dagegen noch retten. Dies erforderte sprichwörtlich Fingerspitzengefühl: Der Restaurator hat das sehr klein gefaltete und gerollte Papier geglättet und stabilisiert.
Der Text, datiert auf das Jahr 1876, gibt einen außergewöhnlichen Einblick in das Leben vor fast genau 150 Jahren in Bisingen. Das berichtete Kreisarchivar Uwe Folwarczny, der aus Anlass der Kreuzeinweihung auf dem Bisinger Friedhof seine Forschungsergebnisse im kleinen Saal der Hohenzollernhalle vorgestellt hat.
Kreuzweihe im Jahr 1876
Demnach steht in dem Brief, dass das Kreuz zu Maria Himmelfahrt 1876 vom damaligen Pfarrer Joseph Speh eingeweiht wurde. Dieser sollte in dem Schreiben noch eine wichtige Rolle spielen: Wie aus dem Bericht von damals weiterhin hervorgeht, erhielt eben dieser Pfarrer Speh eine Anordnung vom „Präsidium der Königlich Preußischen Regierung, datiert vom 12. März 1876“, die für die damalige Bisinger Bevölkerung zum Stein des Anstoßes geworden war.
Eine umstrittene Anordnung
Die Anordnung lautete: Der Pfarrer darf keinen Religionsunterricht an der Schule mehr geben – ein Affront in einer Zeit, in der der Glaube bis tief in die feinsten gesellschaftlichen Verästelungen verwurzelt war. Die Flaschenpost berichtet, dass „sämtliche Bürger“ den Präsidenten zur Rücknahme des Lehrverbots aufforderten, zumindest wollten sie aber den Grund wissen, „warum so gegen den Pfarrer vorgegangen werde“. Die Anfrage aus Bisingen blieb ergebnislos.
Abschließend heißt es in dem Brief: „In der Schule wird bis heute kein Religionsunterricht ertheilt, dagegen hat es der Pfarrer gewagt außerhalb der Schulzeit denselben in der Kirche zu geben, ohne bis jetzt gehindert worden zu sein“ – eine Beschreibung, die resigniert wirkt.
Konfliktreicher Gegensatz
Die Flaschenpost fällt in eine Zeit der Auseinandersetzung zwischen katholischer Kirche und verschiedenen Staaten, die viele Länder Europas erfasste, so auch Hohenzollern. Anlass waren gegensätzliche Strömungen: Liberale Kräfte wollten den Einfluss der Kirche auf den Staat zurückdrängen, während die katholische Kirche die Einheit von Staat und Kirche unter der unfehlbaren Autorität des Papstes anstrebte.
Der daraus entstehende Konflikt machte auch vor den fast ausschließlich katholische geprägten Hohenzollerischen Landen und Bisingen nicht halt. Die Autoren der Bisinger Flaschenpost selbst schreiben dem entsprechend von einer „Kulturkampfzeit“.
Blüte des Glaubens
Doch zuvor erlebte der katholische Glaube in der Region eine wahre Blüte. Mit dem Übergang der Fürstentümer an Preußen galten die liberalen Kirchenartikel der preußischen Verfassung nämlich auch für die Hohenzollernschen Lande. Diese Verfassung garantierte den Religionsgemeinschaften die selbstständige Verwaltung ihrer Angelegenheiten.
Die katholische Kirche in der Gegend konnte sich dadurch neu entfalten. Es folgte die Gründung von zahlreichen Bildungsanstalten, karitativen Einrichtungen und Ordensniederlassungen: Folwarczny nennt in seinem Vortrag in diesem Zusammenhang beispielhaft das Jesuitenkloster in Gorheim und das Benediktinerkloster Beuron. Auch ließen sich in Hechingen-Stetten Franziskaner nieder.
Diese Blüte des katholischen Glaubens wurde vom Kulturkampf jedoch unterbrochen. Die bayerische Regierung hatte bereits 1869 die europäischen Regierungen vor dem Unfehlbarkeitsdogma gewarnt und zu einer gemeinsamen Initiative aufgefordert.
Trennung vom Staat
Die Initiative Bayerns schaffte ein politisches Umfeld, in dem auch Preußen das Schulgesetz erneuerte. Dieses sah vor, dass dort kein Religionsunterricht mehr stattfindet, ganz im Sinne der Trennung von Staat und Kirche. Auch wurden die Bildungseinrichtungen von nun an unter staatliche Aufsicht gestellt.
Mit der Weigerung der hohenzollerischen Geistlichkeit sowie der katholischen Zentrumspartei, den neuen Gesetzen zu folgen, kam es zum offenen Konflikt zwischen Kirche und Staat, zum besagten „Kulturkampf“.
Auch der Bisinger Pfarrer wurde als Lehrer und Lokalschulinspektor in Bisingen abgesetzt. Kreisarchivar Folwarczny: „Pfarrer Joseph Speh steht stellvertretend für das Schicksal vieler Geistlicher, die während des Kulturkampfes in Hohenzollern für tradierte Rechte der Katholischen Kirche eintraten und mit Repressionen zu kämpfen hatten.“
Neue Flaschenpost
Original und Replik
Vor rund 40 interessierten Mitbürgern segnete Dekan Michael Knaus das neu erstellte Sandsteinkreuz auf dem Bisinger Friedhof. An der Stelle steht inzwischen eine Replik des alten Kreuzes aus Maulbronner Sandstein auf dem originalen Sockel. Das originale Kreuz steht in der Aussegnungshalle und ist vor Witterung geschützt.
Neue Flaschenpost
Getreu der 1876 begonnen Tradition wurde erneut eine Zeitkapsel in den Sockel eingelassen. Diese enthält zeitaktuelle Daten über Bisingen, etwa über die Zahl der Einwohner, die Lebenshaltungskosten, die Finanzlage der Gemeinde, das Hochwasser 2024, die Wahlergebnisse und über das Maute-Areal.
Kosten
Die Kosten der Restaurierung beliefen sich auf 24 900 Euro, hinzu kommt der neue Korpus des Heilands für 1000 Euro. Finanziert wurde das Projekt von der Gemeinde Bisingen.
Dank
In seiner Ansprache bedankte sich Bürgermeister Roman Waizenegger unter anderem bei allen an Restaurierung und Geschichtsaufbereitung beteiligten Personen, vorneweg Diplom-Restaurator Frank Eger (Ostdorf) mit Team und Kreisarchivar Zollernalbkreis Dr. Uwe Folwarczny.
Einweihung
Dekan Michael Knaus – es war eine seiner letzten Amtshandlungen im Kirchspiel – hat das Kreuz gesegnet. Dabei sprach er Texte aus dem Philipperbrief des Apostels Paulus aus dem Neuen Testament, bevor er nach einem gemeinsamen Gebet mit Weihwasser das Kreuz bespritzte.