Der Gemeinderatsausschuss für Soziales, Kultur, Schule und Sport (SKSS) hat den Bericht des Staatlichen Schulamts über den muttersprachlichen Untericht an Albstadts Schulen zur Kenntnis genommen. Dieser ist in gewisser Hinsicht eine „Black Box“.
In Zeiten der Globalisierung gelten Fremdsprachenkenntnisse als wertvolles zusätzliches Wissenskapital und ihr Erwerb als förderwürdig – das gilt nicht nur für Englisch, Französisch oder Spanisch, sondern auch für jene Sprachen, welche Migrantenkinder zu Hause als Muttersprachen lernen und sprechen und denen sie nach dem Willen des Gesetzgebers auch nicht entfremdet werden sollen. Aus diesem Grund wird auch an Albstädter Schulen der sogenannte muttersprachliche Unterricht angeboten. Wo, wann, wie und von wem, das erfuhren die Mitglieder des Gemeinderatsausschusses für Soziales, Kultur, Schule und Sport am Donnerstagabend von Bürgermeister Steve Mall und von Bernhard Eisele, dem stellvertretenden Leiter des Staatlichen Schulamts Albstadt.
So sieht das Bildungsangebot aus: An der Tailfinger Lutherschule und der Ebinger Kirchgrabenschule erhalten Kinder türkischer Herkunft dreimal wöchentlich 90 Minuten lang muttersprachlichen Unterricht. An der Onstmetttinger Schillerschule sind es dreimal 45 Minuten – hinzu kommen 60 Minuten Türkisch-AG – , an der Ebinger Oststadtschule dreimal 60 Minuten, an der Ebinger Schalksburgschule, dem Tailfinger Schulzentrum Lammerberg und der Hohenberg- und Schloßberg-Realschule in Ebingen je einmal 90 Minuten. Am Gymnasium Ebingen wird neuerdings eine Stunde muttersprachlicher Türkischunterricht pro Woche angeboten; Premiere war just am Sitzungstag des SKSS.
Außer dem muttersprachlichen Unterricht für Türken gibt es in Albstadt auch noch den für italienische Kinder, aber nur an zwei Schulen: An der Lutherschule und der Kirchgrabenschule werden einmal wöchentlich jeweils 90 Minuten angeboten.
Nur bei zwei Sprachen istdie Schülerzahl groß genug
An den Schulen, die auf der Liste fehlen, gibt es keinen muttersprachlichen Unterricht, und es gibt auch keinen für das Dutzend anderer Sprachen, die Albstädter Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sprechen. Wie Eisele auf Anfrage aus dem Gremium erklärte, sind die Zahl der potenziellen Unterrichtsteilnehmer und die Nachfrage zu gering.
Was den muttersprachlichen Unterricht in Baden-Württemberg – und in Bayern – von dem in anderen Bundesländern unterscheidet: Ihm liegt das sogenannte „Konsulatsmodell“ zugrunde; das heißt, dass sowohl die Lehrpläne als auch das Lehrpersonal von den Schulbehörden des jeweiligen Herkunftslandes gestellt werden. Die deutschen Kultusbehörden bekommen diese Lehrpläne zwar vorgelegt; wie die darin enthaltenen Inhalte jedoch vermittelt werden – und vielleicht en passant noch alles mögliche Andere – , das erfahren sie nicht. Der Unterricht fällt nicht in ihre Verantwortung, und so gibt es auch keine Fach- und Dienstaufsicht. Der Klassenraum ist praktisch exterritoriales Gebiet.
Tuttlingens OB Beck protestiert
Das sorgt für Irritationen, auch bei den Albstädter Gemeinderäten. Oberbürgermeister Roland Tralmer hat, anders als sein Tuttlinger Amtskollege, der frühere Burladinger Bürgermeister Michael Beck, bisher keinen Protestbrief an die Landesregierung geschickt und gefordert, das Land möge endlich, wie im Stuttgarter Koalitionsvertrag vorgesehen, den muttersprachlichen Unterricht zur eigenen Sache machen. Die Gefahr, dass türkische Lehrer mit illiberalem, wenn nicht gar islamistischem Weltbild die Integration der Kinder in die westliche Gesellschaft torpedieren könnten, sieht er allerdings auch.
Manchem Schüler ist seine Herkunftskultur fremd
Indes sieht er auch die andere Seite: Er hat, wie er berichtete, mittlerweile auch einige der Lehrkräfte kennengelernt, die den muttersprachlichen Unterricht erteilen, und den Eindruck gewonnen, dass es nicht ihr Ziel ist, die Schüler ihrer deutschen Umgebung zu entfremden, sondern ihnen Herkunftssprache und -kultur nahezubringen – „nah“ diese nämlich oft gar nicht. „Gesunde Skepsis ist da durchaus angebracht – aber kein übertriebenes Misstrauen.“
Das Land scheut derzeitwohl die Kosten
Im übrigen wussten alle, warum die Pläne für die Aufgabe des Konsulatsmodells bisher in der Schublade blieben: Es ist preiswert. Wollte das Land den muttersprachlichen Unterricht übernehmen, müsste es ihn auch finanzieren. Und deshalb, so Bernhard Eisele, dürfte es dazu nicht so bald kommen.