Er wuchs in einer scheinbar intakten Familie auf – heute steht er vor Gericht, weil er seine Mutter getötet haben soll. Der 21-Jährige gesteht – und spricht über sein Leben.
Seit Dienstag wird am Landgericht Rottweil verhandelt, was schwer vorstellbar ist: Ein 21-jähriger Schramberger steht vor Gericht, weil er seine Mutter mit einem Fleischklopfer getötet haben soll.
Trotz seines emotionalen Geständnisses beschäftigt nicht nur das Gericht eine viel tiefer gehende Frage: Wie wird aus einem Sohn ein Täter – und aus einem Zuhause ein Tatort? Noch bevor der psychiatrische Gutachter gehört wird, führt der Vorsitzende Richter Karlheinz Münzer den jungen Mann zurück an den Anfang: in dessen Kindheit, in ein Leben voller Verantwortung, Überforderung und innerem Rückzug. Es ist die Geschichte eines Jungen, der zu früh zu viel Verantwortung hatte – und am Ende daran zerbrach.
Kindheit ohne Auffälligkeiten
Der Angeklagte spricht überraschend offen. Er wirkt nicht wie jemand, der etwas verbergen will – im Gegenteil: Es wirkt, als hätte er das Bedürfnis, endlich gehört zu werden. Seine Kindheit sei glücklich gewesen, erzählt er. In der Grundschule sei ihm alles leichtgefallen, lernen musste er kaum. Erst später habe er bemerkt, dass er kaum Freunde hatte. Auf die Frage, ob er ein Einzelgänger gewesen sei, antwortet er: „Ja. Ich war immer gerne allein.“ Nach der Grundschule wechselte er aufs Gymnasium – dort kam der Bruch. Er weigerte sich zu lernen, blieb sitzen. „Ich war faul“, sagt er, rückblickend ohne Beschönigung. Das Sitzenbleiben bezeichnet er dennoch als positiv: „Da habe ich Freunde gefunden.“
Keine Beziehungen, keine Nähe
Als der Vorsitzende nach dem sozialen Leben fragt, ob der Angeklagte jemals eine Beziehung gehabt habe, verneint dieser. Er habe nie das Bedürfnis verspürt – weder nach einer Partnerschaft noch nach körperlicher Nähe. Diese Frage steht nicht zufällig im Raum: Sie ergibt sich aus der Anklage wegen des Besitzes jugendpornografischer Bilder und Videos, die ausschließlich nackte Jungen zeigten. Auf Nachfrage erklärt er ruhig: „Wenn überhaupt, bin ich bisexuell.“
Weder Alkohol noch Drogen spielten in seinem Leben eine Rolle, Partys oder jugendliche Grenzerfahrungen ebenso wenig. Stattdessen verbrachte er seine Freizeit vor der Spielkonsole. Bis zur sechsten Klasse habe er Basketball gespielt – „danach nichts mehr“.
Der Wendepunkt: Der Tod des Vaters
Mit diesem Bild eines stillen, zurückgezogenen Jungen vor Augen führt das Gericht zu einem Wendepunkt hin: der Familie. Das Verhältnis zur Mutter sei „immer sehr liebevoll“ gewesen. Gegenüber dem Vater habe er Respekt gehabt, nennt ihn „streng“ und „nicht sehr empathisch“. Mit dessen Krebserkrankung habe sich alles verändert. „Ich hatte das Gefühl, ihm nie etwas bedeutet zu haben – erst als die Ärzte sagten, dass er sterben wird, hat er mir das erste Mal Nähe gezeigt.“ Der Vater starb 2022.
Für den damals 18-Jährigen bedeutete das nicht nur Trauer – sondern plötzlich eine neue Rolle: Er war von nun an „der Mann im Haus“, verantwortlich für Haushalt und Finanzen, während die Mutter arbeiten ging.
Absturz in die Isolation
Psychisch sei er in ein Loch gefallen. Er brach die Schule nach der elften Klasse ab, verschlief den Tag, saß bis tief in die Nacht am PC. „Ich hatte keinen Grund mehr aufzustehen“, sagt er. „Ich habe mich in meinem Elend gesuhlt.“ Dieser Zustand habe bis zu seiner Festnahme angedauert. „Ich habe alles vor meiner Mutter verborgen, weil ich mich geschämt habe.“
Der Versuch, Normalität zu bewahren
Trotzdem versuchte er, den Anschein eines geregelten Lebens zu wahren: Er begann eine Ausbildung in einem Industriebetrieb – war aber nur wenige Male vor Ort. „Ich konnte einfach nicht“, sagt er. An einer weiteren Ausbildungsstelle erschien er ein, zwei Mal. Nur wenn er Freunde traf, sei er für einige Stunden glücklich gewesen – „weil ich alles vergessen konnte“.
Gleichzeitig verwaltete er das gesamte Familienvermögen. Nach dem Tod des Vaters standen Versicherungen, Erbschaften – auch Oldtimer und eine Uhrensammlung – zur Verfügung. Anfangs war die Familie finanziell gut aufgestellt, doch das Geld floss schnell ab. Städtereisen, Neuanschaffungen, ein kompletter Umzug: „Wir haben verschwenderisch gelebt und uns keine Gedanken gemacht.“ Als das Vermögen schwand, habe er Ausreden gefunden und seine Mutter über den wahren Kontostand im Unklaren gelassen. Bis sich die Wahrheit nicht mehr verbergen ließ – und jener Moment kam, den er heute bitter bereut: Am Tag nach der letzten, aufgeräumten Diskussion über die Situation machte es – es ist das Letzte, woran er sich vor Gericht erinnern möchte – „Bumm“.