Im Muttermord-Prozess schildern die Schwestern der Getöteten und die Tante des Angeklagten am dritten Prozesstag ihren Schmerz – und wie sie zum Angeklagten stehen.
Seit nun mehr als zwei Wochen wird am Landgericht Rottweil ein Fall verhandelt, der die gesamte Region erschüttert: Ein 21-jähriger Schramberger soll seine Mutter mit einem Fleischklopfer getötet haben.
Nachdem am zweiten Verhandlungstag Zeugen, Freunde und Bekannte über den Angeklagten gesprochen hatten, standen beim dritten Prozesstag am Montag nun jene Menschen im Mittelpunkt, die den Verlust am tiefsten spüren: die Familie der Getöteten – und zugleich die Familie des Angeklagten. Es war die bislang emotionalste Verhandlung im Muttermord-Prozess.
„Wir haben zwei Personen verloren“
Nacheinander betraten die beiden Schwestern der getöteten Mutter sowie die Schwester des verstorbenen Vaters den Zeugenstand. „Ab dem Moment der Tat gab es ein Davor und ein Danach. Wir haben zwei Personen verloren – unsere Schwester und unseren Neffen“, sagt die ältere Schwester der Verstorbenen mit zitternder Stimme.
Drei Frauen, die um dieselbe Familie trauern – und die in diesem Prozess mit ansehen müssen, wie der einst geliebte Neffe sich nun für die Tötung seiner eigenen Mutter verantworten muss. Es war ein Verhandlungstag, der weniger durch neue Fakten geprägt war als durch den Schmerz jener, die die 54-Jährige kannten, liebten – und bis heute kaum begreifen können, was am 20. Februar geschehen ist. „Die Person, die man einst kannte, ist heute nicht mehr die Person, die man jetzt sieht“, sagt die 53-jährige Tante des Angeklagten.
Die Frage nach den Finanzen
Der Vorsitzende Richter Karlheinz Münzer wollte von den Zeuginnen aber auch mehr über das Leben der Verstorbenen erfahren – vor allem zu dem Thema, das den Prozess seit Beginn begleitet: die Finanzen. Immer wieder stellt sich die Frage, wie es möglich war, dass die Mutter so wenig über die wirtschaftliche Situation wusste – und warum ein junger Mann die komplette Verantwortung über das Familienvermögen hatte.
„Meine Schwester hatte Schulden, bevor sie ihren Mann kennenlernte“, sagt die 53-Jährige. Diese hätten sich durch Online- und Katalogbestellungen angehäuft. „Ihr Mann hat ihr dann unter die Arme gegriffen, aber sie hat sich später durch einen Schuldnerberater selbst herausgeboxt.“ Für die Verstorbene sei das ein Befreiungsschlag gewesen, und seitdem habe es nach Aussage der Familie keine Probleme mehr gegeben.
Ein zurückgezogenes Leben nach dem Tod des Ehemanns
Zum Wesen ihrer Schwester sagt sie: „Sie mochte es, zur Ruhe zu kommen und zu lesen. Sie musste nicht ständig unterwegs sein.“ Nach dem Tod ihres Mannes jedoch habe sie sich zurückgezogen. Doch auch sie könne sich nicht erklären, wieso der Angeklagte die komplette Vollmacht über alles hatte: „Die Frage stelle ich mir auch. Ich kann mir das nur mit dem Tod ihres Mannes erklären, dass ihr das so den Boden unter den Füßen weggezogen hat, das sie das alles nicht mehr konnte.“ Auch die Beziehung zum Angeklagten beschreibt sie als gut: Er sei ein „energiegeladenes Kind“ gewesen, „immer schon reifer als andere“.
Auch die jüngste Schwester der Getöteten bestätigt diese Eindrücke. Sie erlebte ihre Schwester ebenfalls als ruhigen, gewissenhaften Menschen, der sich gerne zurückzog. Auch sie sagt, dass sie bis zur Tat nie etwas Negatives über den Angeklagten wahrgenommen habe. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester wusste sie allerdings, dass der 21-Jährige die Vollmachten hatte – für sie jedoch kein Anlass zur Sorge. „Ich bin davon ausgegangen, dass er das wollte“, sagt die 49-Jährige. „Er war immer sehr reif, und ich dachte, er nimmt ihr damit etwas ab. Ich ging davon aus, dass sie das gemeinsam geregelt haben.“
Schlaflose Nächte bis heute
Für die beiden Schwestern ist das Aussagen sichtlich schwer. Beide hätten bis heute mit schlaflosen Nächten und psychischen Auswirkungen zu kämpfen. „Nach so etwas kann man einfach nicht mehr zusammenfinden“, sagt die ältere. Die jüngere möchte sich zum heutigen Verhältnis nicht äußern, „weil ich mich sonst selbst strafbar machen würde.“
Anders sieht es die Schwester des verstorbenen Vaters. Trotz allem hält sie zu ihrem Neffen. Als sie unter Tränen aussagt, ist der Saal so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. „Ich stehe trotz dem Grausamen was passiert ist zu ihm. Er hat etwas unfassbar Schlimmes getan, aber nicht alles, was passiert ist, ist allein seine Verantwortung.“ Man habe viele Zeichen nicht erkannt, sagt sie, vieles übersehen, nimmt sie auch sich in die Verantwortung. „Für mich ist er nicht von Grund auf ein böser Mensch. Ich hoffe wirklich, dass er irgendwann die Chance auf einen Neustart bekommt.“
Sie erzählt, dass er kurz vor seinem Vater auch überraschend seine Großmutter verloren habe, zu der er ein sehr enges Verhältnis hatte. Als sie von ihrem Bruder und der verstorbenen Oma spricht, fließen beim Angeklagten erneut die Tränen. „Das war einfach alles zu viel“, sagt sie.
Ob am Mittwoch bereits das Urteil fällt, ist noch offen. Neben den Plädoyers stehen weitere Zeugenaussagen und das psychologische Gutachten auf der Agenda.